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Notre-Dame

07.05.2019

Expertin: „Fünf Jahre sind ein sportliches Ziel für den Wiederaufbau"

Der Innenraum der Kathedrale Notre Dame in Paris wurde mit Planen vor der Witterung geschützt. Eine Holzkonstruktion (rechts im Bild) soll das Mauerwerk vor dem Einsturz bewahren. Die frühere Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner plädiert für eine gründliche Analyse der Schäden.
Bild: Ludovic Marin, afp

Wie könnte eine effektive Unterstützung für die Pariser Kathedrale aussehen? Das erklärt die frühere Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner.

Frau Schock-Werner, die Flammen loderten in den Abendhimmel. Was haben Sie am Abend des Brandes von Notre-Dame in Paris gedacht und gefühlt?

Barbara Schock-Werner: Das war schon eine riesige Katastrophe. Ein Gefühl, das ich vorher nur zwei Mal hatte: einmal bei den Fernsehbildern am 11. September 2001 nach dem Terrorangriff auf die Twintowers in New York und beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009. Wo ich wirklich dachte: Das kann jetzt nicht wahr sein. Da ist mir wirklich ein bisschen das Herz stehen geblieben.

Viele haben die Szenerie in Paris als fast surreal empfunden.

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Schock-Werner: Der gelbe Rauch durch das Schmelzen des vielen Bleis und der Absturz des Vierungsturms. Das hatte tatsächlich etwas Surreales.

Sie waren jetzt mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, in Paris. Sie durften in die Kathedrale hinein. Wie waren Ihre Eindrücke?

Schock-Werner: Es sieht schon ziemlich schlimm aus. Es sind drei Gewölbefelder offen, auch am Nordquerhaus. Deshalb hat man sehr schnell einen Balken eingelegt, um die Wände zu stabilisieren und zu verhindern, dass der Giebel auf die Straße fällt. Dann gibt es diese Berge von verbrannten Balken, von Steinen und Blei. Und wenn man in einer Kirche durch ein Gewölbe schauen kann, dann ist das schon ein katastrophaler Anblick – es erinnert an Bilder aus dem Krieg.

Was ist für Sie die Definition eines adäquaten Wiederaufbaus?

Schock-Werner: Die Diskussion ist nicht zu Ende und sollte auch weitergeführt werden. Da ist zunächst die Frage: Baut man wieder einen hölzernen Dachstuhl? Dazu neigen die für die Kathedrale zuständigen Architekten. Die Befürchtung ist, dass ein Stahldachstuhl zu leicht wäre. Mit der Folge, dass die Entlastung der Gesamtkonstruktion, die dadurch stattfinden würde, zu statischen Veränderungen im Mauerwerk führen könnte. Wenn man wieder einen Dachstuhl aus Holz baut, könnte man auch wieder den Vierungsturm im Original aufbauen, der aus dem 19. Jahrhundert stammt. Die Pläne sind ja da.

Es wird jetzt auch über eine modernere Variante des Turmes diskutiert. Dann wäre ein Stahldachstuhl denkbar. Können Sie sich das vorstellen?

Schock-Werner: Offensichtlich will Präsident Macron ein modernes Zeichen setzen. Das kann ich mir nur dann vorstellen, wenn man mit großer Sensibilität eine leicht abstrakte Form wählen würde.

Barbara Schock-Werner
Bild: Marius Becker, dpa

"Beim Brandschutz muss sich dringend etwas ändern"

Holz oder Stahl – was ist unter dem Aspekt des Brandschutzes besser?

Schock-Werner: Holz kann brennen, Stahl verformt sich. Ein Stahldachstuhl, der – wie im Falle von Notre-Dame – direkt im Feuer steht, wäre auch hin gewesen. Aber er wäre wohl nicht eingestürzt. Was wir bräuchten, wäre ein ausführliches Kolloquium von Fachleuten über modernen Brandschutz in Kulturgebäuden. Das habe ich angeregt.

Liegt da so vieles im Argen?

Schock-Werner: Ein Problem ist, dass Sprinkleranlagen meist mehr Schäden anrichten, als sie helfen. So wie im Opernhaus Duisburg, das im April aus ungeklärter Ursache von der Sprinkleranlage mit 80000 Litern Wasser geflutet wurde und bis auf Weiteres nicht mehr nutzbar ist. Alternativ denkbar wäre Vernebelung oder der Entzug von Sauerstoff. Beim Thema Brandschutz sind wir einfach nicht an der Spitze der Technik. Da muss dringend etwas passieren.

Wie können deutsche Experten dem Projekt in Paris dienlich sein?

Schock-Werner: Zurzeit geht es dort ja erst noch um Sicherungsarbeiten. Wir haben den Kollegen in Paris angeboten, dass für die Arbeiten von einer deutschen Spezialfirma ein großer Kran aufgebaut wird. Die Firma ist dafür bekannt, die höchsten Kräne in Europa installieren zu können. Zudem hat die Universität Bamberg in einem Studienprogramm die Querhäuser und auch die Gewölbe der Querhäuser von Notre-Dame eingescannt. Diese Daten könnte man zur Verfügung stellen.

Könnten auch deutsche Steinmetze in Paris mithelfen?

Schock-Werner: Das wäre natürlich denkbar. Doch ich fürchte, Steinmetze wird man in Paris die nächsten zwei Jahre gar nicht brauchen. So weit ist man noch nicht. Man könnte auch anbieten, Steine für Notre-Dame in deutschen Bauhütten schlagen zu lassen.

Wie stark sind nach Ihrem Eindruck die Schäden im Inneren der Kirche?

Schock-Werner: Die fantastischen mittelalterlichen Fenster sind nicht so stark betroffen wie zunächst befürchtet. Allerdings wird man sie noch auf Risse und nicht so leicht sichtbare Schäden untersuchen müssen. Ich fürchtete auch um die Madonna, die da am Vierungspfeiler stand, also unmittelbar unter dem Brandherd. Ich dachte, die ist nun hin. Sie hat es aber völlig schadlos überlebt. In Kirchen passieren eben Wunder …

Präsident Emmanuel Macron drückt mächtig aufs Tempo. Sind die anvisierten fünf Jahre für den Wiederaufbau realistisch?

Schock-Werner: Fünf Jahre ist natürlich sportlich. Man könnte zum Beispiel sagen, in fünf Jahren ist der Innenraum wieder zu benutzen. Wenn der Dachstuhl wieder aufgebaut ist, können die Kollegen ja in Ruhe arbeiten, während die Kirche teilweise wieder geöffnet ist.

  • Barbara Schock-Werner, 1947 in Ludwigsburg geboren, war von 1999 bis 2012 Kölner Dombaumeisterin. Zudem amtierte sie als Präsidentin der Europäischen Vereinigung der Dombaumeister. Die Architektin und Kunsthistorikerin ist bis heute in der Denkmalpflege und als Autorin aktiv.
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