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Literatur

31.03.2020

Der beste Zeitvertreib für die Krise

Komm in den selbst gewählten Rückzugsort und erzähle: Im „Decamerone“ macht eine kleine Gesellschaft das Beste aus der Situation, wie dieses Gemälde des Malers John William Waterhouse zeigt.
Bild: akg-images

Plus Für unseren durch die Pandemie bedingten Rückzug ins Private gibt es einen literarischen Spiegel: den „Decamerone“. Was aktuell Corona, ist dort die Pest.

Mit dem gestrigen Montag sind zehn Tage vergangen seit dem Beginn des Shutdown, dem Herunterfahren des öffentlichen Lebens. Zehn Tage des Rückzugs in ein relativ geschlossenes, überschaubares Umfeld – das erinnert an eine vergleichbare Situation, wie sie eines der berühmtesten Werke der Weltliteratur entwirft: der „Decamerone“ des Italieners Giovanni Boccaccio, verfasst um die Mitte des 14. Jahrhunderts.

Dieses „Zehn-Tage-Werk“, wie der Titel frei zu übersetzen wäre, ist eine Sammlung von einhundert mehr oder weniger kurzen Novellen, die sich zehn junge Männer und Frauen an zehn aufeinander folgenden Tagen gegenseitig erzählen. Den Anlass dazu gibt eine freiwillige Klausur, die wiederum bedingt ist durch eine bedrohliche äußere Lage: Es ist die Pest, die 1348, als der „Schwarze Tod“ in Europa grassiert, auch Florenz nicht verschont, wo die Rahmenhandlung des „Decamerone“ angesiedelt ist.

Nicht nur dieses Setting in Italien macht die Novellensammlung zu einem Spiegel der heutigen Corona-Pandemie. Bevor das eigentliche Geschichtenerzählen anhebt, beschreibt Boccaccio drastisch das Wüten der Seuche in der zuvor blühenden toskanischen Stadt. Manches mutet an, als liefere der Autor einen Bericht aus dem Corona-Zeitalter. „Schlagartig, zu Beginn des Frühjahrs“ kam die Pest über die Menschen, „schreckenerregend und unfassbar“ grassierte sie „zwischen März und Juli“. Die Seuche, schreibt Boccaccio, hatte „im Orient begonnen“ – welcher heutige Leser schlüge da nicht Parallelen nach China? Und weiter: „Nachdem sie dort unzählige Menschen getötet hatte, pflanzte sie sich unaufhaltsam von Ort zu Ort fort und dehnte sich unheilbringend gegen Westen hin aus“ (Übersetzung: Kurt Flasch).

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Boccaccio schildert die Pest eindrucksvoll

Boccaccios Schilderung der Folgen zählt zu den eindrucksvollsten Berichten aus der Zeit des Schwarzen Todes, gerade auch, weil er die psychosozialen Folgen beschreibt: Die Auflösung jeglicher gesellschaftlicher Ordnung und kultureller Errungenschaft, das Erlöschen von Empathie und zwischenmenschlicher Bindung bis hin zu der verstörenden Tatsache, dass das sorgende Band zwischen Eltern und ihren Kindern zerschnitten ist.

Wo uns Heutige der wohlorganisierte Staat in häusliche Quarantäne schickt, sind es im „Decamerone“ eine Handvoll Frauen, die sich und einigen befreundeten Männern einen freiwilligen Rückzug verordnen. Bei Boccaccio entspringt diese Idee weniger medizinischen Überlegungen – die Epidemiologie war eine noch unbekannte Disziplin – als vielmehr praktischer Lebensklugheit. Und so ziehen die Frauen und Männer sich in ein Landhaus in gebührendem Abstand zu der pestverseuchten Stadt zurück. Die Leerstelle, die sich einstellt durch das Herausgerissensein aus dem gewohnten Leben, wird mit nichts anderem gefüllt, als womit heutzutage der Überschuss an freier Zeit bewältigt wird: mit Geschichten. Nur dass Boccaccios kleine Gesellschaft nicht auf Netflix & Co. zugreift, sondern sich selbst in die Pflicht nimmt – ein jeder der Zehn wird zehn Mal als Erzähler aufgerufen.

Geschichten von überzeitlichem Sinngehalt

Es sind Geschichten aus einer mittelalterlichen Welt, dennoch durchzogen von überzeitlichem Sinngehalt. Die Vielfalt an Themen, Figuren und Orten ist überbordend, Bauern und Kaufleute treten darin ebenso auf wie Priester und Könige, und die Schauplätze sind mal in der Toskana, ein andermal in Neapel oder im Orient angesiedelt. Durchweg ist der Erzählton des „Decamerone“ herzerfrischend, bisweilen sogar ausgesprochen saftig. Denn das Erotische bleibt nicht ausgespart, und gerne verbindet es sich mit heftiger Kritik am Verhalten des Klerus. Wie in jener Novelle, in der ein Mönch einer etwas einfältigen Dame vorgaukelt, der Erzengel Gabriel habe Gefallen an ihr gefunden und würde sie deshalb abends gerne in Menschengestalt besuchen – unschwer zu erraten, wer dann tatsächlich zu später Stunde im Flügelkleid erscheint und was er mit der Närrin unternimmt.

Durch Geschichten wie diese hat der „Decamerone“ Epoche gemacht, ist durch Jahrhunderte hindurch Modell gewesen für ähnliche Sammlungen etwa bei Cervantes, Chaucer und selbst Goethe. Der „Decamerone“ ist aber auch zum Motivschatz für spätere Autoren geworden. Etwa mit der Erzählung von den drei Ringen, die sich völlig gleichen und die ein Vater seinen Söhnen vermacht, nachdem er zuvor bestimmt hatte, derjenige, den er mit einem Ring bedenke, solle dereinst als sein Erbe gelten. Nach dem Tod des Vaters stellt sich heraus, dass alle gleich beschenkt wurden, allen dreien galt gleichermaßen die Liebe des Vaters. Lessing inspirierte Boccaccios Novelle zur berühmten Szene im Drama „Nathan der Weise“: Mit der Ringparabel antwortet Nathan auf die Frage des Sultans nach der besten der drei monotheistischen Religionen.

Bei Boccaccio kehren die zehn Männer und Frauen nach knapp zwei Wochen wieder in ihre Stadt zurück. Mit ihren Geschichten haben sie sich nicht nur bestens die Zeit vertrieben, sie gehen aus dieser Erzählklausur auch als sittlich Gestärkte hervor. Denn die Novellen bringen „Nutzen und Gewinn“ mit sich, das hebt Boccaccio selbst im Nachwort hervor. Gute Geschichten können Einsichten befördern, etwa, dass ein über alles gestellter kalter Kaufmannsgeist genauso ein Missstand ist wie eine religiöse Drohkulisse, die sich gegen lebensfrohe Sinnlichkeit richtet. Immer wieder thematisieren die Frauen und Männer des „Zehn-Tage-Werks“ auch ein Miteinander in Achtsamkeit. Wenn, wie bei den Rückkehrern des „Decamerone“, die Corona-Pause ebenfalls die ein oder andere Neuorientierung mit sich brächte, hätte die Bilanz dieser Zeit nicht nur Negatives zu verzeichnen.

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