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Otto-Versand

05.12.2018

Ende des Otto-Katalogs: Best dressed in jeder Lebenslage

Blick in den letzten gedruckten Otto-Katalog
Bild: Foto: Otto-Katalog

Plus Der letzte Band einer deutschen Nachkriegssaga: Mit 619 Seiten endet die Ära des Versandhauskatalogs. Ottos "Final Edition" ist ein gedrucktes "Du".

„Final Edition!“ steht auf dem Buchrücken. Letzte Ausgabe also. Wer Anglizismen nicht mag und vielleicht sogar des Englischen gar nicht mächtig ist, der wird die Stirn runzeln als Leser. Denn das für den deutschen Markt verfasste Werk ist voll davon wie ein Döner mit Schnippelfleisch.

„Feel Good Look“ steht da, „Fresh Colours for the summer!“, „Keep Calm & Relax“, „It’s your choice“ und more bzw. mehr davon. Noch häufiger sind die Power-Bastarde, die Kombi-Sprache aus Deutsch und Englisch. Sie wissen schon, Schöpfungen wie „Super-Softtouch“, „Best dressed in jeder Lebenslage“, „Entspannung in den Allday-Favorites“ oder „Coole Kühler“. Und obendrauf gibt’s den „Kaltschaumtopper“. So reden Gurkenhobelverkäufer auf Speed, wenn sie die Dult rocken wollen.

Manchmal traut der Rezensent seinen Augen nicht

Dieser Stil ist der durchgängige Jargon im allerletzten Otto-Hauptkatalog. Logisch, dass sich das Kunden-„Du“ durch das Kompendium zieht. „Eine Ära geht zu Ende“, steht im Editorial. Offenbar ist auch das „Sie“ in der Ansprache längst vorbei. „Mit diesen Klassikern kommst du ganz groß heraus.“ Heraus? Auf jeder zweiten Seite: „Du sparst. Du sparst“. Schmerzfrei auf Du und Du mit dem Boxspringbett und der Jeans. „In Denim we trust“. Otto? Find ich strange.

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Manchmal traut der Rezensent seinen Augen nicht. Die Zielgruppe scheint zusammengeschnurrt auf die 18 bis 35-Jährigen, die ein „Sie“ als befremdlich empfinden könnten. Wir sind schließlich nicht im Einwohnermeldeamt. „Streetstyle goes Lifestyle“. Nicht ein Hut, keine Krawatte, keine Hosenträger, kein Schuhlöffel ist mehr im Angebot.

Immerhin gibt es noch lange Unterhosen, WC-Deckel-Bezüge und ein (einziges) Heizkissen (bei dem der Preis nicht „hot“ ist!). Einmal zuckt der Leser selig zusammen, als er „Nierensteine“ liest. Dabei steht da „Nietensterne“. Ein Wort wie aus einem Gedicht. Davon gibt’s mehrere in diesem Buch. „Überzehenplüsch“ ist so eines. „Kantenhocker“ oder „Gesichtszone“. Perlen in einem insgesamt sehr umgangssprachlichen Text-Konstrukt à la „Hier sind die neuen Ideen, die an die Wäsche gehen.“ Sogar mit der Typografie fahren sie ganz cool Schlitten, die Otto-Dichter. „Ein großes YES zu Pastelltönen!“ Aber ja doch.

Aus dem Otto-Katalog stammt auch das Wort Erinnerungsfunktion

Wer den 619 Seiten dicken Band ganz auslesen will, muss nicht nur Kauderwelsch aushalten, sondern ein detailversessener Freund von ausgefeilten Fußnoten sein. Muss Wörter mögen wie „Schulterabsenkungssystem“, „Kunstlederzipper“ und „Kopffreihaube“. Und es ganz genau wissen wollen. „Pumps aus Ziegenveloursleder, Textilfutter, gepolsterte Lederdecksohle mit Genial-Insole-Ausstattung, Synthetiklaufsohle, 5,5 cm-Absatz.“ Solche Sachen. „Bindebänder in den Ärmeln“. „Endlos bequem mit Shaping-Band“. Klingt, als wäre es eine Erinnerungsfunktion von Hosenträgern. Erinnerungsfunktion? Dieses schöne Wort haben wir aus dem Otto-Katalog und benutzen es gerne.

Otto, der letzte gedruckte Hauptkatalog, ist draußen. Ein letztes Exemplar einer Gattung, die Jahrzehnte zum beliebtesten Lesestoff in deutschen Haushalten gehörte: der allumfassende Versandhauskatalog, eine Enzyklopädie von A wie Accessoires bis Z wie Zerkleinerer. Seine Autoren sind anonym, seine Waren „trendy“. Das Wort „Trend“ ist, gefolgt von „cool“, mutmaßlich das meistgebrauchte auf den 619 Seiten Dünndruckpapier. Graue Haare gibt es auf den Fotos nicht. Auch keine Falten (das höchste der Gefühle ist die „Faltenblende“ aus der Rollo-Abteilung). Wir blättern durch penetrante Jugendlichkeit und Seiten voller „Must-Have-Basics.“ Schon die feuerrote Titelseite gibt, nettes Wortspielchen, die Richtung vor. „Ich bin dann mal App!“, verkündet da ein Model aus dem Handybildschirm.

Eine Katalogsprache, die schnalzt wie Hosenträger 

Aber es gibt in diesem letzten Papier-Wust der Trendmarken und Top-Performances noch Formulierungen, die wie stehen geblieben scheinen aus der Blütezeit des Versandhauskataloges, als noch gesiezt wurde und keine iPhones im Angebot waren. Katalogsprache, die schnalzt wie Hosenträger auf bügelfreien Hemden. „Technik für Sparfüchse“. Versteht jeder. „Der nächste Sommer kann kommen!“. Ein Echo aus ferner Zeit auch diese Slogans: „Große Leistung für kleines Geld“ und „Attraktive Packungen zum Vorteilspreis.“ Selbst die Badematte „Superwuschel“ klingt noch wie Hitparade und Bonanza. Und putzige lyrische Bonbons gibt es auch: „Spüler und Kühler“.

Solche Passagen sind die letzten Reste von Versandhaus-DNA aus 68 Jahren. So lange druckten sie den Otto-Hauptkatalog. Nun sagen sie „Tschüss“ und trommeln in der „Last Edition“ für die App, welche den Katalog ersetzt. Das ist von einer sehr schlichten Zukunftsgläubigkeit. „App, App, hurra!“ Und dann kommt eine Litanei von App-Anbiederungen mit Pepp. „Technik, so innovativ wie unsere App. Fashion, so anziehend wie unsere App. Beauty, so attraktiv wie unsere App. Living, so bequem wie unsere App.“ So klingt das hippe Totenglöckchen für den Katalog, in dem die ganze Dialektik der Anpreisungen durchaus noch aufscheint. „Landhausromantik bringt rustikale Leichtigkeit in dein Zuhause.“ Rustikale Leichtigkeit! Sie wird uns fehlen. Und die Lebenhilfe in winziger Schrift: „Fällt eng aus, bitte eine Größe größer bestellen“.

So ein Versandkatalog ist nicht nur ein Bilderbuch (im letzten Otto dürften final um die 5000 Fotos versammelt sein), sondern eine Versammlung klangvoller Verkaufswörter – darunter viele Namen. Alles heißt mit viel Vokalen. Schöne Reihungen sind das: „Gracy, Tina, Erica, Sonia, Lias, Joana, Marnic, Yvonne“ auf einer Doppelseite mit Damenoberbekleidung. Und „Svea, Agnes, Anja, Area, Hazel, Delta, Ava, Diego“ in der Bettwäscheabteilung. Nur Beispiele. Im Inhaltsverzeichnis finden Aufzählfetischisten weiteren Suchtstoff. T wie Töpfe, Toplader, Topper, Tops, Trampoline, Trekkingräder, Trockner, Truhenbänke, T-Shirts“.

Da ist es wieder, das romanhafte Wesen des Katalogs: Fast alles, was die Welt ist, ist drin. Zum Ende einer Ära erfasst uns rustikale Traurigkeit. Adieu, Zehentrenner-Sandale, adieu, Teppich „Ankara“, Goodbye, Sneakersocken mit Pfoten-Print unter der Sohle. Tschüss Otto ohne de.

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