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Operette

18.06.2019

Es will einfach nicht klappen mit Liebe und Sex

Jacques Offenbach in der Karikatur
Bild: Foto: Archiv

Der Komponist Jacques Offenbach ist deshalb so überragend, weil er Spott und Spritzigkeit zu verbinden wusste: Bestens gelaunt führte er das sagenhafte Liebespaar Orpheus und Eurydike in eine zerrüttete Ehe. Vor 200 Jahren wurde er geboren

Wie schade, wie unendlich schade, dass die Operette an und für sich nicht nur von solch scharfen Satirikern, solch gewitzten Compositeuren wie Jacques Offenbach verantwortet wurde. Dann wäre ihr Ruf erheblich und grundlegend besser, dann steckte in ihr – durch die Bank – viel mehr als Liebe, Adel, Geld und Tralala.

Wobei, genau genommen: Operetten schrieb Offenbach ja so gut wie nicht, sein Metier hieß opéra bouffe oder opéra-comique oder – auf Deutsch – Offenbachiade.

Ein schönes Wort, macht es doch seinen Schöpfer auch zum Erfinder einer individuellen Form von französischem Musiktheater. Wenn der Maler und Karikaturist Honoré Daumier mit ironischer Schärfe die französische Politik, die sozialen Missstände und das Kleinbürgertum Frankreichs um die Mitte des 19. Jahrhunderts aufspießte, dann kommentierte der am 20. Juni 1819 geborene Jacques Offenbach bissig die französische Moral, den Militarismus und die dekadenten Moden der Zeit. Mit verzweifelt-überschäumendem jüdischen Humor vertonte und verlachte er, was im Zweiten Kaiserreich doch nicht zu ändern war.

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Der Musiker und seine Gattinkommen wunschgemäß nicht mehr zusammen

Dass dafür – sozusagen als Taufpaten – mal wieder Orpheus und Eurydike die Szene betraten, so wie sie die Oper um 1600 an sich begründeten (Peri, Caccini, Monteverdi) und dann später erneuerten (Gluck), dies ist besondere Pointe der Musikhistorie. Nur: Wenn es im Barock um die absolute Liebe zwischen Orpheus und Eurydike ging, so ging es Offenbach in „Orphée aux Enfers“ (Orpheus in der Unterwelt) um die grundherzliche Abscheu zwischen dem Ehepaar. Soll bis heute in den besten französischen Familien vorkommen.

Und wenn man dann noch weiß, dass die Öffentliche Meinung in die Handlung um die stark auseinanderstrebenden erotischen Interessen des Musikprofessors Orpheus und seiner abschweifenden Gattin Eurydike eingreift, dann könnte man fast, wenn es nicht so ernst wäre, jüngere Vorgänge an der Münchner Musikhochschule assoziieren.

Gut geht die Chose insofern aus, als die beiden wunschgemäß nicht mehr zusammenkommen... Und dies wird mit dem Cancan aller Cancans und einem Weinrausch aller Weinräusche gefeiert. Das Stück schlug 1858 richtig ein in Paris und wurde zum Prototyp der mythologischen Travestie innerhalb aller Offenbachiaden – von Jacques dann selbst fortgeführt mit der „Belle Hélène“. Mal sehen, wie Barrie Kosky, diese Berliner Koryphäe für die so schwer zu realisierende leichte Muse das Werk bei den Salzburger Festspielen 2019 anpackt. Er dürfte es krachen lassen im Ehegebälk.

Merkwürdig fatalistisch auch geht’s zu in Offenbachs „La Grande-Duchesse de Gérolstein“. Wir befinden uns im Krieg zwischen zwei Kleinststaaten, der von Baron Puck lediglich angezettelt wurde, damit die Großherzogin nicht auf noch dümmere Gedanken kommt. Welcher Spott, welcher Sarkasmus! Dabei braucht die Großherzogin, und das will sie ja selbst, doch nur einen Mann. Aber sie wird einen solchen – nach einem auch von General Bumm eingefädelten ergebnislosen Meuchelmordkomplott – nicht kriegen.

Fritz wird hochbefördertund runterdegradiert

Auch ein Ersatzkandidat für den ins verliebte Auge gefassten einfachen Soldaten Fritz, der erst hochbefördert, dann runterdegradiert wird, springt im letzten Moment noch ab. 1867 in Paris uraufgeführt, wurde das Werk – Militarismus, Staatswillkür und Hofbuckelei vergackeiernd – zum Prototyp musiktheatralischer Betrachtungen von unberechenbaren Staatenlenkerinnen – und fast schon zu einem Vorläufer musikalisiertem Dadaismus.

Und noch ein Stück reüssierte über die Maßen in Paris – quasi ein Vorläufer von Woody Allens Liebeserklärung „Midnight in Paris“ an die französische Metropole. Es heißt „La vie parisienne“ (Pariser Leben) und wurde zur Weltausstellung 1867 komponiert. Dass Offenbachs Liebeserklärung ein bisschen süß vergiftet und frivol ausfällt, versteht sich von selbst. Auf die Schippe genommen werden Lebemänner, die sich neben Schampus und nackten Mädchen wirkliche Liebe erhoffen; durch den Kakao gezogen werden (falsche) Folklore und Hochstapelei zur Befriedigung luxuriöser Abenteuer. Der Mensch, zumal der Tourist, sucht Amüsement und l’amour, obwohl er weiß, dass er dabei immer wieder mal über den Tisch gezogen wird... Zum Finale knallen die Korken, doch die Hatz wird weitergehen…

Frankreich bezeichnete denKomponisten als Spion Bismarcks 

Für die gut 100 Bühnenwerke Offenbachs gilt aber auch: Ihre Ironie, ihre Anspielungen sind alles andere als durchgängig verständlich. Man müsste sie kongenial übertragen in unsere Zeit, auf dass ihr Spott verständlich zündet. Für wie brisant Offenbach einst eingeschätzt wurde, dies zeigt der Umstand, dass sein Erfolg mit Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs 1870 schwer nachließ. Sogar als deutscher Spion Bismarcks wurde der in Köln geborene, ausgewiesen antimilitaristische Offenbach eingeordnet. Aber als dann der Krieg vorbei, die dritte Französische Republik installiert, war der Zeitgeschmack ein anderer.

Und doch schrieb Offenbach, zum Katholizismus konvertierter Sohn eines jüdischen Kantors, noch einen Welterfolg: die Oper „Hoffmans Erzählungen“ mit dem Ohrwurm der Barcarole. Erst nach seinem Tod 1880 in Paris wurde sie, weil unvollendet, bearbeitet uraufgeführt. Und auch sie, ein Szenen-Bogen von grundlegend düster-schwarzer Romantik, ist „gebrochen“ in der Aussage. Hoffmann schildert seine schaurig-unglücklichen Liebschaften. Vielleicht wird er, dem Alkohol zugetan, von der Muse gerettet, vielleicht...

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