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Kommentar

11.10.2017

Das Buch ist wichtiger als das Smartphone

Immer mehr Kinder in den USA können nicht mehr lesen. Eine besorgniserregende Entwicklung, findet auch unser Autor Wolfgang Schütz.
Bild: Bernd Weissbro, dpa

Die Digitalisierung schadet dem Lesen. Nicht nur dem von Literatur. Das kann für unsere Gesellschaft zum Problem werden. Und unsere Demokratie erheblich schwächen.

Die Alarmmeldung kommt aus den USA, dem Mutterland der Digitalisierung. Aber sie sollte als Warnung auch bei uns wirken, im Mutterland des Buchdrucks. Zumal hier ja gerade die größte Branchenschau der Welt eröffnet hat, die Buchmesse in Frankfurt. Und dort wird sicher wieder diskutiert werden, ob die praktischen E-Reader nun wirklich dereinst die Kultur des bedruckten Papiers werden ersetzen können. Dabei geht es um so viel mehr.

Wer im Wahlkampf von Bildung spricht, meint Digitalisierung

In den USA nämlich haben Bildungsforscher herausgefunden, dass immer mehr Kinder nicht mehr lesen können. Gemeint sind damit nicht Analphabeten, der Schriftsprache Unkundige also – gemeint sind junge Menschen, die nicht mehr imstande sind, die nötige Konzentration aufzubringen, um Texte auch nur in der Länge dieses Beitrags hier durchzulesen und zu verstehen. Bei uns schien im zurückliegenden Wahlkampf, als meinte, wer immer von Bildung sprach, Digitalisierung ( Martin Schulz: "Wir dürfen nicht Schulen haben, wo mit der Kreide an die Tafel geschrieben wird. Sondern wir brauchen Schulen, die modern ausgestattet sind."). Bei uns denkt mancher in der Fortsetzung des so zeitgemäß klingenden Mantras "mehr Lebenswirklichkeit, weniger Goethe" schon laut über die Notwendigkeit eines eigenen Fachs zur besseren Beherrschung des Smartphones nachdenkt. Und in den USA führen Schulen gerade da Unterricht in "deep reading" ein. Das bedeutet "vertieftes Lesen" und heißt: Es geht darum zu lernen, einen Artikel, eine Reportage, eine Kurzgeschichte durchzuhalten, danach auch noch sagen zu können, was darin steht – und das irgendwann vielleicht auch mal mit einem ganzen Roman zu schaffen.

Nun ist Deutschland nicht Amerika, von dortigen Alarmmeldungen wie der, dass im Jahr 2016 erstmals mehr als die Hälfte der Erwachsenen kein einziges Buch (ob Print oder digital) gelesen hat, sind die hiesigen Verhältnisse weit entfernt. Noch? Die Warnung sei jedenfalls vernommen: Der Gebrauch des Smartphones mit all seinen Möglichkeiten, mit all der Gleichzeitigkeit, mit all den Ablenkungen senkt die Konzentrationsfähigkeit. Und der unendliche Ozean an verfügbaren Texten aller Art bewirkt einen zusehends schnelleren und oberflächlicheren Umgang mit Text an sich.

Verfügbarkeit von Wissen ist kein Verstehen

Und das ist nicht nur ein Problem für den Buchmarkt, der übrigens auch in Deutschland im vergangenen Jahr bereits um über zwei Millionen Käufer geschrumpft ist. Es ist auch ein Problem für die Gesellschaft. Denn wenn immer weniger Menschen, vor allem aber immer weniger junge in die Tiefen längerer Texte vordringen, geschweige denn sie zu Ende lesen – wo sonst sollen sie etwa in die Komplexität der politischen Zusammenhänge vordringen, wo sonst lernen, einen Gedanken zu Ende zu denken? In der Folge könnten nicht nur Vereinfacher politisch profitieren – auch der ohnehin unter Kosten- und Absatzdruck geratene Journalismus müsste sich weiter von Substanz und Tiefe verabschieden, zugespitzter, oberflächlicher, unterhaltsamer werden, um sich überhaupt Aufmerksamkeit zu bewahren. Was für die Demokratie beides schlecht wäre. Es kommt also wirklich auf das Lesen an!

Vor 20 Jahren bereits warnte der amerikanische Internet-Pionier Clifford Stoll im Buch "LogOut. Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben": "Das Internet verwandelt unsere Kinder in Leute, die glauben, dass mit dem Zugang zu Informationen automatisch ein Verstehen einhergeht." Das wäre in der Tat ein schlimmes Missverständnis. Selber-Denken lernt man nicht am Smartphone, sondern im konzentrierten Umgang mit Text – im guten alten Buch.

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11.10.2017

Ein paar interessante Gedanken, die hier angesprochen werden: Das Zurückdrängen des gedruckten Wortes wird gekoppelt mit dem Einkommen des Journalisten und verknüpft mit der Verteidigung der Demokratie. Darunter geht es dann doch nicht.

Es wird weder auf neue Medien wie Podcast, Video-Clip oder E-Reader eingegangen, noch am Zusammenhang Journalist - Demokratie gerüttelt.

Sehr Interessant, wirklich.

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