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Filmbranche

27.04.2020

Das Dokumentarfilm-Festival verlässt den Kinosaal

Bild: Dok.fest

Plus Das Münchner DOK.fest macht aus der Not eine Tugend. Erstmals werden die Dokumentarfilme gestreamt zu sehen sein. Trotzdem soll Festivalatmosphäre entstehen.

Das größte deutsche Dokumentarfilmfestival war schon fertig vorbereitet, da warf die Coronakrise alle Pläne über den Haufen. Anstatt in den Kinos der Landeshauptstadt findet das 35. DOK.fest München vom 6. bis 24. Mai nun als Onlinefestival statt. Wie ein solches genau ablaufen wird, stellt Festivaldirektor Daniel Sponsel noch dreieinhalb Wochen nach der Entscheidung vor Rätsel. „Wenn wir das schon wüssten ...“, sagte er unserer Redaktion. Filme per Streaming zu sichten, sei natürlich nichts Neues. Aber ein ganzes Festival, das ja auch von Begegnung und Austausch lebt, so zu organisieren? „Wir wollen schon noch ein Festival bleiben und nicht nur Anbieter von Filmen. Dafür sind wir jetzt auf einem guten Weg“, versprach Sponsel.

Er werde zu den Filmen im Programm auch Frage- und Antwort-Runden geben, eine Preisverleihung und eine virtuelle Eröffnungsfeier. „Wir machen auch ein Rahmenprogramm online.“ Die einzelnen Filme werde man nicht jederzeit anschauen können, sondern jeweils nur in einem gewissen Zeitrahmen – „also zwei, drei Tage und auch in der Besucherzahl gedeckelt, denn das wollen die Verleiher so“, erklärte der Festivalleiter. Allerdings ohne das uhrzeitgenaue Korsett eines festen Spielplans („sonst übertragen wir die Nachteile der analogen Welt ins Digitale“). Von den Frage- und Antwortrunden werde ein Teil vorher bereits aufgezeichnet. „Aber wir haben jeden Abend auch mindestens ein Livegespräch, an dem die Zuschauer über Social Media mit ihren Fragen aktiv teilnehmen können“, ergänzte Sponsel. Dieser Talk werde ebenfalls gespeichert und steht für diejenigen, die den Film erst später ansehen, zur Verfügung.

Im Programm laufen 159 Filme

Die Programmliste ist inzwischen unter www.dokfest-muenchen.de veröffentlicht. Sponsel: „Wir sind eine Woche später dran, denn wir mussten für jeden Film neu die Rechte abklären. Das war irre aufwendig.“ Anfang März stand das Programm mit 159 Filmen, die ausgewählt und zugesagt waren. Jetzt sind es noch 121, „denn nicht alle konnten online gehen“. Ein Onlinefestival unterscheidet sich ja wesentlich darin, dass es nicht auf eine Region einzugrenzen ist. „Sie können die beim DOK.fest München @home präsentierten Festivalfilme im Streaming in Augsburg angucken und ebenso in Hamburg. Aber wer im Sommer einen Kinostart plant, hat ein riesiges Problem damit, dass der Film schon von uns bundesweit ausgestrahlt wird“, sagte Sponsel. Dagegen entstehen kaum Probleme mit dem Dokumentarfilmfestival in Leipzig; es finde ein halbes Jahr später statt und habe eine ganz andere Auswahl im Programm.

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Gut sei der größere Einzugsbereich eines Onlinefestivals auf jeden Fall für ganz Bayern. Die bayerische Digital-Ministerin Judith Gerlach als Kooperationspartner verspricht sich davon eine attraktivere, modernere Gestaltung und neue Zuschauergruppen. Sponsel sagt: „Bislang dürften wir kaum Gäste aus Würzburg oder Regensburg gehabt haben. Das verändert sich jetzt natürlich; durch die Onlineversion können sie voll dabei sein.“ Tickets gibt es ab 29. April online zu kaufen – entweder für einen einzelnen Film oder als Festivalpass. Wer sich dann auf der Festival-Website einloggt, kann seinen Film abrufen und, auch mit Unterbrechung, innerhalb der nächsten 24 Stunden ansehen.

Erinnerungen der letzten Zeitzeugen des Weltkriegs und der Shoah

Das Schwerpunktthema kreist im Jahr 2020 um die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen an Weltkrieg und Shoah. Auffallend viele Filme, sagte Sponsel, seien dazu entstanden, sodass es eine eigene Reihe ergibt. Insgesamt ist ein breites Spektrum an Sujets geboten: In DOK.music der Auftritt der Wiener Band „Dreiviertelblut“ im Circus Krone und eine Langzeit-Reportage über das Innenleben der Wiener Symphoniker. Der letzte Film mit Bruno Ganz („Die Winterreise“) wird gezeigt und von Ai Weiwei der neue Film „Vivos“ über die Geschichte mexikanischer Studenten, die Opfer von Polizeigewalt wurden, den die Berlinale nicht genommen hatte.

Valentin Riedl porträtiert das gesichtsblinde Schulkind Carlotta. Über zwanzig Jahre lang begleitete der Filmemacher Christoph Hübner drei hoffnungsvolle Nachwuchsfußballer von Borussia Dortmund. Als Preisträger steht bereits der Film „Jenseits des Sichtbaren“ über die schwedische Malerin Hilma Af Klimt, die 1906 ihr erstes abstraktes Bild malte, fest. Aber auch ein skurriles Thema wie „Swinger – Die wunderbare Welt des Partnertausches“ oder die Psychologie des Donald Trump haben ihren Platz beim DOK.fest.

Die Preisverleihung findet per Videoschalte statt

Das Rahmenprogramm ist frei zugänglich. Die internationale Jury tagt sowieso virtuell, denn ein Mitglied sitzt in Los Angeles, eines in New York, eines in Kopenhagen. Für die Preisverleihung werden per Videoschalte Jury, Preisstifter und Preisträger zusammengebracht. Daniel Sponsel freut sich, dass alle 14 Preise auch für die Onlineversion zugesagt wurden. „Filmschaffende sind vom derzeitigen Lockdown stark betroffen. Auf unabsehbare Zeit sind weder Dreharbeiten möglich, noch können Projekte konkret geplant werden“, unterstrich er.

Bereits über zwei Wochen online ist der Programmteil DOK.education mit Workshops für die Schulen. In den einstündigen, kostenfreien Webinare für drei Altersstufen lernen Schüler, wie Dokumentarfilme entstehen und wirken. Neben einem Kurzfilm sieht man Interviews mit den Filmemachern. Sponsel freut sich über einen großen Zuspruch. „Es haben sich mehr Schulklassen als jemals zuvor angemeldet. 131 Klassen machen mit und knapp 1000 Schüler haben die Beiträge schon in den Ferien angesehen.“

Mehr zum Dokumentarfilmfest hier.

Mehr über neue Serien finden Sie hier:

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