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Wissenschaft

27.10.2017

Das Geheimnis des Österreichischen Bibelübersetzers

Ein prachtvolles Blatt aus dem Evangelienwerk des Österreichischen Bibelübersetzers.
Bild: Stift Klosterneuburg

Wie kriegt man den Mann zu fassen, der 200 Jahre vor Luther die Heilige Schrift ins Deutsche brachte, aber unbekannt blieb? Ein Augsburger koordiniert die Suche

Waghalsig war es, was er tat. Er hatte keine Erlaubnis dazu, und heftig zogen seine Widersacher gegen ihn zu Felde. Aber erwischt haben sie ihn nie und schon gar nicht zum Schweigen gebracht. Unerhörtes erlaubte sich dieser Mann in seiner Zeit: Schon 200 Jahre vor Martin Luther übersetzte er die Bibel ins Deutsche. Sein Lebenswerk sollte es werden. Aber er selbst blieb bis heute ein Phantom, genannt „der österreichische Bibelübersetzer“.

Fast 4,4 Millionen Euro sind auf diesen mysteriösen Österreicher inzwischen ausgesetzt. Vor allem ein Ermittler in Augsburg jagt dem Unbekannten nach: Professor Freimut Löser, 63, der sich wissenschaftlich auf Deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters verlegt hat. Seit gut dreißig Jahren verfolgt er die Spur des österreichischen Bibelübersetzers. Jetzt leitet er ein gemeinsames Forschungsprojekt der Bayerischen und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, das bis ins Jahr 2027 laufen wird.

Der Mann gab viel von sich preis - nur nicht den Namen

Löser hält sich alle Optionen offen: „Vielleicht kriegen wir doch irgendwann seinen Namen raus.“ Genügend Spuren hat der mittelalterliche Anonymus, der ums Jahr 1330 seine beste Schaffensperiode hatte, selbst gelegt. Der Mann war geradezu redselig und gab viel über sich preis, wenn auch nicht alles. Sogar, dass er zwischenzeitlich erkrankt war und deswegen sein publizistisches Werk unterbrechen musste, verriet er seiner Leserschaft.

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„Wir wissen, er war in Österreich tätig, genau gesagt in Krems. Aber wir wissen nicht, ob er aus Österreich stammt oder aus Mitteldeutschland zugewandert war“, erklärt Löser. Der Mann konnte Latein, hatte aber keine Hohe Schule besucht. „Vielleicht war er einst für die Klerikerlaufbahn vorgesehen, ohne sie dann verfolgt zu haben“, mutmaßt der Germanist. Er könnte einem franziskanischen Laienorden angehört haben. Wahrscheinlich schloss er sich selbst mit ein, wenn er von laici uxorati (verheirateten Laien) sprach. „Ich bin nicht geweiht und auch nicht ordiniert zum Predigen“, liest Löser bei ihm.

Trotzdem lag dem Namenlosen sehr am Herzen, weltlichen Männern und Frauen die Heilige Schrift zu erschließen. Gegen Ultrakonservative verteidigte er mit Nachdruck sein Recht, die Bibel in die Volkssprache zu übersetzen. Ihr seid doch nur neidisch, weil ihr um Geld predigt und um eure Einnahmen fürchtet, warf er ihnen vor. Hütete er dennoch seinen Namen aus Angst, ihm könne der Ketzerprozess gemacht werden? „Nein“, meint der Germanist, „die meisten mittelalterlichen Texte erschienen anonym, weil die Verfasser sagten: Ich bin ein Nichts und nur ein Sprachrohr Gottes.“ Indes erfüllte den Bibelübersetzer allemal ein starkes Sendungsbewusstsein. Denn er grenzte sich auch gegen Ketzer ab, die im Geheimen die Bibel lasen und aus Unverständnis deren Sinn verdrehten. Unser Mann dagegen wollte im Sinn der heiligen Kirche wirken.

Um sicher zu gehen, bot er seinen Lesern nicht nur den reinen Evangeliumstext, sondern reicherte ihn mit weiteren Informationen über das Leben Jesu an, die er im apokryphen Nikodemus-Evangelium fand und in der Legenda Aurea, der großen Heiligenerzählung des Mittelalters. „Nur weil diese Angaben nicht in den Evangelien berichtet werden, müssen sie nicht falsch sein“, argumentierte er. Seinem frömmigkeitsbeflissenen Publikum kam er allemal entgegen, wenn er beispielsweise erzählte, wie die Heilige Familie auf der Flucht vor dem Kindermord des Herodes nach Ägypten von Räubern entführt wird. Der Badeschaum des Jesuskinds sollte sich als heilsam erweisen, als einer der üblen Kerle schwer verwundet wird. Genau dieser Räuber hängt dann später neben Jesus am Kreuz und wird bereuen und sich bekehren, worauf ihm Jesus das Paradies verheißt.

Der Österreicher erzählte derlei, um Zusammenhänge herzustellen. „Ohne, dass er die Stoffe ineinander verrührte; er markierte ganz genau, was Evangelium, was ergänzende Texte und was Auslegung war“, lobt Löser die Ehrlichkeit des Unbekannten. Deswegen glaubt der Wissenschaftler nicht, dass der Anonymus doch noch eine Leiche im Keller haben könnte – „nur höchst lebendige Texte“.

Geschrieben in einer Volkssprache, die man heute noch gut versteht. Einzelne deutsche Wörter, die nicht mehr gebräuchlich sind, muss man halt erklären. Wer weiß schon, dass kon die Ehefrau bezeichnet und pullwechs stumpfe Nägel meint? Ein Prinzip von Luther hat der österreichische Bibelübersetzer schon vorausgenommen: „Er klebt nicht am Latein, sondern zielt auf einen gut lesbaren, verständlichen deutschen Text ab“, erklärt Löser.

Modernste Methoden helfen bei der Suche

Überhaupt habe „der Bursche“, wie ihn der Germanist gern nennt, eine eigene DNA. Er orientierte sich am Predigtstil, wandte sich oft direkt an sein Publikum: Schaut! Passt auf! Er unterbricht immer wieder mit Auslegungen und wettert gegen den Aberglauben seiner Zeit und gegen die Ketzer. Löser: „Stark wendet er sich gegen die Philosophen und greift die zeitgenössische Debatte auf, ob man deren heidnische Texte gegen die Heilige Schrift einsetzen darf.“ Die Juden kommen bei ihm auch nicht gut weg: Bevor sie nicht zu Christus bekehrt sind, kann der ersehnte Jüngste Tag nicht anbrechen.

Unglaublich emsig ging der Bibelübersetzer an sein Werk. „Allein die Evangelien füllen 700 große Folioseiten und weitere 300 Seiten seine Übersetzungen aus dem Alten Testament. Er hat selbst zwei verschiedene Fassungen hergestellt – eine mehr am Evangelium orientiert und ein durcherzähltes Leben Jesu“, berichtet Löser. Sein Ermittlerteam in Augsburg und Berlin verfolgt mit modernsten Methoden die Fährte des Anonymus. Für die mittelalterlichen Handschriften verwenden die Fahnder die Lesesoftware „Transkribus“. Tausende von Pergamentseiten werden sie durchforsten. Vielleicht auch noch neue Abschriften entdecken. „In Osteuropa“, weiß Löser, „gibt’s viele unerforschte Archive.“

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