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Allerseelen

30.10.2019

Der Tod und diese verdammte Vergänglichkeit

Der Versuch, sich während des Seins über das Nicht-Sein klar zu werden: Buster Keaton 1922 im Film „Day Dreams“ in Hamlet-Pose.
Bild: AKG

Plus Es heißt, der Mensch allein kann sich der Sterblichkeit bewusst sein. Aber wenn der Verlust eines geliebten Menschen ein Loch ins Leben reißt: Wie geht man damit um?

Es gibt viele kluge Sätze über den Tod. Das scheint geradezu unvermeidlich, weil seitdem der Mensch denkt, er auch über den Tod nachdenkt. Womöglich macht das ja sogar seine Besonderheit aus: Dass er sich über die eigene Sterblichkeit bewusst ist, es zumindest sein kann. Einer der bekanntesten jener vielen Sätze jedenfalls lautet: „Carpe diem“, 2000 Jahre alt, von Horaz. Bekannt, bloß als solcher meist gar nicht erkannt.

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Denn das „Nutze den Tag“ wird gerade in einer Zeit, die so viel vom erfüllten, gelingenden, ereignisreichen Leben schwärmt, dass die „Sozialen Netzwerke“ von Video- und Bildnachweisen bersten, als Aufforderung zum intensiven Erlebnis, zur Erfüllung von Träumen verstanden. Horaz aber betonte, dass man den Tag im Angesicht des Todes nutzen sollte – dass man den Blick also auf das letztlich Wesentliche richten sollte, jetzt, heute. Und das meint eine ganz andere Intensität als die des Erlebnisses. Mensch, besinne dich!

Es gibt einen Hype an "Todesratgebern"

Aber auch dabei gibt es ein Problem. So hat der Münchner Autor Felix Hütten bei seiner Recherche für das Buch „Sterben lernen“ mit dem Historiker Florian Greiner gesprochen, einem Todes-Experten. Der aber motzte: Es gebe so vieles zu dem Thema in den vergangenen Jahren, geradezu einen Hype an „Todesratgebern“, die letztlich aber alle als Lebenshilfe daherkämen und so zu einer „Zähmung des Todes“ führten. Als wäre das Bewusstsein der Sterblichkeit in eine Quelle zur Arbeit an sich selbst umzuwandeln – als wäre damit das Unfassbare überhaupt zu bändigen: Dass alle, die wir lieben, dass wir selbst jederzeit und auch plötzlich nicht mehr sein können.

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Aber wahrscheinlich ist das die Art, wie eine Gesellschaft, der vor einiger Zeit noch vorgeworfen wurde, sie würde Tod und Sterben verdrängen, eine Zeit, in der Technik-Propheten bereits von der Unsterblichkeit künden, mit diesem Skandal umgeht: Es wird so viel darüber kommuniziert, dass nicht nur das verdrängende Schweigen aufhört, sondern auch die notwendige Stille verdrängt wird. Und auch der Tod zu einer Frage der Lebensoptimierung wird.

Wie kann man sich auf das Sterben vorbereiten?

Wie aber sonst damit umgehen? Felix Hütter hat es ganz konkret gemacht. Er beschreibt in seinem Buch, wie Sterben eigentlich vor sich geht, was da passiert, was es unnötig schwer macht und wie man sich darauf vorbereiten kann. Das kann durchaus im Leben helfen, konkret mit dem Gedanken ans Streben zurecht zu kommen. Aber was das Bewusstsein über Endlichkeit und Vergänglichkeit angeht, bremst Hütten, Jahrgang 1987, mitunter nicht von ungefähr: „Um uns an dieser Stelle nicht in philosophischen Gedanken zu verlieren …“

Zu verlieren? „Philosophieren heißt sterben lernen“ heißt ein Essay von Montaigne aus dem 16. Jahrhundert. Und darin heißt es: „Das Ziel unserer Laufbahn ist der Tod – auf ihn sind unweigerlich unsere Blicke gerichtet. Wie können wir, wenn er uns Angst und Schrecken einjagt, auch nur einen Schritt ohne Schaudern nach vorne tun?“

52 Prozent der Menschen glauben, dass es nach dem Tod weitergeht

Könnte der Gegensatz zum „Carpe diem“ größer sein? Wie also soll der Weg vom einen zum anderen führen können, wo die Bereitschaft, religiösen Offenbarungen zu folgen, doch sinkt? Damit zu leben jedenfalls scheint schwer. Laut einer repräsentativen Umfrage trösten sich immerhin 52 Prozent der Menschen in Deutschland mit dem Glauben, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, dass es zumindest unserer Seele irgendwie möglich sein könnte. Was vermag die Philosophie mehr?

Die Hamburgerin Ina Schmidt ist eine Frau vom Fach und hat dazu nun das Buch „Über die Vergänglichkeit“ geschrieben. Und natürlich finden sich darin viele kluge Sätze, die auch nicht nur bekannt gemacht, sondern erkannt werden sollen. Zum Beispiel Heidegger: „Ich selbst bin mein Tod gerade dann, wenn ich lebe.“ Was auf das Ende der Verdrängung, das wahre Ich-Bewusstsein verweist.

Bei Simmel ist der Tod ein formales Moment des Lebens

Oder, anderes Beispiel, Wittgenstein: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht. Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt. Unser Leben ist ebenso endlos, wie unser Gesichtsfeld grenzenlos ist.“ Zum Beispiel Simmel: Der Tod „begrenzt, das heißt, er formt unser Leben nicht erst in der Todesstunde, sondern er ist ein formales Moment unseres Lebens, das alle seine Inhalte färbt: die Begrenztheit des Lebensganzen durch den Tod wirkt auf jeden seiner Inhalte und Augenblicke vor.“

Aber bei aller enthaltenen erhabenen Weisheit schreibt Ina Schmidt: „Man wird nicht umhin können, dieses Frage, wie wir also das Leben als etwas Vergängliches verstehen und leben lernen können, auch persönlich zu nehmen …“ Was anfangen also damit, dass der Tod eines wichtigen Menschen ein Loch in unser Leben reißt, das durch nichts anderes zu füllen ist, und es damit nie wieder dasselbe sein lässt? Wie umgehen damit, dass dieses Ich, unweigerlich im Zentrum aller Weltwahrnehmung, jederzeit erlöschen kann und letztlich ohnehin verblasst? Wie sich verhalten zum „Unverfügbaren“, wie die Philosophin es nennt?

Das Unfassbare wird unweigerlich fasslich

„Lass uns über den Tod reden“ heißt Buch der Autorin C. Juliane Vieregge, in dem sie Antworten darauf in Gesprächen mit bekannten Persönlichkeiten gesucht hat. Da ist zum Beispiel Schlagersänger Dieter Thomas Kuhn, der mit unverstellter Wut über den frühen Tod seines Bruders sagt: „Heute bin ich 48 und denke: Wow, was für ’ne Scheiße, mit 30 zu sterben.“ Der aber auch die Ex-Freundin wie die Eltern schon begraben hat und so kluge Sätze findet wie diesen: „Je mehr der Tod ins Leben Einzug gefunden hat, desto besser kann man damit umgehen.“ Das Unfassbare wird also durchs mit steigendem Alter unweigerlich sich einstellende Erleben fasslich? Und: „Der Tod ist wie die Liebe, er ist einfach da.“ Im Dunkelsten wie im Hellsten des Lebens geht es also nur um das Annehmen, gar nicht ums Begreifen?

Ina Schmidt findet noch einen anderen Trost. Und der liegt in einem veränderten Blick auf das Leben selbst: „Gelingt es uns nämlich, lebendige Zusammenhänge wie ein Gewebe aus Beziehungen zu verstehen, das sich prozesshaft erneuert, entsteht ein anderes Verhältnis zur Endlichkeit der einzelnen Fäden, die darin verwoben sind, als wenn das Reißen eines Fadens das Ende bedeutet.“ Ihr letzter Gedanke zum Tod lautet: „Es heißt nur, dass wir den Mut zusammennehmen, das Unvermeidliche des Endes zu benennen, um darin in eine Zukunft einzuwilligen, die auf neue Wege angewiesen sein wird – möglicherweise ohne dass wir diese Wege jemals werden betreten können … – ein Anfang zu sein für etwas, das wir noch nicht kennen.“ Hilft das?

Die letzten Sätze des britischen Neurobiologen Oliver Sacks, der der Welt so schöne Geschichten wie das verfilmte „Zeit des Erwachens“ geschenkt und nach einer tödlichen Diagnose, kurz vor seinem Tod 2015, noch einen Abschiedstext geschrieben hat, lauteten: „Vor allem aber war ich ein fühlendes Wesen, ein denkendes Tier auf diesem schönen Planeten, und schon das allein war ein wunderbares Privileg und Abenteuer.“ Könnte es ein Ziel sein, mit diesem Bewusstsein zu sterben? Trotzdem allem: ein Wunder?

Die Bücher

Ina Schmidt: Über die Vergänglichkeit. Edition Körber, 280 S., 20 Euro

C. Juliane Vieregge: Lass uns über den Tod reden. Ch. Links Verlag, 304 S., 22 Euro

Felix Hütten: Sterben lernen. Hanser, 256 S., 20 Euro

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