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10.04.2017

Das Theater auf der Retrowelle

An immer mehr Häusern werden alte Inszenierungen neu in Szene gesetzt. Ein Erfolgsrezept? In Salzburg greift man mit einer „Walküre“ nun in die Karajan-Ära zurück

Wagners „Walküre“ tönt aus dem Lautsprecher, während auf dem Bildschirm Karajan im beigen Pulli auf einer Probebühne das Schwert Nothung schwingt. Kurz darauf sieht man den Maestro, umringt von Sängerinnen, Pappfigürchen bewegen auf einem Bühnenmodell: der Ritt der Walküren. Das Dokumentarvideo, das diese Szenen zeigt, ist Teil der Ausstellung „WalküRe“ in Salzburg. Sie erinnert an die dortigen ersten Osterfestspiele vor 50 Jahren, ein Herzensprojekt des Stardirigenten Herbert von Karajan, der damals auch höchstselbst die Bühnenregie in die Hand nahm, eben bei diesem zweiten Teil von Wagners „Ring“-Tetralogie. Die Ausstellung im Salzburg Museum hat aber nicht nur einen Jubiläums-, sondern auch einen aktuellen Anlass. 2017 wird bei den Osterfestspielen nämlich wieder „Die Walküre“ gegeben. Und zwar im selben Bühnenbild, das Günther Schneider-Siemssen ’67 für Karajan schuf.

Retro ist gerade unheimlich angesagt bei Inszenierungen. Die Oper Lyon hat gleich drei berühmte Regiearbeiten als Rekonstruktionen im Spielplan, Ruth Berghaus’ „Elektra“ (Dresden 1986), Heiner Müllers „Tristan“ (Bayreuth 1993) und Klaus Michael Grübers „Poppea“ (Aix 2002). Mailand folgt in Kürze mit einer wiederaufbereiteten „Entführung“ von Giorgio Strehler. Auch im Schauspiel gewinnt der Trend an Boden. Berlins neuer Volksbühnen-Intendant Chris Dercon will Samuel Becketts „Not I“ in dessen eigener Inszenierung herausbringen. Selbst in Augsburg zeigt man gerade einen „Faust“, in den die historische Gründgens-Filmfassung implantiert wurde.

Was veranlasst die Häuser zu solchen Rückgriffen? Möglicherweise die Einsicht, dass das In-Szene-Setzen nicht immer nur eine Eintagsangelegenheit, keineswegs nur „flüchtige Kunst“ ist. Vielleicht mischt sich darein auch die Erfahrung nach Jahrzehnten der Regietheater-Dominanz, dass das Neue nicht per se schon das Bessere und auch nicht in jedem Fall mit Erkenntnisfortschritt gleichzusetzen ist.

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Weshalb auch sollten 30, 40, 50 Jahre alte Inszenierungen nicht haltbare, im Idealfall zeitlose Aussagen innewohnen? Eine andere „flüchtige Kunst“, die Interpretation von Musik in Konzert und Oper, vermag in konservierter und wieder abgerufener Gestalt ja auch heute noch zu faszinieren, ob es sich nun um Aufnahmen von Toscanini handelt oder von Caruso. Ganz abgesehen davon wird der Markt für Opern-DVDs immer größer. Das Publikum will also nichts wissen von den „Reaktionär!“-Rufen, die einige Kritiker zum Thema Szenen-Rekonstruktion schon kundgetan haben.

Der Rückbezug der Salzburger „Walküre“ auf das Jahr 1967 steht jedoch unter speziellen Vorzeichen. Denn recycelt worden ist ausschließlich das Bühnenbild – die Regiebücher dagegen sind verschollen. So gibt es zum (neu angefertigten) alten Bühnenbild keine neu aufgelegte Karajan-Inszenierung, sondern eine Szenengestaltung durch die Regisseurin Vera Nemirova. Ob das funktioniert?

Zunächst: Selten hat ein Bühnenbild im Salzburger Großen Festspielhaus die Proportionen dieser Bühne besser in den Griff bekommen als Schneider-Siemssens 50 Jahre alter Wurf. In seiner Reduktion, in der das Ring-Symbol immer präsent ist – im 1. Akt durch die sich rundenden Wurzeln der Esche, später durch Kreisformen am Boden –, dient es der Konzentration auf die epische Erzählung und lässt dabei Raum für das Mythisch-Überzeitliche. Behutsam setzt hier Vera Nemirovas Szenenkonzept an. Es gibt keine derb gewollten Brechungen, und doch ist die heutige Handschrift spürbar: Etwa in der drastisch-sexualisierten Art, wie Hunding mit der angeheirateten Sieglinde umspringt; oder in den Projektionen genealogischer Listen, über denen Wotan auf der Suche nach (Er-)Lösung brütet. Die Tragik, das Archetypische des „Rings“ liegt hier so offen zutage wie selten in einer Wagner-Inszenierung.

Daran hat aber auch das fantastische Ensemble der Sängerdarsteller seinen Anteil. Wotans Grimm bei gleichzeitiger Melancholie gelingt Vitalij Kowaljow erschütternd, und Anja Kampe ist eine der ganz seltenen mädchenhaft-heldischen Brünnhilden. Der Sieglinde Anja Harteros gelingt momentan offenbar alles, was ihr über die Stimmbänder kommt, Peter Seiffert ist ein Siegmund-Heros ohne tenorale Brachialdemonstration. Hunding und Freya sind mit Georg Zeppenfeld und Christa Mayer luxuriös besetzt, und das Oktett der Walküren glänzt durch Differenzierung. Dass man alles, was gesungen wird, versteht, ist für eine Wagner-Aufführung geradezu sensationell und nicht zuletzt der wundersam akkurat musizierenden (bei Bedarf freilich wuchtig dreinlangenden) Dresdner Staatskapelle zu verdanken – und ihrem Chef Christian Thielemann. Dem stellt uns Wagner als Kammermusiker inzwischen auch ohne Bayreuther Orchestergraben-Deckel vor.

Gelungen also diese Salzburger Oster-„Walküre“. Doch taugt solch ein Hybrid aus Alt und Neu zum Modell? Das dürfte vom konkreten Fall abhängen, von der Qualität des zu Rekonstruierenden und der Sensibilität des oder der Nachschöpfenden. In Salzburg belässt man es bei den Osterfestspielen jedenfalls erst einmal bei diesem einen Versuch: Nächstes Jahr gibt’s „Tosca“, taufrisch inszeniert von Philipp Stölzl.

Nochmals am 17. April. Die Ausstellung läuft bis zum 18. April.

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