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01.01.2020

Der wegweisende Regisseur Harry Kupfer ist tot

Inszenierte auf der Opernbühne Geschichten von Menschen für Menschen: Regisseur Harry Kupfer, hier im März 2019 bei einer Probenpause in Berlins Komischer Oper.
Bild: Foto: Soeren Strache, dpa

Auf der Opernbühne zeigte er Schicksale und Verhaltensweisen, auf dass sich das Publikum wiedererkenne

Unter den DDR-Regisseuren, die einst deutsch-deutsch genannt werden konnten, weil sie östlich und westlich der Mauer etwas zu sagen hatten – und deshalb gefragt wurden –, war Harry Kupfer wohl der fleißigste, bekannteste und populärste. Er inszenierte hüben wie drüben, er besaß im SED-Staat Reisefreiheit, und nur verbohrte Opernfreunde stellten im Westen die giftige Frage: Brauchen wir wirklich einen aus der marxistisch-leninistischen Weltsicht, um uns Oper interpretieren zu lassen?

Dieser Ablehnung hatten sich in den 70er- und 80er-Jahren Ruth Berghaus und Joachim Herz zu stellen – und eben auch der 1935 in Berlin geborene Harry Kupfer – insbesondere als er 1978 in die Richard-Wagner-Trutzburg Bayreuth einzog. Dort war er von Wolfgang Wagner für den „Fliegenden Holländer“ engagiert worden, und dort bot er das düstere Werk – unter Widerstand im Publikum und Lob bei der Kritik – als psychopathologische Studie auf der Basis realistischen Musiktheaters. Die Aufführung bedeutete letztlich den Durchbruch Harry Kupfers, denn die Inszenierung entwickelte sich – wie immer mal wieder auf der Opernbühne – über anfängliche Anfeindungen hinweg doch zur Kult-Produktion.

Mehr als 200 InszenierungenZwischen Tokyo und Moskau

Was danach kam, ist Legende – bis zu Kupfers Regie von Händels „Poros“, 2019 an der Komischen Oper Berlin, wo er von 1981 bis 2002 als künstlerischer Leiter und Chefregisseur gewirkt hatte. Nun aber ist der einflussreiche Regisseur einen Tag vor Silvester nach längerer Krankheit im Alter von 84 Jahren in seiner Heimatstadt gestorben. Die Opernwelt hat ihm mehr als 200 Inszenierungen zwischen San Francisco und Tokyo, zwischen Barcelona und Moskau zu verdanken, die zusammengenommen signifikante Einzelschicksale der Menschheitsgeschichte in den Mittelpunkt rückten.

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Geschichten von Menschenfür Menschen

Denn dies war – anders als bei der viel artifizielleren Ruth Berghaus etwa – das Regie-Credo Harry Kupfers: dass Geschichten von Menschen für Menschen gezeigt werden, dass das Schicksal und das Verhalten der Protagonisten oben ein Abbild des Einzelschicksals und des Einzelverhaltens im Publikum unten sind. Kupfer: „Wenn man die Gattung Oper auf den Konflikt Individuum - Gesellschaft hin befragt, staunt man, dass durch den Komprimierungsprozess der individuellen Geschichten immer etwas Grundsätzliches entsteht. Ich wüsste kein Stück, wo das nicht der Fall wäre.“ Und so war schließlich auch die Verhaltensauffälligkeit der Senta im Bayreuther „Holländer“ eine Verhaltensauffälligkeit so mancher Schwester im Geiste. 1988 kam Kupfer noch einmal nach Bayreuth und inszenierte dort den „Ring des Nibelungen“, den er in seinem Leben des Öfteren analysierend abgeklopft hatte. Auf dem Grünen Hügel wurde es eine eher geschichtspessimistische Veranstaltung in Folge von Tschernobyl und anderer Lebensgrundlagenzerstörung. In ihr hatten die Protagonisten auch extrem viel zu agieren. Kupfers Kletter-Ring wurde das Ergebnis tituliert. Was der Regisseur mit diesem „Ring“ unter anderem bezweckte? Er stellte den Personen der Tetralogie – bis hin zu Wotan – die Frage: Warum habt ihr es zu eurem eigenen Schaden überhaupt so weit kommen lassen?

Auch da also wurde auf der Bühne wieder eine Tragödie erzählt, die eine Tragödie des Publikums ist: Warum habt ihr es überhaupt so weit kommen lassen? Bis heute aktuell – und brisant.

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