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21.01.2019

Die Rap-Lehrmeister der Deutschen

Die da gibt es als Die Fantastischen Vier seit 30 Jahren: Smudo, And.Ypsilon, Tomas D und Michi Beck (von rechts), hier beim Auftritt in Berlin.
Bild: Getty Images

Die Fantastischen Vier Seit 30 Jahren gibt es die Hip-Hopper aus Stuttgart. Und nach wie vor werden sie für Tugenden gefeiert, die sie groß gemacht haben. Das ließ sich jetzt wieder in München erleben

München „Ringel, Reihe, Rosen, schöne Aprikosen / Jetzt geht’s ab, wir haun euch aus den Hosen.“ Mit solchen Reimen hat es einst tatsächlich begonnen. Es war 1991, der heute längst zur kommerziell erfolgreichsten Musikrichtung der Welt avancierte Rap setzte außerhalb der USA gerade zu seinem Durchbruch an – und während sich auch in Deutschland eine Szene formierte, in der sich ernste Typen zu harten Bässen fast ausnahmslos auf Englisch duellierten, servierten hier vier Stuttgarter Jungs, die sich zwei Jahre zuvor zusammengetan hatten, einfach mal ein launig hüpfendes deutsches Reim-Trallala.

„Jetzt geht’s ab“: Als der 50-jährige Thomas Dürr nun am Sonntagabend in München diese Zeilen ins Mikrofon spricht, wird er dabei umjubelt von einer mit gut 12000 Fans ausverkauften Olympiahalle. Denn das hier ist, das wissen auch die vielen Kinder in der Arena schon: Thomas D, und das sind: Die Fantastischen Vier. Sie waren es einst, die der deutschen Öffentlichkeit den Hip-Hop beibrachten. Und sie sind immer noch da – auch wenn gerade die Rapper sie schon damals gar nicht haben wollten.

Bereits ihr „Jetzt geht’s ab“ wirkte ja wie ein Fremdkörper auf der 1991 veröffentlichten ersten deutschen Hip-Hop-Kompilation, die in Anlehnung an die US-Pioniere von N.W.A., den „Niggaz with Attitude“, den hübschen Titel „Krauts with Attitude“ trug. Aber es war noch nicht mal dieser Titel und auch nicht das gleichnamige Debütalbum, was den vieren den Durchbruch bescherte. Sondern es war im Jahr darauf ausgerechnet „Die da!?!“, ein bürgerlich niedliches Liebeswirrspiel, das als erster deutscher Rap die Charts eroberte und die vier lustigen Stuttgarter wie überdrehte Hampelmänner ins Musikfernsehen und in die Bravo brachte. Hätte es stattdessen nicht Torch sein können, der mit Advanced Chemistry in „Fremd im eigenen Land“ kraftvoll reimend die damaligen rassistischen Tendenzen in Deutschland thematisierte? Die Szene kotzte jedenfalls. Und noch heute rümpft, wer sich als Deutsch-Rap-Fan versteht, in der Regel die Nase über Die Fantastischen Vier.

Vielleicht hätten die sich damals auch selbst gewünscht, es wären eher Titel wie „Individuell aber schnell“ gewesen, die sie ja durchaus auch auf „4 gewinnt“ hatten, ihrem damals zweiten Album – ein Stück, das die mediale Sexualisierung und den Individualisierungsdruck in der Leistungsgesellschaft gewitzt in Szene setzt. Noch heute jedenfalls, wenn sie „Die da!?!“ wie nun auch in München wieder auf die Bühne bringen, lassen sie eine Scham erkennen, die sie offenbar nur durch ironische Distanzierung in der Präsentation bewältigen: „Bringen wir’s hinter uns.“ Aber wohl nur für diesen zum Hip-Pop verniedlichten Rap war Deutschland damals in dieser Breite bereit – und ohne ihn wären die Fantas ja auch bis heute nicht das, was sie sind.

In den gut zwei umjubelten Stunden in der Olympiahalle spielen sie wie immer mit Band natürlich auch das nette „Sie ist weg“, ihren bis heute einzigen Nummer-eins-Hit, spielen ihre Ballade „Tag am Meer“, spielen auch das zuletzt samt Clueso so prächtig in den Trend des deutschen Selbstermutigungspop passende „Zusammen“. Denn das gehört zum Markenkern der einst sogenannten „Neuen Schule“, das zeichnet diese mit den Fantas erwachsene Seite des deutschen Hip-Hop mit aus. Die Kollegen von Freundeskreis hatten ihr „Anna“, die Beginner ihr „Liebeslied“, Fettes Brot ihr „Jein“, Cro sein „Easy“, Marteria sein „Lila Wolken“… Es sind auch einfach nette Popstars, die die lichte Seite des deutschen Sprechgesangs repräsentieren.

Und diese Anti-Gangsta-Rapper sind ja auch bitter nötig angesichts der dunklen Seite, eines Farid Bang und anderer Provokations-Knallköpfe, eines Bushido oder Sido, die mit ihrer Straßenkampf- und Mackerrhetorik einen Style der hiesigen Jugendkultur geprägt haben, der inzwischen die Kommunikation bis in die sogenannten sozialen Netzwerke hinein prägt. Solche Typen dominieren inzwischen allzu oft die Charts. Aber trotzdem sind es ja die vermeintlich bürgerlichen Rapper, die heute auf der Seite der härteren Pioniere wie Advanced Chemistry stehen, wenn es darum geht, wirklich Missstände in der Gesellschaft anzuprangern – Marteria etwa zuletzt in Chemnitz.

Das zehnte Album der Fantas, „Captain Fantastic“, mit dem sie an diesem Sonntag ja eigentlich nur Tourstation machen und doch ein veritables Jubiläumsfest zum 30. Geburtstag erleben, ist neben der passenden Feier der eigenen Geschichte geprägt von zeitkritischen Gedanken. Das geht mit dem den Abend eröffnenden Titelstück los und endet längst nicht mit dem ebenfalls wuchtig live in Szene gesetzten „Endzeitstimmung“. Nicht nur gegen den Populismus geht es da, sondern es zielt auch auf die eigentlich zugrunde liegenden Probleme von Gerechtigkeit und Solidarität in der Gesellschaft. Auch das macht diese vier gealterten Stuttgarter eben längst aus.

Auch auf das von Gangsta-Typen gepflegte olle Rap-Spiel des gegenseitigen Herabwürdigens haben sich etwa die Fantas immer nur mit der passenden Ironie eingelassen – wie dereinst mit Moses P.s Rödelheim Hartreim Projekt, dessen Dissen nur zu Partyspäßen wie „Was geht“ geführt hat, das noch jetzt in München die Arena ins Hüpfen bringt.

Und dann ist da natürlich noch die Kunst des Reimens selbst, die in der boomenden Branche allzu oft ins Dreschen von einfältigen Knittelversen verkommt. Die Fanta-Reime aber sind nicht auf dem Niveau von Aprikosen und Hosen geblieben. Mit ihrem hirnverrenkenden und zungenbrecherischen, auch in München freilich wieder gefeierten Abkürzungsrap „MfG“ haben es die vier auch schon in die Lyrik-Anthologie eines Hans Magnus Enzensberger gebracht. Verknapptes Beispiel einer ohnehin immer wieder textlich feinen, weil hintersinnigen Originalität, sei es in „Pipis und Popos“ oder „Einfach sein“, in dem wie so oft Smudo die reimenden Glanzpunkte setzt.

Smudo, eigentlich Michael Bernd Schmidt, 51 Jahre alt. Schon ein bisschen niedlich, wie er da doch sichtbar gereift auf der Bühne herumhopst, während Michael „Michi“ Beck (ehemals „Hausmarke“), 51, der Coole von der Schule geblieben ist, während Thomas D, 50, sein posenreiches Fitnessprogramm absolviert und im Hintergrund Andreas Rielke alias And.Ypsilon, 51, als Monolith zwischen den Soundgeräten herrscht. Ob das in dem Alter noch lange so gut geht?

An diesem Abend jedenfalls schwören sich Band und Fans unter Goldgirlandenregen zum obligatorischen Abschluss ihr „Troy“. Und es herrscht doch ohnehin zweierlei: 1. Hochkonjunktur von Musikstars im Rentenalter; 2. Hochkonjunktur von Superhelden-Geschichten. Diese Fantastischen Vier jedenfalls, um es einfach mit dem von all den Welterklärungs- und Seelenermutigungstiteln des Thomas D an diesem Abend zu sagen: „Weitermachen“! Aber ruhig mal „Individuell aber schnell“ statt „Die da!?!“ spielen.

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