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Theater Ulm

18.10.2020

"Dreigroschenoper" am Theater Ulm: Mackie Messer konzertant

Mackie Messer (Frank Röder)) im Rollkragenpulli.
Bild: Martin Kaufhold

Plus Wegen der Pandemie verzichtet das Theater Ulm auf eine Inszenierung. Das lässt die Songs glänzen.

Mackie Messer und die Spelunken-Jenny, der Erzganove und seine einstige Halbjahresliebschaft, singen die Zuhälter-Ballade – ein Lied von Armut, Rotlicht-Elend und Liebeslust: „Es geht auch anders, doch so geht es auch.“ Und tatsächlich: Bei Bertolt Brechts Dreigroschenoper läuft vieles ganz „anders“ als gewohnt, hier, am Theater Ulm. Weder Dirnen-Kostüm noch Glacéhandschuh: Frank Röder und Christel Mayr singen ihr Duett schmucklos im Rollkragenpulli. Wegen der Corona-Umstände muss das Theater auf eine Inszenierung des Klassikers verzichten. Dafür erlebt das Publikum eine konzertante Version mit wenig Dialog und viel Musik. Eine Variante, die die Songs glänzen lässt.

Vielsagende Blicke ersetzen das Spiel

Schauspielchef Jasper Brandis inszeniert das Werk nicht, er setzt nur einen Mann in Szene: den Brecht-Komponisten Kurt Weill und seine schrägen, ewigen, famosen Gassenhauer. In dieser Nummernrevue nehmen acht Darsteller hinter acht Mikrofonen Platz. Sie reduzieren ihr Spiel auf kurze, vielsagende Blicke und treten nur ins Scheinwerferlicht, wenn sie singen. Der Rest liegt im schummrigen Schein von ein paar großmütterlichen Lampenschirmen.

Jazzklub-Atmosphäre: Ein Schlagzeugbesen schrubbert über die Trommel. Der Trompeter Joo Kraus leitet die fünfköpfige Bühnenband, für die er mit einer respektvollen Dosis Eigensinn die Songs arrangiert hat – Dixie, Jazz, Schlager und ein manchmal etwas irritierend poppiges Schlagzeug.

1928 begann in Berlin die Weltkarriere des Stücks . Und von wegen Oper: Tanzensemble statt Orchester, Schauspieler statt Primadonnen – in diesen Punkten bleibt die Ulmer Version den Ursprüngen treu. Dass eine konzertante Aufführung nun auf die Brecht-Dialoge verzichten und sich mit knappen Erzähltexten begnügen muss, haben die Erben von Brecht und Weill so bestimmt. Maurizio Micksch führt als dieser Erzähler durch die Handlung.

Fast jeder Song ist ein Treffer

Weill ist, wenn es menschelt, kratzt und rumpelt: Christel Mayr singt sich im „Salomonsong“ berückend die Seele aus der Kehle. Mit einer Stimme, die sich auch wunderbar in die Zeit von Brecht-Darstellern wie Lotte Lenya gefügt hätte, trumpft Tini Prüfert als Frau Peachum auf. Die „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“, ein galliger Abgesang auf die verlotterte Männerwelt, kostet sie mit Grammofon-Chanteusen-Stimme aus. Für feinste Spitzentöne ist die Ulmer Allrounderin Maria Rosendorfsky zuständig, als Polly mit Musical- und Operettentouch – und dezenten Ausflügen ins Raue, als Seeräuber-Jenny.

Das musikalische Pulver der Gangsteroper reicht bis zum Finale – fast jeder Song ein Treffer, ein Aha-Erlebnis mit Wiederhörensfreude. Und wenn die Stimmen der Schauspieler sich im Chor erheben, „Denn wovon lebt der Mensch“, dann wird die Dreigroschenoper fast zur Oper.

In einem dieser Songs nimmt Peachum (Gunther Nickles) das Elend aufs Korn: „Ja, mach nur einen Plan. Sei nur ein großes Licht. Und mach dann noch ’nen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht.“ Aber: Es geht auch anders, doch so geht es auch.

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