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Film von Milo Rau

17.12.2020

"Das neue Evangelium": Der schwarzer Jesus von den Tomatenfeldern

Jesus schleppt das Kreuz, an dem er den Tod finden wird. Yvan Sagnet in der Rolle des Religionsstifters in Milo Raus Film „Das neue Evangelium“.
Bild: Armin Smailovic

Regie-Provokateur Milo Rau hat in Süditalien mit Flüchtlingen das Leben Christi neu interpretiert. "Das Neue Evangelium" gelingt nicht durchweg. Die Film-Kritik.

Die Stadt Matera, ganz im Süden Italiens gelegen, ist berühmt für ihre pittoresk aus einer Senke sich erhebende Altstadt, die in ihrer gänzlich vormodernen Anmutung wie aus der Zeit gefallen scheint. Nicht nur Scharen von Touristen zieht das Konglomerat der dicht ineinander verschachtelten Sassi an, der zum Weltkulturerbe gehörenden Höhlenwohnungen. Matera bot auch schon wiederholt Kulisse für besondere Filmproduktionen, solche, die vom Leben und Sterben Jesu erzählten. Pier Paolo Pasolini hat 1964 hier in den engen Gassen und in der steinigen Landschaft drumherum seinen Film „Das Evangelium nach Matthäus“ gedreht, Mel Gibson tat es ihm Jahrzehnte später nach mit seiner „Passion Christi“. Keine andere Stadt vermag offensichtlich derart glaubhaft die Illusion des antiken Jerusalem zu wecken.

Als der Schweizer Theater- und Filmregisseur Milo Rau gebeten wurde, für das 2019 zur Kulturhauptstadt ausgerufene Matera ein Projekt zu realisieren, verfiel auch er recht schnell auf den Gedanken, hier noch einmal die Geschichte des Jesus von Nazareth zu erzählen. Doch für Rau, als Verfechter einer politisch-provokanten Kunst bekannt geworden mit Arbeiten wie „Breiviks Erklärung“ oder „Das Kongo Tribunal“, kam eine bloße weitere Bibel-Verfilmung nicht infrage.

Da stieß er im Umland von Matera auf den Stoff, mit dem sich die Figur des Gekreuzigten verbinden ließ: Hier, auf endlosen Tomatenfeldern, schuften Migranten als Erntehelfer. Geflüchtete aus Afrika vor allem, die über das Meer gekommen sind und nun als Illegale für einen Spottlohn dafür sorgen, dass Tomatenprodukte in europäischen Supermarktregalen für konsumverträgliche Preise zu haben sind.

Milo Rau fand die Schauspieler für "Das Neue Evangelium" auf den Feldern im Hinterland

Auf solchen Feldern, wie sie vielerorts im Hinterland der Mittelmeerküsten zu finden sind, hat auch der aus Kamerun stammende Yvan Sagnet sich abgeplagt, wenn auch nicht als Flüchtling, sondern um sich als Student etwas dazuzuverdienen. Als er die Ausbeutung der Billigarbeiter sah, organisierte er 2011 einen Streik unter den Tomatenpflückern. Mit dem charismatischen Sagnet, der inzwischen als Aktivist für die Rechte von Flüchtlingen in Rom lebt, hat Milo Rau die Rolle des Jesus in „Das Neue Evangelium“ besetzt. Eine bewusste Setzung: Ein dunkelhäutiger Religionsstifter in einer Zeit, in der die Black-Lives-Matter-Bewegung noch immer die Menschenrechte von Farbigen einklagen muss.

Das letzte Abendmahl in Milo Raus Film "Das Neue Evangelium".
Bild: Armin Smailovic

In seinem Film mischt Rau brisante Aktualität mit biblischem Geschehen. Wo hätte Jesus heute gepredigt? Wo seine Jünger gefunden? Im „Neuen Evangelium“ fährt die Kamera durch die schäbigen Unterkünfte der aus Afrika Emigrierten, gleich darauf sieht man den realen Yvan Sagnet mit dem Mikro in der Hand beim Aufruf zu einer „Revolte der Würde“, zur Erhebung gegen die menschenunwürdigen Verhältnisse. Dann gibt es Spielszenen, in denen Sagnet als Jesus in grobleinenen Gewändern einherschreitet und ebenso seine Jünger, die von Rau und seinem Team aus den Reihen der Migranten – zumeist afrikanischer Herkunft, darunter gläubige Muslime – gecastet wurden.

Auch der Filmgeschichte erweist Rau in "Das Neue Evangelium" seine Reverenz

Aber auch der Filmgeschichte erweist „Das Neue Evangelium“ seine Reverenz. Hoch symbolisch wird Jesus von einem Johannes getauft, dem Enrique Irazoqui seine Gestalt leiht – bei Pasolini hatte er den Jesus gespielt. Und die Maria in Raus Film ist Maia Morgenstern, die als Gottesmutter schon bei Mel Gibson zu erschüttern vermochte.

Milo Raus Anliegen, den Heilsbringer zu aktualisieren und dessen Botschaft im Heute zu verankern, ist in Anbetracht der europäischen Flüchtlingskrise so einleuchtend wie ehrenwert. Ästhetisch anspruchsvoll ist die Verknüpfung mehrerer Ebenen: die Jesus-Legende, der Protest der Tomatenpflücker, die mitgefilmte Entstehung des Films. Auch der Einsatz der Laiendarsteller gelingt, die Gesichter sind authentisch durch Erfahrung, nicht durch Schauspielkunst.

Eine Szene aus "Das Neue Evangelium".
Bild: Armin Smailovic

Und doch scheitert „Das Neue Evangelium“ am zentralen Punkt des Geschehens, bei der Kreuzigung. Bezeichnend, dass der Film hier eine beträchtliche Strecke lang auf jeglichen Gegenschnitt mit der Migrantenproblematik verzichtet. Was hätte er auch zeigen, was sagen wollen? Dass der Kapitalismus die übers Meer Gekommenen ans Kreuz schlägt, dass sie vom reichen Europa dem Foltertod überantwortet werden? So plakativ hat der um Provokation nicht verlegene Milo Rau dann doch nicht werden wollen.

Am Ende wandelt der Polit-Aktivist in Matera durch einen Supermarkt

Allerdings hat der Film im Rahmen des Passionsgeschehens seinen eindrucksvollsten Moment. Eine Castingszene, in der ein junger italienischer Laiendarsteller ganz nach eigenem Gutdünken vorführen soll, wie er den schwarzen Jesus mit Geißelschlägen peinigt. Mit welch lustvoller Brutalität der Kandidat – eigenem Bekunden nach gläubiger Katholik – nun mit einer Peitsche auf einen stellvertretenden Stuhl eindrischt, welch unverhüllt rassistische Fantasie der Mann beim Demütigen entfaltet, ist atemabschneidend. Was, fragt man sich, ist hier zu sehen – ein schauspielerisches Naturgenie? Oder eine Entfesselung, die, wenn nur zugelassen, jederzeit und überall ihr grausames Werk nach sich ziehen kann?

Am Ende des „Neuen Evangeliums“ wandelt der Polit-Aktivist Ivan Sagnet durch einen italienischen Supermarkt und hält eine Dose Tomaten in die Kamera: Endprodukt einer korrekten Herstellungskette, erkennbar am „No Cap“-Siegel, das den Pflückern faire Bedingungen garantiert. Das ist gewissermaßen die Frohe Botschaft von Milo Raus Film.

Auch an anderer Stelle soll Geld in die richtigen Taschen fließen. Ursprünglich war der Film fürs Kino geplant. Auch wenn er nun zwangsläufig nur digital zu sehen ist, soll er nach dem Willen von Autor und Verleih doch nicht vollständig an den krisengebeutelten Kinos vorübergehen. Auf der Filmwebsite (www.dasneueevangelium-film.de) lässt sich ein Ticket kaufen, der Zuschauer wählt daraufhin ein Kino aus, und dieses soll an der Filmauswertung finanziell beteiligt werden.

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