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Völkermord

16.11.2018

Deutschland und der Gedächtnisschwund

Wissenschaftler fordern die intensive Aufarbeitung der Kolonialzeit

Wissenschaftler haben eine intensivere Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit gefordert. Dazu brauche es dringend eine „große symbolische Geste“, erklärte der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer bei einem Fachgespräch im Deutschen Bundestag. Eine solche Geste zur Anerkennung von Verbrechen in der Kolonialzeit sei wichtiger als konkrete Regelungen oder Geld. Denn erst das Symbolische stifte Verbindlichkeit.

Zudem kritisierte Zimmerer das deutsche und europäische Geschichtsbild als verengt und auf Europa begrenzt. Es sei eine „europäische Meistererzählung“ geschaffen worden, die nur die Hälfte der Geschichte in den Blick nehme. Er sprach von einer „kolonialen Amnesie“, die viele Aspekte ausklammere – etwa Ausbeutung, den Genozid an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908, den die Bundesregierung endlich auch als Völkermord benennen müsse, sowie die Frage, worauf der Wohlstand in Europa gründe. Eine Aufarbeitung liege im deutschen Eigeninteresse.

Die Kunsthistorikerin Benedict Savoy betonte bei der Diskussion, dass in Frankreich der politische Wille da sei, das eigene koloniale Erbe aufzuarbeiten – im Gegensatz zu Deutschland. Außerhalb von Europa sei das Thema inzwischen sogar „Teil der Popkultur“ und werde beispielsweise in Filmen aufgegriffen. Vor allem junge Menschen wollten mehr über Kulturgüter aus der Kolonialzeit wissen. Der Austausch über Kunst könne zudem Türen zwischen den Betroffenen öffnen, um über „viel schwierigere Kapitel der Kolonialgeschichte“ zu sprechen.

Nach den Worten der Düsseldorfer Juristin Sophie Schönberger hat eine rechtliche Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus nie stattgefunden. Die meisten Objekte seien inzwischen Eigentum der europäischen Staaten, auch wenn diese sie unrechtmäßig erhalten hätten. Oft würden die ehemaligen Kolonialstaaten keine rechtliche Grundlage in der Hand halten, Objekte zurückzubekommen. Übergaben erfolgten nur auf politischer Basis. Christian Kopp vom Verein Berlin Postkolonial schließlich forderte Museen auf, die Herkunft ihrer Objekte online zu veröffentlichen. (kna)

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