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Welt im Umbruch

06.12.2019

Die Fehler des Systems

Wie einst in Chaplins „Modern Times“: Der Mensch als Teil einer neuen Maschinerie.
Bild: Foto: imago/Cinema Publishers Collection

In den 80er Jahren rückten die Industrienationen vom Sozialstaat ab. Seitdem wuchsen – trotz Wirtschaftskrisen – die Vermögen – doch auch die prekäre Arbeit. Das bringt die Demokratie in Gefahr. Was die Ökonomie damit zu tun hat

Wer heute Arbeitnehmer ist, sitzt meist zwischen acht und 18 Uhr im Büro. Er checkt E-Mails, absolviert Konferenzen und gießt seine Produktivität über Excel-Tabellen oder Bildbearbeitungsprogramme. So verschaffen Vollbeschäftigung und Fachkräftemangel vielen Angestellten hierzulande eine bequeme Position – sind sie für viele Firmen doch beinahe unersetzlich. Dem deutschen Arbeitnehmer geht es gut, möchte man meinen.

Doch die Arbeitswelt wandelt sich und mit ihr der Arbeitende. So entstehen immer mehr Jobs in der „Gig Economy“ – Arbeit, die über digitale Plattformen vermittelt wird und dem Arbeitenden eine Selbstständigkeit suggeriert, die nicht vorhanden ist. Der Begriff gleiche „eher dem zynischen Manöver, eine prekäre Beschäftigungsform mit der Romantik des Entertainment-Gewerbes aufzuhübschen“, schreibt der Soziologe Colin Crouch in seinem neuesten Werk. Anbieter und Suchende auf diesen Plattformen setzen auf das neueste Konzept digitaler Durchstarter: Disruption – neudeutsch für erzwungenen Wandel und Lieblings-Fettwort der Start-Up-Industrie.

Dabei ist das eigentlich nichts Neues: Bereits das 18. Jahrhundert erlebte mit dem Beginn der Industrialisierung intensivste Disruption. Alte Gesellschaftskonzepte endeten, neue entstanden: etwa das sogenannte Proletariat. Mittellose Arbeiter, sich selbst ausbeutend um zu überleben. Erst der Wohlfahrtsstaat und die Vollbeschäftigung beendeten deren Misere. Heute wandelt sich die Gesellschaft erneut. Wissenschaftler sprechen von zunehmender prekärer Arbeit – eine Arbeit mit nur geringer Entlohnung oder Beschäftigungssicherheit.

Uber, E-Bay, Amazon setzenauf Plattform-Ölonomie

Zu diesen Missständen trägt die Plattform-Ökonomie bei. Milliardenschwere Firmen wie Uber, AirBnB, E-Bay oder Amazon setzen vermehrt auf diese Beschäftigungsform. Crouch kritisiert, die Gig Economy erschaffe „Arbeitnehmer, die der Autorität des Unternehmens vollkommen unterworfen sind“, ohne dass dieses Verantwortung übernehmen müsse. Das, womit Plattformökonomien werben, also Freiheit und Unabhängigkeit: Nichts als Propaganda? Wenn es nach Crouch geht, sogar mehr als das. Es sei, so schreibt der Wissenschaftler, nur eine Form der versuchten Einflussnahme auf das Wohl der Arbeitnehmer durch neoliberale Politiker und Theoretiker. Die Unternehmensleitung müsse auf einem freien Markt im Namen der Aktionäre für Effizienz sorgen. Damit soll die „Gig Economy“ ein Wirtschaftssystem stützen, welches seit einigen Jahren vermehrt in Frage gestellt wird. Mehr und mehr Menschen beginnen, an den Grundfesten des Systems zu zweifeln.

Die moderne Ökonomie in westlichen Staaten verdankt ihr theoretisches Fundament neoliberalen, angelsächsischen Ökonomen. Kurz gefasst: Möglichst wenig Staat, möglichst viel Markt. Und negiert damit, was die Menschen wirklich bräuchten – die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, etwa Lebenszufriedenheit, Glück oder schlicht: ein angemessenes Obdach. So führt das Christian Felber in „This is not Economy“ aus. Der Initiator der Bewegung Gemeinwohl-Ökonomie will genau das – eine Wirtschaftsform, die den Menschen anstatt den Unternehmen dient. So sei „ein solider Sozialstaat nicht notorischer Vorbote des Sozialismus, sondern Schutz davor, dass der Kapitalismus die Gesellschaft auseinanderreißt“. Die moderne Wirtschaftswissenschaft gehe von völlig unsinnigen Annahmen aus. Weder handele der Mensch immer rational seinen eigenen Vorteil berechnend, noch wolle er möglichst frei von staatlichen Regulierungen sein.

Ökonomen begehen laut Felber grundlegende Fehler in ihren Theorien. Das beginnt damit, dass Ökonomie im ursprünglichen Sinne das Wohl aller Haushaltsmitglieder und Mäßigung und Sättigung ins Zentrum stellte, anstatt Profit- und Nutzenmaximierung. Die heutige neoliberale Ökonomik sei eine „verirrte Wissenschaft“, deren führende Vertreter davon ausgehen, dass sie so exakt wie Physik funktioniere. Jedoch: „Ökonomische Grundkategorien wie Geld, Eigentum, Märkte, Börsen oder Unternehmen sind keine Kreationen der Natur, sondern Erfindungen der Kultur.“ Die Ökonomie sei eine Sozialwissenschaft, die im Gegensatz zu Naturwissenschaften in ihren Grundgesetzen auch nicht mit Empirie arbeite.

Sozialschutz wurde zugunstenmaximalisierter Profite zurückgedrängt

Wohin ökonomische Theorien führen, ist seit den 80er Jahren in den Industriestaaten zu beobachten, konstatieren Crouch und Felber. Arbeits- und Sozialschutz wurden zugunsten maximierter Profite zurückgedrängt. Die „Gig Economy“ ist nur die konsequente Fortsetzung der Lehren der auch Neoklassik genannten ökonomischen Schule ins 21. Jahrhundert hinein – und ihrer Anpassung an die Möglichkeiten digitaler Profitmaximierung. Arbeitnehmer, die sich freiwillig den Bedingungen von Konzernen ausliefern – mit nur wenig Möglichkeiten, sich etwa zu Gewerkschaften zusammenzuschließen –, die als Einzelkämpfer tatsächlich auf ökonomische Rationalität gedrillt werden, die im gleichen Maße als Bürger an Einfluss in der Demokratie verlieren wie ihn Konzerne gewinnen. „Plattformjobs und andere prekarisierende Formen von Arbeit“, schreibt Crouch, „können nur um den Preis hoher sozialer Kosten Hauptformen der Beschäftigung werden.“

Das muss nicht so kommen.

Arbeitnehmer und Bürger beginnen, sich zu wehren. In vielen Staaten gehen die Menschen gegen ausbeuterische Systeme auf die Straße – etwa in Chile. Oder, wie in jüngster Vergangenheit, die Fahrer von den Lieferdiensten Foodora, Deliveroo und Lieferando. Sie haben in Streiks ihre Rechte gewahrt. Noch können Arbeitnehmer sich Waffengleichheit mit global operierenden Konzernen verschaffen.

Doch um auch weiterhin in einer Wirtschaft zu leben, die dem Menschen dient, braucht es mehr als nur Arbeitskampf oder Straßenprotest. Der Staat muss stärker und nachhaltiger agieren. Crouch und Felber diagnostizieren ähnliche Probleme, auch wenn sie unterschiedliche Lösungsansätze favorisieren. Mit ihren Vorschlägen sind die beiden Denker nicht allein.

Die Kritiker des modernen kapitalistischen Systems werden mehr. Und sie werden lauter.

Die Bücher

- Colin Crouch: Gig Economy. Prekäre Arbeit im Zeitalter von Uber, Minijobs & Co. Übersetzt von Frank Jakubzik, edition Suhrkamp, 136 S., 14 ¤

- Christian Felber: This is not Economy. Aufruf zur Revolution der Wirtschaftswissenschaft. Deuticke, 302 S., 22 ¤

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