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Dizzy Gillespie

21.10.2017

Der Erfinder des Bebop

Heute könnte der Revolutionär unter den Jazzmusikern 100. Geburtstag feiern

Was wäre gewesen, wenn nicht Barack Obama, sondern ein gewisser John Birks Gillespie der erste farbige Präsident der Vereinigten Staaten geworden wäre? Jener Dizzy Gillespie, der sich als Jazz-Trompeter einen klingenden Namen machte und der heute seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte.

1964 hatte sich der Afroamerikaner, Menschenfreund und genialer Musiker, feinsinniger Kämpfer gegen den Rassismus und einer der Pfeiler des modernen Jazz, tatsächlich um das Amt des US-Präsidenten beworben. Mehr spaßeshalber, damit das Kandidatenfeld ein wenig aufgemischt werde. Seiner Kampagne ging allerdings rasch das Geld aus. Aber es ist durchaus reizvoll, sich vorzustellen, was aus Amerika geworden wäre, wenn er es ins Weiße Haus geschafft hätte. Max Roach, der Schlagzeuger, wäre sein Verteidigungsminister geworden, Duke Ellington, der Grandseigneur unter den Bandleadern, Außenminister, und der finstere Trompeter Miles Davis hätte die CIA neu strukturiert. Wehmütig dämmert es einem knapp neun Monate nach dem Ende von Barack Obamas Präsidentschaft, dass dieser womöglich Dizzy Gillespie als Vorbild auserkoren hatte. Die Mischung aus Eleganz und Witz, die Fähigkeit, Formen zu beherrschen, ohne ihnen zu erliegen, Macht so zu verstehen, dass nie bierernst anmutet, hatten beide gemein. Der Trompeter schaffte es auf der Bühne, die Zwänge des Taktes zu erfüllen und zugleich zu unterlaufen, so als würde er sich über das Gleichschaltende des Rhythmus lustig machen.

Nicht zu vergessen: Dizzy Gillespie war ein Revolutionär, der entscheidend am Abbruch des Swings und am Aufbruch in die Moderne beteiligt war. Seine schlagkräftigste Waffe hieß Bebop. Eine nervöse, jagende Musik, eine Art Dadaismus des Jazz. Eine populäre Legende erzählt, dass Gillespie und Charlie Parker ein Engagement bei Billy Eckstines Big Band hatten, bei dem sie sich langweilten und deshalb die Bläsersätze immer im doppelten Tempo spielten. Die Stücke hatten selten einen Text und entstanden oft spontan; die Musiker sangen die Tonfolgen einander einfach vor. Der erste Takt von Gillespies „A Night in Tunesia“ etwa hört sich lautmalerisch wie „Upscha-de-be-doo-be-bop“ an. Die letzten Silben gaben demzufolge dem Bebop seinen Namen.

Mit seiner etwas obszön nach oben gebogenen Trompete blieb er stilistisch ein Unikum, unerreichbar und nicht zu kopieren. Sein Musikverständnis wurzelte tief in der Tradition des Blues. Nach dem Bebop suchte er den ultimativen Sound in Big Bands und ließ bewusst lateinamerikanische, afrokubanische und afrikanische Elemente einfließen. Sein persönlicher Protest gegen die permanente Missachtung der Menschenrechte in den USA. In den letzten Jahren vor seinem Tod 1993 bündelte er all seine kreative Energie in ein Projekt, das wie eine musikalische UN-Vollversammlung anmutete: das United Nation Orchestra. (rk)

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