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Alltagskultur

12.07.2018

Ein Altar für kleine Dinge, die dennoch zählen

Fünf Wecker und ein Hufeisen - fertig ist der profane Hausaltar.
Bild: Rosa Schamal/Edition Patrick Frey

Wo Menschen wohnen, gibt es fast zwangsläufig Inszenierungen von profanen Gegenständen auf Minibühnen. Ein Buch widmet sich diesem Objektkult.

Gibt es sesshafte Menschen, die ohne solche kleinen Dingwelten auskommen? Wenige. Ganz wenige. Fast jeder hat aufgehobenes Zeug zum Hinstellen und inszeniert mal unübersehbar, mal beiläufig versteckt auf häuslichen Bühnen. Regale, Tischchen, Sideboards, Fensterbänke tragen Strandgut des hin- und herwogenden Lebens. Oft werden diese kruden Zusammenstellungen als Nippes, Souvenirrampe und Staubfänger geschmäht. Krimskrams, der keine praktische Funktion hat, sondern nur herumsteht. Und was für seltsames Zeug!

Mehr oder weniger gelungene Dekoration? Was wäre, wenn wir diese Kleinbühnen für stumme Gegenstände ganz anders betrachten würden – als Altäre?

Ein Altar dient kultischen Handlungen. Und im Lexikon heißt es zudem vieldeutig: Auch die Errichtung des Altars an sich und seine unter Umständen reiche Verzierung sind bereits ein Akt der Verehrung. Altäre also, auf denen ein ranziger Schneemann unter Zahnputzbechern steht oder sieben aufrechte Blockflöten einen Strohhut halten.

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Der in Zürich lebende Psychoanalytiker Peter Schneider (*1957) und die Fotografin Rosa Schamal (*1962) haben nun in der Schweizer Edition Patrick Frey dem profanen Privataltar ein Buch gewidmet. Wo die häuslichen Dingwelten aufgenommen worden sind, erfahren wir nicht. Gartenzwerge sind dabei, Muscheln natürlich, Steine, Kastanien, Fotos. Wie auch: Wecker, Streichholzschachteln, Stopfeier.

Preziosen, die privaten Wertekategorien folgen

Die Bilder erzählen eine zugleich skurrile wie vertraute Geschichte: Man meint, alle diese Inszenierungen von seltsamen Einzelstücken schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Man kann das als sentimentale Zusammenwürfelungen abtun, hinter denen kein logisches Prinzip aufscheint – oder würdigen als „Dinge, die zählen“, als Preziosen einer privaten Wertkategorie.

Bleiben wir beim Altar. Der Begriff ist auch insofern gut gewählt, weil viele Dinge, die im privaten Umfeld präsentiert werden, tatsächlich wie Reliquien erscheinen. Was auf Außenstehende fremd und willkürlich wirkt, illustriert für den Zeremonienmeister der Ding-Anhäufung persönliche Erlebnisse, Gefühle, Erinnerungen. Dinge sind aufgeladen mit unsichtbaren Bedeutungen. Ein vergegenständlichtes Netz von Assoziationen.

Viel Platz brauchen die Hausaltäre nicht. Auf einem Beistelltisch sind Krokodile die Basis der Anordnung.
Bild: Rosa Schamal/Edition Patrick Frey

„Die Dinge in meiner Umgebung lassen sich nicht klassifizieren“, schrieb der Philosoph Vilem Flusser. Doch das, was auf profanen Hausaltären als Ding-Collagen zusammengewürfelt wird, entzieht sich allen Ordnungsbegriffen schon dadurch, dass „diese völlig disparaten Dinge eine Privatkategorie bilden“, meint Peter Schneider. Er umkreist den Hausaltar und seine „Ordnung der kleinen Dinge“ in sechs kurzen Kapiteln, in denen er mit erhellenden Verweisen auf Soziologen, Künstler, Psychologen, Philosophen und Ethnologen wie Claude Lévi-Strauss nicht spart. Gleichwohl ist das eine unangestrengte Tiefenbohrung von Kunst über Pathologie bis Poetik.

Die Dingwelten in unserem Lebensbereich – eher Ansammlungen als Sammlungen – lassen sich durchaus als „Museen des Individuellen“ betrachten. Die Wurzeln liegen in der Kindheit. Kinder sammeln die verrücktesten Dinge in Schuhschachteln und Keksdosen und gebieten so über einen Schatz, über den sie allein die Deutungshoheit haben. Eine Nähe zur Tradition der Wunderkammer liegt auf der Hand. Die Gegenstände „verdoppeln, ergänzen oder konterkarieren das, was der Bewohner eines Haushalts sagt“, meint Schneider. Objekte, die in einem allfälligen Privataltar versammelt sind, seien „durchaus Teil dieses Gemurmels der Dinge. Aber sie reden anders: poetisch.“

Mit dem Messie-Syndrom hat das nichts zu tun

Wer bei den profanen Sammelsurien (von denen es in manchen Wohnungen mehrere geben kann) an beginnendes Messie-Syndrom denkt, liegt ganz falsch. „Die privaten Altäre sind zwar prinzipiell ergänzungsfähig, aber sie haben keine Tendenz zu wuchern und mit dem anderen Hausrat zu einer einzigen Müllhalde zu verwachsen“, schreibt Schneider. Und die Fotos des Buches geben ihm recht. Hier denkt man sogar eher an Minimalismus denn an Anhäufung.

Fotografin Rosa Schamal hat einen sehr freien, weit gefassten Blick auf den Altar. Die gibt es auch draußen vor der Türe. Der buddhistische Minitempel im Garten gehört für sie genauso dazu wie die Verkehrsinsel, auf der Blumen liegen und Grabkerzen stehen – vermutlich im Gedenken an ein Unfallopfer. Das Buch jedenfalls ist ein reizvoller Denkanstoß, auf das Vertraute anders, neu hinzuschauen. Am besten beginnt man damit in den eigenen vier Wänden.

 Altar. Herausgegeben von Rosa Schamal, Peter Schneider, Manuel Süess. Edition Patrick Frey, 92 S., 40 €.

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