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07.07.2010

Die Kulturhauptstadt geht auf die Straße

Die Kulturhauptstadt geht auf die Straße
Bild: DPA

Essen (dpa) - Wo sonst über 160 000 Autos am Tag vorbeirauschen, gibt es am 18. Juli Alltagskultur an Biertischen. Zum Jahr des Reviers als Kulturhauptstadt wird die wichtigste Ruhrgebietsautobahn A 40 zwischen Duisburg und Dortmund gesperrt, damit Stegreifpoeten, Frischverheiratete, Brieftaubenzüchter und zahllose Hobbymusiker zum Zug kommen.

Die mehr als zwei Millionen Euro teure Aktion "Stillleben" - eines der Schlüsselprojekte der Kulturhauptstadt 2010 im Ruhrgebiet - soll die ganze Region zusammenschweißen. Eine Million Besucher werden erwartet. "Das wird hoffentlich der emotionale Gründungstag der "Metropole Ruhr"", sagt Ruhr.2010-Chef Fritz Pleitgen.

Duisburg, Oberhausen, Mülheim, Essen, Bochum, Dortmund - die Großstädte der Region entlang der Autobahn und der Ruhr haben ihre dramatisch leeren Kassen gemein - ansonsten aber oft wenig. Im bundesweit engsten Ballungsraum von Großstädten dominiert traditionell der Wettkampf um Investitionen und Aufmerksamkeit - nicht aber das Miteinander. So einträchtig wie beim Pressetermin am Mittwoch sah man die Oberbürgermeister höchst selten beisammenstehen.

Der Anspruch einer "Metropole Ruhr", die mit über fünf Millionen Einwohnern theoretisch Paris, London und Berlin ebenbürtig wäre, findet sich bisher vor allem in Hochglanzbroschüren. Die jahrelange Vorbereitung der Autobahnsperrung könnte ein positives Gegenbeispiel geben: Für das autofreie "Stillleben" mussten alle für ihren Abschnitt mitmachen - vom Nahverkehr bis zur Müllentsorgung - und alle zogen mit. Auch Oberhausen und Gelsenkirchen, an deren Stadtgebiet die A 40 weitgehend vorbeiläuft. "Das ist image- und gemeinschaftsfördernd. Wir müssen auch nach 2010 an Konzepten für solche Großereignisse arbeiten", sagte etwa Gelsenkirchens OB Frank Baranowski (SPD).

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Eine Fahrspur für die rund 20 000 Biertische, die später für 50 Euro pro Stück gekauft werden können, eine "Mobilitätsspur" auf der Gegenfahrbahn für Fahrräder und Skater und dazwischen Brücken über die Autobahn-Leitplanken - so haben sich die Organisatoren das bisher einzigartige Revierfest vorgestellt. Sechs Stunden lang - von 11 bis 17 Uhr - haben die Freizeitkünstler an den Tischen dann Zeit, sich zu präsentieren.

Über die Organisatoren brach eine Lawine von Bewerbungen herein: Feuerwehrfrauen, Tipp-Kick-Fans, Geiger, Pudelfreunde, Philosophen und Imker wollten mitmachen. An den Tischen wird in allen Variationen musiziert, gedichtet und geknobelt. Es gibt Armdrücken, nostalgische Geschichten des MSV-Duisburg-Fanclubs und Hochzeitsfeiern auf der Straße.

Kritik mancher Feuilletons über die Beliebigkeit dieser Auswahl kontert Pleitgen gelassen: "Wir haben auch einen politischen Auftrag. Wir müssen alle und nicht nur das Kulturpublikum erreichen." Mehr trifft die Organisatoren dagegen, dass die Riesentafel noch nicht komplett geschlossen ist: Auf den eher abgelegenen Passagen zwischen Bochum und Dortmund und Mülheim und Duisburg gibt es noch Lücken. Zehn Tage vor dem Start sind noch mindestens 2000 Tische unbesetzt.

Für leichte Nervosität im Ruhr.2010-Büro in Essen sorgt außerdem das Wetter, das der Kulturhauptstadt mit einem Blizzard zur Eröffnungsfeier und heftigem Wind zum Ballonprojekt "Schachtzeichen" schon zweimal einen Streich gespielt hat. "Ich wünsche mir 28 Grad, 2 Windstärken und ein paar schöne Wolken am Himmel", sagt der frühere WDR-Intendant Pleitgen, "weil ich weiß: Das gibt die schönsten Bilder."

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