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18.02.2018

Diese Geigen bewahren jüdische Leidensgeschichte

Amnon Weinstein in seiner Werkstatt in Tel Aviv mit Violinen, die von Holocaust-Überlebenden stammen. Einige Instrumente ziert der Davidstern. 
Bild: Abir Sultan, dpa

In Israel werden Violinen von Holocaust-Überlebenden restauriert. An einem besonderen deutschen Ort waren diese Instrumente jetzt zu hören.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Israel einen Boykott gegen alles, was deutsch war. Selbst Instrumente waren betroffen. Jüdische Musiker weigerten sich, weiterhin in die Hand zu nehmen, was in Deutschland hergestellt worden war. In Tel Aviv, wo sich ein Orchester aus Exilmusikern gegründet hatte, das heutige Israel Philharmonic Orchestra, brachten viele Violinisten ihre Instrumente in die Geigenbauwerkstatt von Moshe Weinstein: „Wenn du meine Geige nicht kaufst, zerstöre ich sie!“ Weinstein nahm sie, und ebenso machte es sein Sohn Amnon Weinstein, der später die Werkstatt übernimmt.

Es sind Violinen wie die des Wiener Juden Erich Weiniger, der 1938 ins Konzentrationslager Dachau deportiert wurde, auf wundersame Weise wieder frei kam und emigrieren konnte, immer die Geige im Gepäck. Oder das Instrument von Abram Merczynski, der aus dem Getto von Lodz erst nach Auschwitz verschleppt wurde und dann im Dachauer Außenlager Kaufering Zwangsarbeit leisten musste. Auch Merczynski entkam dem Holocaust und schenkte nach dem Krieg seine Geige einer deutschen Familie in München, bevor er selbst emigrierte. Doch die Instrumente, an denen allen die persönlichen Leidensgeschichten ihrer jüdischen Besitzer hingen, verblieben in der Werkstatt der Weinsteins in einem Schrank. Amnon, dessen Vater Moshe aus Litauen stammte und noch rechtzeitig ausgewandert war, hatte seine ganze vielköpfige Herkunftsfamilie durch den Holocaust verloren.

Jetzt sind es die „Violinen der Hoffnung“

Jahrzehnte vergingen. Dann aber, in den 90er Jahren, begann Amnon Weinstein, sich der verdrängten Geschichte zu stellen. Er öffnete den Schrank und machte sich ans Restaurieren der oft stark in Mitleidenschaft gezogenen Instrumente. Und rief das Projekt „Violinen der Hoffnung“ ins Leben: internationale Konzerte, in denen auf diesen Geigen musiziert werden sollte. Einige Male schon ist Weinstein mit seinen Geigen nach Deutschland gekommen, 2015 erklangen sie in der Berliner Philharmonie. Doch die beiden Konzerte, die am vergangenen Wochenende abermals auf deutschem Boden zu hören waren, fallen aus dem Rahmen – sie fanden in Dachau statt.

Avshalom Weinstein, der die Tel Aviver Geigenbaufamilie in nunmehr dritter Generation repräsentiert, bringt es vor dem Konzert am Samstagabend im Dachauer Schloss auf den Punkt: Wenn wir mit unseren Geigen nach Deutschland kommen, dann ist das für uns immer etwas anderes als sonst irgendwo auf der Welt; und mit den Geigen in Dachau zu sein, das, sagt Avshalom Weinstein, ist noch einmal ganz anders: „Mein Herz pocht hier schneller als anderswo.“ Im vollen Saal ist es mucksmäuschenstill. Die Weinsteins – Sohn Avshalom und Mutter Assaela (der inzwischen 78-jährige Vater Amnon musste krankheitshalber in Tel Aviv bleiben) – sind an jenen Ort gekommen, der wie wenige andere synonym steht für den Terror der Konzentrationslager.

In Dachau, wo die Initiative für die beiden Konzerte von der Kreisheimatpflegerin ausging, hat man für das Musikprogramm intensive Vorarbeit geleistet. Denn gespielt wird überwiegend, was tatsächlich im Dachauer KZ zu hören war, wie sich anhand verschiedener erhaltener Dokumente rekonstruieren lässt. Stücke wie ein frühes Beethoven-Streichquartett oder ein Dvorák-Klavierquartett. Aber auch, man mag es kaum glauben, Mozarts „Kleine Nachtmusik“. Oft wurde in den Baracken heimlich musiziert. „Wir Häftlinge hätten niemals  überleben können“, zitiert das Programmheft aus den Erinnerungen eines Dachauer Häftlings, wenn es nicht möglich gewesen wäre, „unsere Seelen wenigstens für einen kleinen Moment an etwas Wunderschönes, Großes oder Edles anzulehnen“. Doch gab es im Lager immer auch das Musizieren unter Zwang, woran jetzt im Konzert das (heimlich von Häftlingen verfasste) „Dachaulied“ durch seine marschartige Anmutung erinnert.

Es ist, als würde die Geige sich sträuben

Beethoven, Dvorák, Mozart und mehr – Wohlbekanntes, das nun auf den Geigen von Erich Weininger, Abram Merczynski und zweier weiterer Holocaust-Überlebender gespielt wird von jungen, teilweise aus Israel stammenden Stipendiaten der Stiftung Villa Musica sowie von drei erfahrenen Kammermusikern, darunter der israelische Geiger Loka Salzmann, dessen Vater einst selbst im KZ Dachau war. Klingt die Musik nun anders, wenn sie auf den „Violinen der Hoffnung“ gespielt wird? Lässt sich Verfolgungsgeschichte am Instrumentalklang hören? Natürlich nicht. Und doch gibt es Momente, als erwachten beim Spielen die Geschichten der Geigen aufs Neue. Etwa, wenn mitten im Quartett-Arrangement von Franz von Suppés Ouvertüre „Dichter und Bauer“ dem Geiger Gil Sharon die Stimmung der Saiten verrutscht, was erst mal Abbruch und Nachstimmen nötig macht. Da scheint es fast, als habe sich das Instrument gesträubt gegen diesen betörenden Schmelz der Melodie, die doch nachweislich im Lager erklang.

Mit dem Spiel dieser Geigen einen „Sieg der Menschlichkeit“ (Amnon Weinstein) zu feiern, das fällt dem Hörer nicht immer leicht an diesem Abend im Dachauer Schloss. Zu abgrundtief scheint manchmal der Graben zwischen Musik und Realität, im Falle von Schumanns „Träumerei“ (auch hier ist die Lageraufführung belegt) beinahe schon obszön. Dieses Kinderschlummerlied, dieser Inbegriff unschuldiger Romantik drinnen in den Baracken – und draußen prügelte die SS.

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