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100. Todestag

09.08.2019

Ernst Haeckel - ein Welterklärer, legendär und auch prekär

Der Evolutionsforscher: Ernst Haeckel (1834–1919) mit Menschenschädel und Affenskelett.
Bild: Nicola Perscheid, picture alliance

Noch heute erstaunen die Leistungen von Ernst Haeckel, machen viele Konflikte, die er ausgelöst hat, nachdenklich – und bestürzen manche seiner Ansichten.

Wenn ein Buch so schlicht wie größtmöglich „Die Welträtsel“ heißt und auch noch nichts Geringeres verheißt als diese im Grunde zu lösen – wer würde dem heute noch glauben, wer würde so was noch kaufen? Vielleicht all die Millionen weltweit, die auch zum kurz nach dessen Tod erschienenen Buch des Star-Physikers Stephen Hawking gegriffen haben: „Kurze Antworten auf große Fragen“?

Die Verbindung von fachspezifischem Starwissenschaftler und öffentlichem Wissenschaftsstar jedenfalls weckt bis heute die Hoffnung, hier könnte sich ein Genie gerade darin beweisen, dass es die ewige Erkenntnis in all ihrer Komplexität für jeden verständlich auszudrücken vermag – und dass es dabei tatsächlich um die Wahrheit und nicht bloß ums Geschäft geht. „Die Welträtsel“ jedenfalls gilt bis heute als „größter populärwissenschaftlicher Erfolg der deutschen Buchgeschichte“. Es erschien 1899 und fand in der deutschen wie in der englischen Ausgabe jeweils hunderttausende begeisterte Leser und wurde zudem in 23 weitere Sprachen übersetzt.

Ernst Haeckel starb am 9. August 1919

Ja, dessen vor 100 Jahren, am 9. August 1919, gestorbener Autor war ein Starwissenschaftler und ein Wissenschaftsstar – entflammt durch einen anderen. Ernst Haeckel stürzte sich mit derartiger Hingabe und Überzeugung auf die Fortführung und Vertiefung von Charles Darwins 1859 veröffentlichter Evolutionstheorie, dass er früh vom Mediziner umsattelte und bereits mit 28 Jahren Professor der Zoologie in Jena wurde. Die Tierkunde war damals ja noch in der philosophischen Fakultät angesiedelt, also noch keine von der Geisteswissenschaft geschiedene Naturwissenschaft. Und das wiederum passte exakt zu Haeckels Ansatz.

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Denn der kunstinteressierte Forscher wurde zwar über seine Zeit hinaus auch dafür bekannt, dass er die Organismen, die er auf seinen vielen Reisen in alle Welt erforschte, selbst in großer Exaktheit und jugendstilvollendter Schönheit zu malen verstand, Strahlentierchen etwa und Kalkschwämme. Aber vor allem sorgte er für Aufsehen in Fachkreisen und Öffentlichkeit als Vordenker des Monismus und den daraus gewonnenen Antworten auf die großen Fragen des Lebens.

Für den Monisten sind Geist und Materie nicht zu trennen, sie sind dasselbe: Das Geistige durchdringt alles Materielle und zeigt sich als Ordnung in den ewigen Naturgesetzen in einem Universum, das ewig da und nie erschaffen worden war. Das bedeutete für den ursprünglich aus christlichem Haus stammenden Haeckel: Einen Schöpfergott kann es nicht geben, eine Seele über den leiblichen Tod hinaus gibt es nicht – und auch die Annahme einer Willensfreiheit des Menschen beruhe „als reines Dogma auf bloßer Täuschung“ und „existiere in Wirklichkeit gar nicht“.

Haeckel prägte den Begriff der Ökologie neu

Aus diesem ganzheitlichen Blick auf die Natur und die evolutionäre Entwicklung ihrer Arten prägt Ernst Haeckel auch einen heute hoch in Konjunktur stehenden Begriff neu: den der Ökologie´– um damit den Teil der Biologie zu kennzeichnen, der sich mit den Wechselbeziehungen zwischen Organismen und ihrer Umwelt beschäftigt. Er schreibt: „Der Darwinismus lehrt uns, dass wir zunächst von Primaten und weiterhin von einer Reihe älterer Säugetiere abstammen, und dass diese ‚unsere Brüder‘ sind; die Physiologie beweist uns, dass diese Tiere dieselben Nerven und Sinnesorgane haben wie wir, dass sie ähnlich Lust und Schmerz empfinden wie wir. Kein mitfühlender monistischer Naturforscher wird sich jemals jener rohen Misshandlungen der Tiere schuldig machen, der der gläubige Christ in seinem anthropoistischen Größenwahn – als ‚Kind des Gottes der Liebe!‘ – gedankenlos begeht.“

So zeitgemäß das heute wirken mag, in Haeckels Zeit brachte ihm das freilich mächtige Konflikte ein. Zumal er auch noch dafür warb, dass auch die Evolutionstheorie in den Schulen Preußens gelehrt werden müsse. Er wurde von Vertretern und Anhängern des christlichen Glaubens angefeindet und hatte auch mächtige Gegner unter Kollegen. Was bald dazu führte, dass Biologie sogar ganz von den Lehrplänen gestrichen wurde.

Hatte er hier Mensch und Natur auf für viele verstörende Weise zu einen versucht – die Lehren, mit denen Haeckel wiederum unter den Menschen Trennungen sah, brachte ihm in der Folge auch gefährliche Anhänger ein. Haeckel nämlich unterschied in seiner „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ auch „Menschenrassen“, und die „wollhaarige“ etwa stünde im Vergleich zur „schlichthaarigen“ dem Affen noch viel näher, die „indogermanische“ Rasse habe „alle übrigen Menschenrassen in geistiger Entwicklung mehrfach überflügelt“ – die „übrigen Rassen“ würden den „übermächtigen Mittelländern im Kampf ums Dasein früher oder später gänzlich erliegen“. Und zugunsten der Menschheitsentwicklung sah er zudem den schonenden Umgang mit Schwächeren als Hemmnis an, Lebensmüde sollte man demnach mit deren Einwilligung sterben lassen, Behinderte auch gegen ihren Willen töten – und das, obwohl eines seiner eigenen Kinder behindert war. Die Rassenideologen und die Euthanasiebefürworter bis hin zu den Nazis lasen das freilich gern.

Haeckel wollte sich weder praktisch noch politisch äußern

Dabei wollte sich Haeckel in all dem nie praktisch, nie politisch äußern. Aber woher mit diesem rigorosen Naturalismus noch eine Moral gewinnen, die das menschliche Leben abseits des reinen Nutzens auch in solchen Fragen in den Blick bekam? Der zwischenzeitlich mit Darwin befreundete und trotz zahlreicher Abwerbeversuchen bis zu seinem Tod in Jena lebende Haeckel entwickelte tatsächlich eine monistische Ethik – und zwar aus natürlichen Trieben, die bei „den höheren Säugetieren“ ohnehin anzutreffen sei. Es gelte eine Harmonie herzustellen zwischen den egoistischen Trieben, die der Gattung nichts bringen, und den altruistischen Trieben, die dem Einzelnen nichts bringen – die beide aber gleich legitim seien. Und da immerhin sah er eine Übereinstimmung mit der Goldenen Regel des Christentums: „Was du nicht willst, was man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu.“ Aber steht das nicht in eklatantem Widerspruch zum Vorherigen?

Für Ernst Haeckel jedenfalls war noch klar: Die Naturwissenschaft würde in absehbarer Zeit alle Rätsel lösen und auch der Philosophie den Weg weisen. Die Botschaft für heute muss vielleicht gerade in die entgegengesetzte Richtung weisen: Das naturwissenschaftliche Forschen, das längst nicht alles geklärt hat, kann dem Menschen wertvolle Erkenntnisse über sich und die Welt liefern. Aber die Fragen der Menschlichkeit müssen Aufgabe des Denkens bleiben.

Ernst Haeckel: Die Welträtsel. Neu herausgegeben von Michael Quante. Kröner, 475 S., 24,90 Euro.

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