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200. Geburtstag

12.09.2019

Ehefrau, Starpianistin, siebenfache Mutter: Das Leben der Clara Schumann

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Die Sonderbriefmarke der Post  zum 200. Geburtstag von Clara Schumann.
Bild: Jan Woitas, dpa

Die herausragende Musikerin und Frau von Robert Schumann wurde zweimal in ihrer Laufbahn erst gefördert, dann eingeengt. Szenen einer Prominenten-Ehe.

„Vormittag bey Clara – Sie zeigt mir ihr Tagebuch, nachdem sie am 13. September 1819 auf die Welt kam. Was soll man vom Alten [ihr Vater] denken, der noch gestern auf seine Seligkeit schwor: Clara wäre erst 10 ½. – Haben dergleichen Erbärmlichkeiten Namen, außer diesen?“

Das hielt Robert Schumann am 7. Juni 1831 in seinem sogenannten „Leipziger Lebensbuch I“, einem Tagebuch, als eine seiner frühesten Bemerkungen über seine spätere Frau Clara fest. Was scheint – 200 Jahre nach dem erwähnten 13. September 1819 – in diesen wenigen Zeilen doch alles auf! Da wären die harsche Kritik an seinem Klavierlehrer und späteren Schwiegervater, außerdem die zentrale Bedeutung von Tagebüchern, gerade im Leben von Clara und Robert, schließlich das offensichtliche Interesse Friedrich Wiecks, des „Alten“, seine Tochter jünger zu machen als sie in Wirklichkeit war.

"Meine Kunst lasse ich nicht liegen"

Damit ließ sich ja die riesige Begabung der Tochter, die praktisch früher Klavier spielte, als dass sie zu sprechen bereit war, noch besser unter die Leute bringen! Er war es, der das Saatkorn legte zu jenem Wunderkind, aus dem dann eine der berühmtesten Virtuosinnen des 19. Jahrhunderts werden sollte – und zwar mit all jenen Komplikationen zwischen Karriere und Ehefrau, Selbstverwirklichung und vielfacher Mutter, die noch immer, bis heute, Gesellschaftsthema sind. Wenn jetzt, zu diesem 200. Geburtstag der bewunderten Pianistin und Komponistin, die Deutsche Post auf ihrer Gedenk- und Sonderbriefmarke Clara Schumann selbst zitiert, dann trifft sie auch einen neuralgischen Punkt in Beschreibung und Selbstbeschreibung dieser willensstarken Frau: „Meine Kunst lasse ich nicht liegen, ich müßte mir ewige Vorwürfe machen.“ So schrieb sie 1839 ins Tagebuch – zu einem Zeitpunkt, da Robert und sie vor Gericht ihre Hochzeit – gegen den Willen ihres Vaters – durchzusetzen suchten.

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Und damit sind wir bei den hochdramatischen, ja tragischen Momenten dieser außergewöhnlichen Biografie angelangt, die natürlich in Film und Buch bereits abgehandelt wurden – erst recht, als die Emanzipation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen neuen Schub erhielt und die Musikwissenschaft sich verstärkt auch den Frauenleistungen zuwandte.

Ein Gipsabdruck der ungewöhnlich großen Hand von Clara Schumann ist in der neuen Ausstellung des Schumann Hauses in Leipzig zu sehen.
Bild: Hendrik Schmidt, dpa

Zunächst einmal hatte Clara dem Vater viel zu verdanken. Er achtete darauf, dass sie nicht nur ihre Spezialgabe am Klavier auslebte, sondern förderte – neben der umfangreichen musikalischen Ausbildung – auch stark Persönlichkeitsentwicklung, Fremdsprachen, das Lesen und die Leibesertüchtigung. Neunjährig hatte das Kind schon seinen ersten Auftritt im altehrwürdigen Leipziger Gewandhaus, 14-jährig nur fing sie an, ihr a-Moll-Klavierkonzert zu komponieren. Ihre Laufbahn als „erste Pianistin unserer Zeit“(Wiener Allgemeine Musikalische Zeitung), als „Priesterin der Kunst“ (Franz Liszt) begann. Mit dem Vater auch führte sie ein gemeinsames Tagebuch, das motivieren, Rechenschaft ablegen – und kontrollieren – sollte. Es mag erstaunen, dass Clara nach heimlicher Verlobung und letztlich durchgesetzter Hochzeit mit Robert noch einmal ein gemeinsames Tagebuch – in wöchentlichem Wechsel – führen sollte. Denn dass dergleichen auch ein Mittel der Beobachtung und Aufsicht sein konnte, hatte sie ja kennengelernt.

Je älter und erfolgreicher Clara wurde, je deutlicher Friedrich Wieck die zarten Bande zwischen seiner Tochter und dem angehenden Komponisten aus Zwickau wahrnahm, desto rigoroser reagierte er. Robert nannte es tyrannisch. Der Vater wollte wohl die Ehre, die ihn mit seiner Tochter verband, nicht teilen, nicht bedroht sehen – und hatte auch verständliche Vorbehalte gegen den unsteten, schwärmerischen Schumann.

Die kinderreiche Familie musste ernährt werden

Aber mit der Hochzeit 1840 kam Clara Schumann, die sich insbesondere als Beethoven-Interpretin einen Namen gemacht hatte und für die Mendelssohn sein Allegro brillant komponieren sollte, bald in neue Kompromisszwänge – bei allen gegenseitig dokumentierten Liebeserklärungen, bei allen gegenseitigen Vorteilen, die eine prominente Künstlerehe gewährte: Wenn sie zu Hause üben wollte, konnte Robert nicht mehr im Stillen komponieren; zudem ertrug er es bei Konzertreisen zunehmend schwerer, dass seine Frau den größeren, anziehenderen Namen besaß. Das belastete. Zwar komponierte das Paar 1841 noch gemeinsam Lieder auf Texte von Friedrich Rückert, zwar spielte man sich noch gegenseitig musikalische Themen zu, die der andere aufgriff, doch letztlich reduzierte Clara ihre schöpferische Tätigkeit als Tonsetzerin stark, sicherlich auch, weil europaweite Konzerte aus ihrer Hand einträglicher waren – und als Geldquellen für die rasch anwachsende Familie auch gebraucht wurden.

So verlor Clara Schumann den Anschluss an ihr hochgelobtes Klaviertrio op. 17 und begann erst wieder zu komponieren und zu publizieren, als die Familie in Düsseldorf eine Wohnung beziehen konnte, deren Musizierzimmer akustisch voneinander isoliert waren. Doch nahezu zeitgleich setzte die zweite Familientragödie in Claras Leben ein: Robert wurde vermutlich in Folge einer Syphilis wahnsinnig, stürzte sich – ohne Todesfolge – von einer Rheinbrücke und wurde in die Nervenheilanstalt Endenich bei Bonn eingeliefert. Besuche wurden der ebenfalls deprimierten Clara verwehrt, erst kurz vor seinem Tod 1856, nach mehr als zwei Jahren, sah sie ihn wieder.

Mehr als eine Stütze in dieser Zeit war ihr der junge Johannes Brahms. Viel ist darüber spekuliert worden, wie weit die (in Briefen dokumentierte) Liebe zwischen Clara und Johannes ging – und ob womöglich sogar der jüngste Sohn Claras auch ein Kind von Johannes Brahms sein könnte –, doch nach dem Tod Schumanns zog sich die Witwe aus dieser Beziehung wieder zurück – und pflegte in ihren Konzerten sowie als Herausgeberin das Erbe Robert Schumanns.

Konzertieren, vor allem in England, wollte – und musste – sie auch. Die Einnahmen der selbst organisierten Auftritte wurden für die sieben überlebenden Schumann-Kinder gebraucht. Aber Clara sah sich bis etwa 1860, als sie finanziell unabhängig wurde und sich in Baden-Baden niederließ, Debatten ausgesetzt, inwieweit die verwandtschaftlich oder in Internaten untergebrachten Kinder von ihr vernachlässigt werden.

Und so gibt das ruhmvolle Leben dieser Clara Schumann, das 1896 in Frankfurt am Main endete, Anlass zum Räsonnieren nicht nur darüber, wie Verantwortung am sinnvollsten wahrzunehmen ist, sondern auch darüber, wie ein Mensch in seiner Persönlichkeitsentwicklung gleichzeitig gefördert als auch eingeengt werden kann.

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