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07.07.2010

Die Krise findet auf der Bühne statt

Die Krise findet auf der Bühne statt
Bild: DPA

Berlin (dpa) - Armut, Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst, geldgierige Manager und konsumgeile Wohlstandsbürger. Das Theater in der Krise spielt mit der Krise. Wie verändert die globalisierte Wirtschaftskrise das Leben der Menschen? An diesem Thema arbeiteten sich viele Inszenierungen in der zu Ende gehenden Theatersaison 2009/10 ab. Der Grad zwischen Voyeurismus und Anteilnahme war dabei manchmal schmal.

Was Krise und Sparzwang in den Kommunen für die mehr als 140 staatlich subventionierten deutschen Theater selbst bedeuten, fasste der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Klaus Zehelein, so zusammen: "Theater sind verkleinert, Sparten geschlossen, Häuser fusioniert worden, und das alles bei Gehaltsminderung vieler Bühnenangehöriger." Spektakulärster Fall ist Wuppertal. Dort ist das Schauspielhaus von der Schließung bedroht. Bürgerprotest hat sich formiert.

"Die aktuelle Krise hat nicht allein finanzielle, sondern auch moralische und intellektuelle Gründe", sagte der frühere französische Kulturminister Jack Lang. Da es den Politikern an Lösungsideen mangele, sei es am Theater, Utopien zu entwickeln.

Vorerst bilden viele Regisseure die Misere allerdings vor allem ab und erreichen damit eher Hirn als Herz der Zuschauer. Das zeigte sich beispielhaft beim Berliner Theatertreffen, das traditionsgemäß die von einer Kritikerjury als besonders "bemerkenswert" ausgewählten Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigte.

Die Krise findet auf der Bühne statt

Fast ausschließlich zeitgenössische Stücke lenkten den Blick der Zuschauer auf das Elend der Welt. Wo zuletzt noch mit antiken Stoffen Antworten auf die großen Menschheitsthemen Liebe, Tod und Krieg gesucht wurden, zeigten Autoren und Regisseure nun eine schrille, trostlose Gegenwart - egal ob mit Elfriede Jelineks Wirtschaftskomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns", Dea Lohers "Diebe" oder Roland Schimmelpfennigs "Der goldene Drache".

Auf die Spitze trieb es Karin Beier, die Intendantin des Schauspiels Köln. In ihrer Bühnenadaption von Ettore Scolas Neorealismus-Film "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen" stellte sie eine "sozial schwache Problem-Familie" von Arbeitslosen aus. Hinter den Plexiglas-Scheiben eines Wohncontainers spielte sich ein Drama ab, das der Zuschauer nur sah, aber nicht hörte. Das Publikum war gespalten: Denunziert Beier ihre Figuren und macht den Zuschauer zum bloßen Voyeur, oder liefert sie einfach eine Milieustudie?

Bei den Wiener Festwochen gab es ein Projekt, das Theatergänger so nah wie wohl nie zuvor an die Realität heranführte. Jörg Lukas Matthaei erklärte in "Schwellenland - Eine Ausbürgerung in zehn Tagen" die Teilnehmer zu Flüchtlingen, denen reale zehn Tage bleiben, um mit Hilfe "echter" Flüchtlinge, Migranten und Papierloser der Abschiebung zu entgehen.

Dass das "klassische" Theater aber weiter eine Zukunft hat, das beweist immer wieder Peter Stein. In Wien zeigte er in dieser Saison eine zwölfstündige Fassung von Dostojewskis "Dämonen". Die Premiere von Steins nächster Regiearbeit steht kurz bevor: Am 26. Juli bringt er bei den Salzburger Festspielen Sophokles' "Ödipus auf Kolonos" mit Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle auf die Bühne.

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