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Theater Augsburg

21.05.2018

Deutsche Erstaufführung der Oper "Solaris" ist gelungen

Ein Raumschiff erreicht den Planeten Solaris.
Bild: Jan Peter Fuhr

Die deutsche Erstaufführung von Dai Fujikuras Oper „Solaris“ nach Stanislaw Lems Roman gelingt im Augsburger Theater musikalisch wie szenisch in einem Guss.

Just in der vergangenen Woche, als das künftige Staatstheater Augsburg in deutscher Erstaufführung die Oper „Solaris“ des Japaners Dai Fujikura herausbrachte, war aus der Wissenschaftsberichterstattung zu erfahren, dass es kalifornischen Forschern gelungen sei, eine Form von Gedächtnis von einem Lebewesen auf ein anderes zu übertragen: Meeresschnecken, die nach und nach eine Schutzreaktion gegen künstliche Reize entwickelt hatten, wurde Zellflüssigkeit aus dem Nervengewebe entnommen und anderen, nicht „trainierten“ Schnecken eingespritzt. Und siehe da, diese Schnecken reagierten – ohne dass sie es erlernt hätten – mit denselben Schutzmechanismen auf die künstlichen Reize.

Nun sage noch einer, der berühmte Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem habe eine krude Idee an den Haaren herbeigezogen, als er 1961 in seinem Bestseller „Solaris“ eine Erinnerung des Helden Kris Kelvin als neuronale Information materialisierte. Er führte nämlich unter anderem eine Kopie von Kelvins verstorbener Ehefrau Hari (Harey) ins Geschehen ein – und zwar als Produkt jenes Ozeans auf dem Planeten Solaris, der als ein höheres, kreatives Wesen betrachtet werden muss. Die menschenähnliche Erscheinung lässt natürlich Kelvin an sich selbst, an Hari und allen anderen Ereignissen zweifeln.

Aufführung von "Solaris" im Theater Augsburg gelingt

Das ist die Ausgangslage im „Solaris“ des 1977 geborenen Fujikuras, 2015 in Paris mithilfe des Ircam-Instituts für elektronische Musik uraufgeführt – übrigens als mittlerweile mindestens dritte Vertonung des Lem-Stoffes nach Werken von Michael Obst (München 1996) und Detlev Glanert (Bregenz 2012). Lem selbst passte es einst zwar gar nicht, dass in den vielen Bearbeitungen seines Romans (Film, Theater) die horrorhafte Liebesbeziehung zwischen Kelvin und der Hari-Kopie in den Vordergrund gerückt wurde (anstelle der Ergründung und philosophischen Behandlung des Ozean-„Gottes“) – doch so funktionieren nun mal Leinwand und Bühne zwischen Eros und Thanatos, auch jetzt bei Dai Fujikura.

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Leichtes Unbehagen über Verkürzungen des SF-Klassikers kann gleichwohl nicht unterdrückt werden: Auch als untote, schaumgeborene Kopie bleibt in dieser Oper die Rolle der Frau die eines zu eliminierenden Störenfrieds in einer wissenschaftlichen Männerwelt, deren Protagonist Kelvin zum Finale so heldenhaft wie pathetisch Solaris-Neuland betritt – sich wähnend zwischen Tod und Ewigkeit. Beides: mitnichten problemlos.

Aber ein starkes Stück ist Fujikuras „Solaris“ gleichwohl – zumal in der Form und Verfassung, wie sie jetzt das Theater Augsburg, von dem Bayerns Kunstministerin mittelfristig eine künstlerische Steigerung erwartet, anbietet. Der Abend in der Ausweichspielstätte Martinipark zeigt sich musikalisch und szenisch aus einem Guss, er gibt sich dicht und affektreich. Ja, er ist musikalisch auch das Avancierteste seit Augsburgs Großtat mit Luigi Nonos „Intolleranza“. Man hörte wieder einmal wirklich Neue Musik, Musik eines 41-Jährigen, der weiß, was er will und wie er es erreicht: 15-köpfiges Kammerorchester, elektronisch moduliert – das weckt erfrischend Ohr und Geist.

Der hohe Klang, das Gläserne und Schneidende, dominiert. Eineinhalb Stunden lang Sinnes- und Nervenreiz, adäquat zum Plot. Impulsreich, flackernd, pulsierend, vibrierend grundieren Klangflächen das Geschehen. Ein tönender Ozean. Der Höhepunkt an katastrophischer Ballung aber ist erreicht, wenn die Menschen-Kopie Hari, einfühlsam gesungen von Jihyun Cecilia Lee, den Freitod sucht – wie das Original von ihr zehn Jahre zuvor auf der Erde. In diesem Moment gewinnt Fujikuras Partitur mit ihren vielen elektrotechnischen Anweisungen höchste Autonomie, in welche hinein sich die Philharmoniker unter Lancelot Fuhry als entfesselndem Dirigenten mitreißend steigern.

Der Höhepunkt des szenischen Geschehens jedoch passiert, wenn Hari nicht nur als künstliches Double, sondern in unterschiedlich großer Vervielfältigung ihrer selbst die Bühne bevölkert: Kristallisationspunkt weniger einer erzählerischen Handlung als einer labyrinthisch-unerklärlichen Situation, suggestiv von Dirk Schmeding (Inszenierung) und Robert Schweer (Bühne) in den breiten, flachen Bühnenkasten einer extraterrestrischen Raumstation voller Verzweifelter integriert.

So, wie sich Jihyun Cecilia Lee hineinkniet in diese Produktion, so sucht Wiard Witholt als Kelvin die Erklärung des Unerklärlichen: überrascht, genervt, geduldig, aggressiv – und stets volltönend. Eine überzeugende Charakterstudie des Baritons, hinter der Szene verstärkt durch Alexander York als innere Stimme Kelvins. Roman Poboinyi verlieh dem Snaut Züge von Pragmatismus in der Solaris-Welt.

Das Publikum, in der Mehrheit wohl konfrontiert mit ungewohnten Klängen und unbekannten Geschehnissen, war deutlich angetan ob des in sich stringenten und konzisen Abends: Langer Applaus.

Weitere Aufführungen gibt es am 26., 31. Mai und am 6., 8., 10. und 16. Juni zu sehen.

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