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Literatur

09.09.2019

Die Träume und die harten Tatsachen: Ocean Vuongs starkes Roman-Debüt

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Hier sind Einwanderer gefragt: Schönheitssalon in den USA. In einem solchen schuftet auch die Figur der Mutter in Ocean Vuongs Roman.
Bild: Picture Alliance

Der junge US-Amerikaner erzählt seine Lebensgeschichte in dem wilden und geglückten Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“.

Im Schulbus sitzt der Junge immer allein. Keiner, der sich neben ihn setzen möchte, was ihm recht ist. Und um der Aufmerksamkeit auch ganz sicher zu entgehen, presst er sein Gesicht entschlossen gegen das Fenster. Aber einer, der sich verstecken möchte, kommt selten ungeschoren davon. Als er abends vor der Mutter erwähnt, dass ihm die anderen zugesetzt haben, schlägt auch sie noch einmal zu, bevor sie ihn hilflos anbettelt: „Du musst ein richtiger Junge sein und stark sein. Du musst dich ins Zeug legen, oder sie werden weitermachen. Du hast einen ganzen Batzen Englisch hier drin. Du musst es benutzen, okay?“

Ein ganzer Batzen Englisch! Was man aus dem alles machen kann, was für Geschichten, was für Sätze, Sprünge, Saltos, welch ein Roman! Eindringlich, roh, irrlichternd, eigenartig, zärtlich, überdreht, verstörend, tröstend. Ein Werk eben wie „Auf Erden sind wir kurz grandios“, das Romandebüt des 31-jährigen US-Schriftstellers Ocean Vuong, gefeiert von der amerikanischen Literaturkritik und nun auch auf Deutsch zu lesen. Vuong erzählt die Geschichte eines Jungen aus Hartford/Conneticut, dem sie in seiner alten Heimat Vietnam den Namen „Little Dog“ gegeben haben, aus dem Aberglauben heraus, dass man ihn so vor bösen Geistern schützen könne. „Etwas zu lieben, heißt, ihm einen derart schäbigen Namen zu geben, dass es vielleicht unberührt bleibt – und am Leben.“ Aber wie soll das gehen, unberührt bleiben, wenn die Gewalt doch bis in den letzten Rückzugsort reicht, die kleine Wohnung in Hartford? Wenn der Vater, bevor er dann für immer verschwindet, die Mutter und die Mutter das Kind schlägt? Wenn die ganze zusammengewürfelte Familie ein Ergebnis des Krieges ist? Und wenn man noch dazu für die Kinder im Schulbus nicht nur anders aussieht, anders spricht, sondern auch anders fühlt?

Ocean Vuong wird als Wunderknabe gefeiert

Es ist natürlich nicht die Geschichte von Ocean Vuong, seit seinem Gedichtband „Night Sky With Exit Wounds“ (Nachthimmel mit Austrittswunden) als Wunderknabe gefeiert und mit Preisen überhäuft. Aber dass hier Autobiografisches literarisch verhandelt wird, stellt auch Vuong gar nicht in Abrede. Bruchstücke seiner Biografie sind hier zu Pfeilern des Romans geworden: Die halbvietnamesische Mutter, die, nachdem sie wegen ihrer Herkunft in der alten Heimat verfolgt wird, sich irgendwann als Alleinerziehende in einem Nagelstudio in der amerikanischen Provinz wiederfindet. Die vom Krieg traumatisierte Großmutter, die der Krebs zerfrisst und die allmählich in der eigenen Erinnerung verschwindet. Seine eigene Homosexualität, seine vorwärtsgewandte Flucht in die Sprache.

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In den USA gefeiert: der Schriftsteller Ocean Vuong.
Bild: Tom Hines, Hanser

Verfasst ist der Roman als Brief an die Mutter, eine Adressatin, die Analphabetin ist, kaum Englisch spricht. Als sie in an der Metzgertheke Ochsenschwanz bestellen möchte und nicht verstanden wird, versucht sie es mit Pantomime: Wedelt mit einem Finger am Kreuz wie mit einem Schwanz, muht – und erntet brüllendes Gelächter. Der Sohn schwört sich danach, für die Mutter künftig das Sprechen zu übernehmen, wird zum Familiendolmetscher.

"Mutter, du bist ein Monster"

Die Mutter also kann nicht lesen. Was bedeutet, dass Vuong seinem englischsprachigen Icherzähler alle Freiheit gibt, mal mit Zärtlichkeit, aber auch mit brutaler Offenheit über sich zu erzählen. „Du bist eine Mutter, Ma. Und du bist ein Monster. Aber das bin ich auch – weshalb ich mich nicht von dir abwenden kann. Weshalb ich Gottes einsamste Schöpfung genommen und dich hineingesetzt habe.“ Nicht die Mutter soll hier etwas über ihren Sohn erfahren, der Sohn vielmehr sucht nach sich selbst in allen Winkeln seines Lebens. Auch deswegen wurde dieser Roman, der die Gattungsgrenzen federleicht überspringt, vielleicht zu diesem wilden wundervollen Mix aus Poesie und Prosa, in dem nicht alle Bilder glücken, aber einzelne wie funkelnde Splitter herausstechen. In dem sich Vuong alle Zeit nimmt, um detailgenau von seiner ersten Liebe zu erzählen, Trevor, Enkel eines Tabakpflanzers, nach einer eher harmlosen Verletzung einer der tausenden Opiat-Abhängigen. Oder vom Schönheitssalon mit seinen Gerüchen und giftigen Dämpfen, in dem die Mutter sich krank und krumm schuftet. Danach das alles aber wieder verdichtet: „Ein neuer Einwanderer wird innerhalb von zwei Jahren begreifen, dass das Nagelstudio letztlich ein Ort ist, wo Träume zu dem Wissen verkalken, was es bedeutet, in amerikanischen Leibern – mit oder ohne Staatsbürgerschaft – wach zu sein: schmerzhaft, toxisch, unterbezahlt“, schreibt Vuong.

So komplex die Identität des Icherzählers ist, so komplex ist auch die Identität dieses Debüts, in dem Vuong seinen Schreibprozess, die Suche nach Form, sichtbar macht: Mal linear erzählter Entwicklungsroman, mal Gesellschaftsporträt, dann Memoire, ein Zusammenweben von Erinnerungen, dann Totengesang. Und das alles aus einem Batzen Englisch. „Ist das vielleicht Kunst?“, fragt Ocean Vuong in seinem Werk: „Wenn man berührt wird, und glaubt, dieses Gefühl gehöre einem selbst, wenn es doch eigentlich jemand anders war, der uns durch sein Verlangen findet?“

  • Ocean Vuong: Auf Erden sind wird wir kurz grandios. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag. Hanser, 240 S., 22 €
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