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Theater Ingolstadt

03.02.2020

Ein sperriger Fassbinder auf Ingolstadts Bühne

Eine noble Architektur im Sakralstil und ein reichlich verknoteter Fassbinder-Stoff im Stadttheater Ingolstadt.
Bild: Jochen Klenk

Plus Rainer Werner Fassbinder hat mit „Welt am Draht“ einen Science-Fiction-Stoff verfilmt. In starker Ästhetik hat das Werk seinen Weg ins Theater gefunden.

Die Romanvorlage, „Simulcron-3“des US-Sciencefiction-Autors Daniel F. Galouye, stammt von 1964. Rainer Werner Fassbinder machte daraus einen zweiteiligen Fernsehfilm „Welt am Draht“, der 1973 von der ARD gesendet wurde. Auf dem Drehbuch dazu wiederum basiert die jüngste Produktion des Stadttheaters Ingolstadt im Großen Haus.

Die ziemlich sperrige Geschichte könnte auch mit dem Titel eines Beststellers des Populärphilosophen Richard David Precht überschrieben werden: „Wer bin ich – und wenn ja wie viele?“ In einem Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung kommt der Direktor auf rätselhafte Weise ums Leben. Vielleicht weil er etwas Fürchterliches entdeckt hat. Sein Nachfolger Dr. Fred Stiller macht merkwürdige Beobachtungen. Personen scheinen wie ausgetauscht, ohne Erinnerung. Der Supercomputer „Simulacron“, mit dem das Personal einer Stadt künstlich nachgebildet werden kann, um Prognosen für gesamtgesellschaftliche Prozesse zu erstellen, ist manipuliert worden.

Es geht also um die menschliche Identität und ihre Gefährdung durch Techniken. Darum auch hat Fassbinder den Protagonisten, der bei Galouye noch Douglas Hall hieß, in Stiller umbenannt nach dem Roman von Max Frisch aus dem Jahr 1954, wo die Titelfigur mit ihrem Ich zu kämpfen hat.

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Ohne Augenzwinkern läuft bei Donald Berkenhoff nichts

Dass eine Bühnenversion dieses verknoteten Stoffs nicht der leichten Kost zugehörig sein kann, lässt sich denken. Donald Berkenhoffs Inszenierung (Dauer etwa 100 Minuten) verlangt hohe Aufmerksamkeit beim Hinhören, bietet aber zum Ausgleich starke ästhetische Qualität für das Auge: eine noble klassizistische Innenarchitektur im Sakralstil (Bühne: Fabian Lüdicke. Stefanie Heinrich), eine adäquate Kostümgestaltung (Andrea Fisser), dramaturgisch effektvolle Videos (Bettina Reinisch). Dazu der über das ganze Stück hinweg dezent schwebende, bedrohlich wirkende Sound (Malte Preuss).

Aber wie man den jetzt freischaffenden Regisseur Donald Berkenhoff aus vielen Jahren als stellvertretenden Intendanten in Ingolstadt kennt: ohne Augenzwinkern läuft nichts. So im vorliegenden Fall, wenn der Doktor Stiller die wahre Identität einer fülligen Mitarbeiterin überprüft, indem er sie begrapscht – natürlich in rein wissenschaftlicher Absicht. Oder wenn Polizeikommissar Lehner über die Bühne schlurft als Abbild des trotteligen Inspektors Columbo aus der Fernsehserie der 1970er Jahre.

Elf Darsteller verzeichnet die Besetzungsliste. Alle machen, wie man das in Ingolstadt gewohnt ist, ihre Sache bestens. Nach der sehr freundlich aufgenommenen Premiere bekam Matthias Zaigier verdienten Sonderapplaus für seine sehr engagiert und differenziert gestaltete Rolle des Stiller, der am Ende an der Rampe kniet, stöhnt und röchelt: „Ich bin… ich bin…“.

Weitere Termine am 7., 15., 16. und 29. Februar

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