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02.07.2010

Eine fruchtbare Beziehung

Eine fruchtbare Beziehung
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Am Hauptportal von Schloss Kirchheim prangt der Herkules des Hubert Gerhard.

Alles verdanken sie Italien: ihre Fähigkeiten in Bankgeschäften und Handelssachen, ihre weltläufigen Verbindungen und ihren Kunstsinn. "Die Geschichte eines fruchtbaren Austausches von Wissen und Waren, Innovationen und Ideen, Kunst und Kultur" nennt Martin Kluger die Beziehung der Fugger zu Italien. Ein reich illustriertes Taschenbuch hat er dazu verfasst, das exemplarisch und facettenreich das Thema der Bayerischen Landesausstellung 2010 durchbuchstabiert.

Wann genau die Fugger nach Italien kamen, ist heute nicht mehr bekannt. 1472 wickelten sie erste Bankgeschäfte über ihre Faktorei in Rom ab, die Markus Fugger, ein Geistlicher in der päpstlichen Kanzlei, gegründet hatte. Spätestens 1473 absolvierte der erst 14-jährige Jakob Fugger, den man den Reichen nennen wird, in Venedig am deutschen Handelshaus (Fondaco dei Tedeschi) eine kaufmännische Ausbildung.

Südlich der Alpen begründete Zinswesen den frühen Kapitalismus, bargeldloser Zahlungsverkehr war längst üblich geworden. Schon 1202 hatte der Mathematiker Leonardo Fionacci aus Pisa die arabischen Zahlen eingeführt. Sogar das wirtschaftliche Risiko des "banca rotto" war bekannt, seit der englische König Eduard III. seine Kredite bei Florentiner Banken schuldig blieb.

Martin Kluger räumt schonungslos mit mancher Legende auf, kratzt an brüchiger Vergoldung, trägt aber alsbald neuen Glanz auf. Der Autor greift auf aktuelle Forschungen zu, etwa den Nachweis, dass schon der 1367 in Augsburg eingewanderte Hans Fugger Geschäfte in Venedig betrieben habe - weniger als Weber denn als Baumwoll- und Tuchhändler. Denn schon vor 1370 exportierte die Signoria die Barchentherstellung über die Alpen nach Schwaben, weil die Pest zu viele Arbeitskräfte in Oberitalien dahingerafft hatte.

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Venedig und Rom wurden die wichtigsten Stützpunkte der Fugger in wirtschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht. Sie schlugen päpstliche Münzen und finanzierten die Schweizergarde. Selbst ihre Frömmigkeit war "auf welsche Art, der Zeit gar neu erfunden", wie ein Chronist über die 1518 geweihte Fuggerkapelle in St. Anna schrieb. Auch ihre große Sozialstiftung, die Fuggerei, folgte Siedlungsvorbildern in Venedig und Padua.

Madrigale und Meeresfrüchte

Die Generationen nach Jakob Fugger holten sich vor allem Künstler aus Italien und mauserten sich zu den deutschen Medici. Die Fuggerhäuser zeigten sich in Renaissance-Schick, die fünf Fuggerkapellen in St. Ulrich und Afra waren in Skulptur und Malerei hochmodern. Für Schloss Kirchheim engagierten sie den Giambologna-Schüler Hubert Gerhard - ehe er sich mit dem Augustusbrunnen unsterblich machte. An Fuggers Tafel speiste man Frutta di mare und Pomeranzen und lauschte eleganten Madrigalen.

Im Trentino stieß Autor Martin Kluger auf Spuren von Georg Fugger, der als Bankrotteur endete. Er ließ den "Teufelspalast" errichten. Die Heirat seiner Tochter Sybilla mit Graf Lodron ist 1602 in einem Freskenzyklus in Castel Noarna im Lagarinatal verewigt.

Martin Kluger: Fugger - Italien. Geschäfte, Hochzeiten, Wissen und Kunst. Geschichte einer fruchtbaren Beziehung, context verlag, 120 Seiten, 9,90 Euro.

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