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Kritik zur Premiere

03.02.2019

Ein glanzvoll unglückliches Liebespaar: "Werther" im Martinipark

Charlotte (Natalya Boeva, vorne) und Werther (Xavier Moreno) in Jules Massenets Oper.
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Plus Jules Massenets Selbstmord-Oper reißt das Publikum im Martinipark berechtigt hin: Nach einer geglückten Inszenierung gab es Ovationen und Fußgetrampel.

„Man sieht die kleine Stadt Wetzlar, von oben gesehen, am Weihnachtsabend. Der Mond wirft eine große Helligkeit über die Zweige und Dächer, die mit Schnee bedeckt sind.“ So malerisch hat sich Jules Massenet den Sterbeort Werthers, der in Wirklichkeit Karl Wilhelm Jerusalem hieß, für seine gefühlsstürmende und gefühlsdrängende Oper „Werther“ vorgestellt.

Oper "Werther" in Augsburg: Kritik zur Premiere

Aber so idyllisch-sentimental stellt sich Augsburgs Intendant André Bücker die environs der letzten Stunden des Selbstmörders nicht vor. Und das ist gut so. Lieber denkt Bücker über den Sachverhalt nach, dass Werther/Jerusalem einst mehr als eine Pistole für seinen Gang aus dem Leben erbat – und zwar vom frisch Angetrauten seiner großen Liebe Charlotte: Albert. Und dies nun bringt Albert – in Bückers Lesart – auf kreative Gedanken: Bevor ich Werther die Pistolen aushändige, könnte ich ihn doch gleich selbst erschießen! Oder: Ich verlange Genugtuung! Duell!

War ja Mode in der Zeit.

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Und so ereignet sich also – einem Traumspiel gleich – zu Massenets tragisch und schmerzlich dräuendem Orchester-Vorspiel im vierten Bild das Durchdeklinieren der Möglichkeiten, wie Werther auch ableben könnte. Das ist entschieden profaner als Massenets Schnee-Mond-Weihnachts-Wetzlar-Vorstellung – und bindet sich hervorstechend ein in eine Produktion, die auch an anderer Stelle diesem tränentreibenden Rührstück etwas entgegenzusetzen hat. Jan Steigert hat einen so ästhetischen wie reduziert-anspruchslosen Kleinstadt-Kosmos für diesen Werther entworfen: filigrane Architekturversatzstücke wie aus der gebastelten Puppenstube oder von der Laubsäge-Werkzeugbank oder aus dem Modellbaukasten. Ein bisschen Guckkasten, ein bisschen Papiertheater. Beiger Verpackungskarton dominiert scheinbar die Szene, bedruckt mit den (Warn-)Hinweisen, wie der Inhalt dieser Kleinstadt, wie die Menschen darin zu betrachten und zu behandeln sind. Leicht entzündlich! Fragile! Handle with care!

Vorsicht, zerbrechlich!

Ja und das sind sie ja auch, diese Rokoko-Bürger, voran Werther und Charlotte. Und so, wie das Bühnenbild – vor einer atmosphärische und poetische Assoziationen einblendenden Video-Wand – nicht selten Silhouetten-Charakter trägt, so tragen Wetzlars Bürger und Kinder in historisch korrekten, aber schwarzen Kostümen (Suse Tobisch) nicht selten Schattenriss-Charakter beziehungsweise – war ja Mode der Zeit – Scherenschnitt-Charakter.

André Bücker ist in Augsburg und beim Publikum angekommen

Derart entsteht eine stilisierte, feinsinnige Profil-Szenerie, in der die gehobene Bürgerschaft Wetzlars mit selbstverordnetem Anstand agiert. Es wäre ein Missverständnis, Bückers gedrosselter Personenführung den Vorwurf von immer wieder ähnlicher, gar gleicher Gestik zu machen. Vielmehr scheint hier auf, worunter die jungen Protagonisten leiden: unter der Etikette. Pflicht und Ehre, Versprechen und Eid sind die Wegweiser oder zumindest Grenzsteine zu Werthers anstehender Winterreise. Und so bleibt auch die Körpersprache der Konvention verhaftet und der Distanz und dem Siezen: in sich gefangen, merkwürdig gebremst, stockend, zinnfigurenhaft erstarrt. Erst ohne Perücke, zu spät, geben sich Werther und Charlotte gegenseitig hin. Indem aber die tendenziell schablonierte Szene und das tendenziell schablonierte Agieren zusammenwirken und der Süße der Musik notwendig Korrektiv und Paroli bieten, ist dieser „Werther“ die bislang wirkungsvollste, am stärksten in sich geschlossene, tatsächlich „profilierteste“ Inszenierung Bückers. Sie trägt eine überhöhende Prägung. Der Intendant ist angekommen: in Augsburg und beim Publikum.

Dieses jubelte noch lauter und berechtigt über die musikalischen Qualitäten der Premiere. Generalmusikdirektor Domonkos Héja zauberte ein Massenet-Soufflé voller Düfte und intensiver Geschmacksaromen, das unter den Händen der Augsburger Philharmoniker geradezu aufschäumte. Französische Raffinesse. Die Solovioline seufzt mit Werther, das Saxophon schluchzt mit Charlotte. Und diese beiden sind es auch, die Staatstheater-Format in den Martinipark bringen.

Xavier Moreno singt einen reinen, schlanken, präzise geführten, mühelosen Werther von nahezu aristokratischer Stilistik, dynamisch zwar nicht immer über dem Orchester liegend und in der Tiefe spröde, aber insgesamt doch mit enormer Klasse. Natalya Boevas Stunde als Charlotte kommt im zweiten Teil – nach einem etwas neutral-weißen Start. Ab dem dritten Bild aber blüht ihr Sopran durch Seelenpein und Seelenentäußerung auf. Ovationen für das Paar, das füreinander bestimmt ist und nicht zueinander kommt, weil der Mann ins Grab sinkt: Romeo, Tristan, Werther... Olena Sloia gibt die Sophie mit soubrettenhafter, koketter, etwas spitzer Leichtigkeit; Wiard Witholt gleicht sich als Albert seinem Nebenbuhler Xavier Moreno an. Wie gesagt: Ovationen.

Nächste Vorstellungen: 8., 20., 28. Februar, 9., 17., 31. März

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