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Jürgen Habermas

12.06.2019

Der politische Intellektuelle: Jürgen Habermas wird 90

Jürgen Habermas gilt als der derzeit bedeutendste Philosoph Deutschlands.
Bild:  Arne Dedert, dpa (Archiv)

Jürgen Habermas macht sich zum runden Geburtstag rar. Verstummt ist der Philosoph und Soziologe aber keineswegs: Er schreibt ein Werk über Glauben und Wissen.

Auch im hohen Alter ist der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas höchst produktiv. Am 18. Juni wird er 90 Jahre alt - und arbeitet an einem neuen Buch. Es soll im Herbst erscheinen und stattliche 1700 Seiten umfassen, wie der Suhrkamp Verlag berichtet. "In diesem Werk werden wir alle seine intellektuelle Brillanz noch einmal von einer ganz anderen Seite kennenlernen", sagt der Frankfurter Philosophie-Professor Matthias Lutz-Bachmann, der Teile des Werks schon vorab lesen durfte: "Ein ganz wichtiger Baustein seiner Theorie."

Viele 68er beriefen sich auf Jürgen Habermas

Jürgen Habermas wurde in Düsseldorf geboren, heute lebt er im bayerischen Starnberg, am engsten verbunden ist sein Name aber mit Frankfurt am Main. Als Vater der Kritischen Theorie war er wichtiger Impulsgeber der Frankfurter Schule. Promoviert hatte er in Bonn mit einer Arbeit über den Philosophen Schelling (1775-1854). Habilitiert wurde er 1961 in Marburg - seine Habilitationsschrift "Strukturwandel der Öffentlichkeit" gilt bis heute als bahnbrechend.

1964 übernahm er von Max Horkheimer (1895-1973) den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt, den er zunächst bis 1971 innehatte - in der Zeit der Studentenproteste. Viele 68er beriefen sich auf ihn und sahen ihn als geistigen Impulsgeber, doch als die Bewegung sich radikalisierte, übte Habermas offen Kritik an ihr.

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In den 1970er Jahren arbeitete er an zwei Max-Planck-Instituten in Bayern, bevor er 1983 nach Frankfurt zurückkehrte, wo er bis zu seiner Emeritierung 1994 blieb. In seinem Hauptwerk "Theorie des kommunikativen Handelns" entwarf er eine Art Handlungsleitfaden für die moderne Gesellschaft. Seiner Theorie zufolge liegen die Norm setzenden Grundlagen einer Gesellschaft in der Sprache. Als Verständigungsmittel ermögliche sie erst soziales Handeln.

Zum 90. Geburtstag gibt Jürgen Habermas keinerlei Interviews

Die Strahlkraft seines Werks wirkt bis heute fort. Noch 2019 setzte ihn das Magazin "Cicero" nach Peter Sloterdijk auf Platz zwei der wichtigsten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Dazu trägt auch bei, dass Habermas sich regelmäßig zu aktuellen politischen Themen äußert. Mit 89 Jahren erhielt er den Deutsch-Französischen Medienpreises für sein Engagement für ein demokratisches Europa.

Habermas verkörpere die Rolle des politischen Intellektuellen "quasi in persona", sagt der Potsdamer Habermas-Experte Roman Yos: "Wann immer es um den Zustand nationaler Befindlichkeiten oder um die Gegenwart und Zukunft Europas schlecht bestellt schien, durfte man mit seiner öffentlichkeitswirksamen Wortmeldung rechnen", schreibt Yos im Vorwort zu seinem Buch. Zum 90. gibt Habermas allerdings keinerlei Interviews, wie er über seinen Verlag ausrichten ließ.

Jürgen Habermas arbeitet an zweibändigem 1700-Seiten-Werk

Dafür wird man bald viel von ihm lesen können: Unter dem tiefstapelnden Titel "Auch eine Geschichte der Philosophie" geht es in dem angekündigten zweibändigen 1700-Seiten-Werk um nichts weniger als Glauben und Wissen. "Habermas zeichnet nach, wie sich die Philosophie sukzessive aus ihrer Symbiose mit der Religion gelöst und säkularisiert hat", kündigt der Verlag an.

Im Jubiläumsjahr erscheint nicht nur ein neues Buch von Habermas selbst - auch zahlreiche Bücher über sein Denken, sein Werk, seine Bedeutung und seine Wirkung kommen in die Buchhandlungen. An "Habermas global. Wirkungsgeschichte eines Werks" haben rund 30 Autoren aus 15 Ländern mitgearbeitet. Roman Yos beschäftigt sich in "Der junge Habermas" mit der "ideengeschichtlichen Untersuchung seines frühen Denkens". Bei der Cambridge University Press bekommt Habermas ein eigenes Lexikon mit 200 Einträgen.

Einen Tag nach seinem Geburtstag will Habermas nach Frankfurt kommen, wie Prof. Lutz-Bachmann berichtet. Er werde einen Vortrag am Institut für Philosophie der Goethe-Universität halten. Im November will er das Frankfurter Institut für Sozialforschung besuchen, das in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert. In Frankfurt lagert bereits sein sogenannter Vorlass: 2010 überließ Habermas 16 Regalmeter Manuskripte und Briefe der Frankfurter Universitäts-Bibliothek. (Von Sandra Trauner, dpa)

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