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Interview

24.11.2019

Extremkletterer Alexander Huber: "Ich wusste, was ich mir zutraue"

Alexander Huber gehört zu den besten Kletterern der Welt. Er hat den Sport in Deutschland gemeinsam mit seinem Bruder Thomas bekannt gemacht.
Foto: Fred Schöllhorn

Exklusiv Alexander Huber kletterte die schwierigsten Routen der Welt. Legendär sind seine Alleingänge am Fels. Aber er hat stets kalkuliert, welches Risiko er eingehen kann.

Noch schnell einen Parkplatz gesucht, dann hat der Extremkletterer Alexander Huber Zeit für ein Gespräch, zwischen einem Termin für den Bayerischen Rundfunk und einem Vortrag vor Wirtschaftsvertretern in Augsburg. Ein kräftiger Händedruck, wie man es nicht anders erwartet. Überhaupt diese Hände, die riesig wirken und wie eine Gebirgslandschaft in Miniatur, geformt von unzähligen Klettertouren in schwierigstem Gelände. Im Zenit seiner Karriere hat Alexander Huber die Grenze des Möglichen ein Stück weiter verschoben.

Herr Huber, wären Sie gerne noch einmal 20 Jahre alt und am Anfang Ihrer Kletter-Karriere?

Alexander Huber: Meine Güte, klar, ich wäre gerne noch einmal 20 Jahre alt. Aber ich weiß ja, dass das nicht geht. Deshalb stelle ich mir die Frage gar nicht.

Wie sind Sie als Kletterer mit Ihrem 50. Geburtstag im vergangenen Dezember umgegangen? War das ein Lebensdatum, von dem Sie wussten, dass Sie es je erreichen werden bei all Ihren gefährlichen Touren als Extremkletterer?

Huber: Klar bin ich davon ausgegangen, dass ich einmal 50 Jahre alt werde und hoffentlich werde ich auch 80 Jahre alt. Da schwingt bei mir immer das Credo von meinem Vater mit: Ein guter Bergsteiger ist ein alter Bergsteiger. Ich bin zwar in gewissem Sinn ein risikobereiter Bergsteiger, aber das heißt ja noch lange nicht, dass man zwangsläufig eine Bedrohung für das Leben akzeptieren muss. Es geht darum, wie man mit dem Risiko umgeht. Diesbezüglich bin ich ein sehr bewusster Mensch, der sein Leben nicht leichtfertig als Hasardeur in den Ring wirft.

Auch nicht, als Sie free solo, also ungesichert und allein, lange Routen geklettert sind?

Huber: Nein, das waren nie hirnlose Aktionen eines Hasardeurs. Als ich damit begonnen habe free solo zu klettern, war ich als Bergsteiger, Alpinist und Kletterer über Jahre gereift und hatte die entsprechende Erfahrung: Ich wusste genau, was ich mir zutrauen durfte.

Hat sich Ihr Leben als Bergsteiger und Kletterer verändert, seit Sie eine Familie haben und Vater geworden sind?

Huber: Das Bergsteigerleben verändert sich ständig. Man muss sich ja im Klaren sein, dass im menschlichen Leben nichts so beständig ist wie der Wandel. Jede einzelne Aktion zieht wieder eine Reaktion des Geistes nach sich. Über die Jahre ändert sich auch der Zugang zum Sport. Um es anschaulich zu erklären: Die erste Goldmedaille ist eine besondere Medaille. Die Wiederholung bedeutet nicht mehr das gleiche. Die ersten Erfahrungen sind sehr intensiv. Und wenn ich weiß, dass ich es nicht mehr besser kann, muss ich mir bei der Wiederholung ernsthaft die Frage stellen, ob es mir das Risiko wert ist.

Es gab in Ihrer Karriere einen permanenten Wandel?

Huber: Das stimmt. Das Free-Solo-Klettern habe ich nicht erst mit den Kindern beendet. Damit habe ich bereits einige Jahre zuvor aufgehört, weil ich für mich überlegt habe: Was könnte ich noch machen? Ich hätte noch mehr Erfahrungen im Free-Solo-Klettern sammeln können, aber nichts grundlegend Neues mehr. Aber das Restrisiko war mir das nicht mehr wert. Auch ein sehr geringes Restrisiko summiert sich mit der Zeit zu einem signifikanten Risiko. Ich kam dann vor zehn Jahren zum Ergebnis, dass es für mich persönlich reicht.

Wie motivieren Sie sich als Bergsteiger, als Kletterer?

Huber: Durch die Freude am Tun. Ich habe einen Spaß am Bergsteigen und am Klettern. Mit 50 willst Du nicht mehr irgendeinen Rekord erreichen, sondern weil Du Spaß dran hast. Mein ganzes Leben gestaltet sich um den Berg herum. Ich habe sehr viele Bekannte, die aktive Bergsteiger sind. Das Schönste, was man zusammen machen kann, ist, der gleichen Leidenschaft nachzugehen.

Wie haben Sie darauf reagiert, als Sie in diesem Jahr in den Nachrichten gelesen haben, dass Hansjörg Auer und David Lama tödlich in den Rocky Mountains verunglückt sind?

Huber: Das hat mir von der Seele her wehgetan. Aber es zeigt auch, wie brisant das Bergsteigen ist, dass es dort reale Bedrohungen für das Leben gibt. Deshalb muss man immer wieder auch seinen eigenen Zugang zum Risiko überdenken und sich fragen, ob man auf der reflektierten Seite unterwegs ist oder ob man vor Risiken die Augen verschließt. Das ist sicher im Fall von Hansjörg und David so zu sehen. Es war hoch lawinengefährlich und damit ein unkalkulierbares Risiko vorhanden. Da möchte ich noch einmal meinen Vater zitieren: Ein guter Bergsteiger ist ein alter Bergsteiger. Das heißt jetzt auch noch nicht, dass ich das Ganze überleben werde, aber die Chancen steigen. Wenn man 30 Jahre in dieser Umwelt Bergsteigen überlebt hat, dann ist der Verdacht begründet, dass man sehr reflektiert am Berg unterwegs ist und die Fähigkeit hat, seine Augen nicht vor der Gefahr zu verschließen und lieber einmal sagt: Jetzt lasse ich es gut sein.

Vor zehn Jahren galt Klettern als absolute Trendsportart, überall war vom Megaboom die Rede. Aber das Schicksal anderer Trendsportarten blieb dem Klettern bislang erspart: Noch immer strömen die Leute in die Hallen. Wie nehmen Sie das wahr?

Huber: Klettern ist eine sehr soziale Sportart. Menschen auf sehr verschiedenen Stufen können den Sport miteinander ausüben. Das funktioniert so nicht beim Tennis, nicht beim Fußball, nicht beim Squash oder was auch immer. Dort muss man mehr oder weniger auf der gleichen Spielstärke sein, um miteinander Spaß zu haben. Das ist beim Klettern anders. Man kann gemeinsam in die Kletterhalle gehen, der eine klettert im zehnten, der andere im siebten Grad und beide haben miteinander Spaß. Das klappt auch sehr gut im Familiengefüge. Deshalb gibt es diesen extrem hohen Zulauf. Allerdings muss man klar sagen: Der extreme Boom beschränkt sich auf die Hallen. Draußen am Fels ist der Zulauf bei weitem nicht so stark. Klettern ist heute eine sehr urbane Sportart.

Wenn Sie sehen, dass Klettern eine olympische Sportart wird – hätte Sie das als Sportler gereizt?

Huber: Das ist sehr schwer zu sagen, ob ich mich dem Magneten Olympia hätte entziehen können. Man sieht es bei Adam Ondra, der das am Anfang eher abgelehnt hat, und jetzt trainiert er trotzdem dafür. Es steht einfach im Raum, der erste Olympiasieger zu werden. Das ist natürlich schon eine Hausnummer. Was ich allerdings sehr bedenklich finde: Bisher war Klettern eine sehr saubere Sportart, weil nicht viel Geld im Spiel war.

Sie sprechen jetzt von Doping?

Huber: Genau. Mit der Professionalisierung, den Nationalteams und der ärztlichen Betreuung wäre es ein Wunder, wenn das Klettern frei von Doping bliebe. Was da auf das Klettern zukommt, kann und will ich nicht prognostizieren. Man wird dann sehen, wie Olympia das Klettern beeinflusst – auch das Klettern draußen. Es gibt ja viele olympische Athleten, die nach ihrer aktiven Karriere draußen klettern werden.

Wie haben Sie den Oscar-prämierten Kletter-Film „Free solo“ um Alex Honnold wahrgenommen?

Huber: Als wir unseren Film „Am Limit“ gemacht haben, gewannen wir damit den bayerischen Filmpreis. Das ist jetzt natürlich eine Riesenhausnummer größer. Durch den Oscar hat der Film eine gewaltige Aufmerksamkeit bekommen.

Was Honnold da gemacht hat, ist unfassbar.

Huber: Ich bin der Erstbegeher der Route, die er geklettert hat, auch wenn man das nirgendwo mitbekommen hat. Damit stammt auch der Name „Free Rider“, den ich der Route gegeben habe, von mir.

Was haben Sie sich bei Honnolds Free-Solo-Begehung gedacht?

Huber: Ich habe das selbst 2002 in Gedanken durchgespielt. Warum ich das verworfen habe? Weil mir klar war, dass ich dann für geraume Zeit in Kalifornien hätte leben müssen. Ich hätte es nicht mit einer halben Weltreise verbinden und in kurzer Zeit umsetzen können. Das hätte einer langen Vorbereitung bedurft. Alex Honnold hat das Klettern jetzt in die nächste Dimension getragen. Hut ab. Ihm steht die Anerkennung in jeder Hinsicht zu.

Wenn Sie vor Wirtschaftsvertretern Vorträge halten, was haben Sie ihnen als Kletterer zu sagen?

Huber: Bergsteigen hat sicher eine sehr bildreiche Sprache, mit der man Herausforderungen im Leben beschreiben kann. Wenn du auf einen Gipfel kommen willst, musst du einfach einiges an Energie aufwenden, um dorthin zu kommen. Und wenn du immer nur das Ziel anschaust und analysierst, wo es hinaufgehen könnte, wirst du nicht dahin kommen. Du musst schon irgendwann das Problem anpacken. So ist es auch im Leben. Wenn du ein Problem immer nur umkreist, wirst du nie die Dinge überwinden.

Um das Klettern zum Beruf zu machen, haben Sie sich aber noch eine andere Fähigkeit aneignen müssen.

Huber: Ja, meinen Lebensunterhalt verdiene ich auf der Bühne. Das kann man wirklich ganz klar so sagen.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie auch auf der Bühne bestehen können? War Ihnen das von Anfang an klar?

Huber: Los ging das bei mir, als mich eine Sektion im Alpenverein gefragt hat. Sie sagte, dass ich da diese ganzen Routen im elften Grad klettern würde, ob ich da nicht ein paar Bilder zeigen könnte. Dann war das ein Sektionsabend mit vielleicht 50 Leuten, aber die sind mir an den Lippen gehangen. Und dann kam die nächste Sektion und die nächste und die nächste, die gefragt hat. Und jedes Mal macht man es ein bisschen besser. Erst nimmt man ein paar Bilder mehr mit, dann einen Plattenspieler und ein paar Boxen, um Musik dabei zu haben.

So hat das angefangen?

Huber: Ja, das war Anfang der 1990er Jahre. Da war alles noch manuell. Heute ist das Equipment digital.

Wenn Sie heute ein neues Kletterprojekt angehen, das Sie auch für einen Vortrag im Kopf haben, dann nehmen Sie da gleich von Anfang an eine Kamera mit?

Huber: Wir filmen immer und haben da unsere Kameras dabei. Für eine einfache Dokumentation reichen heute ja auch schon die Bilder vom Handy.

Wie oft sind die Huaber-Buam noch gemeinsam unterwegs?

Huber: Nächstes Jahr im Frühjahr wollen wir ein altes Projekt finalisieren. Es heißt Karma. Hoffentlich sind wir dafür noch stark genug.

Zur Person: Alexander Huber, 50, ist Extremkletterer und Profibergsteiger. Zusammen mit seinem älteren Bruder Thomas Huber sind sie die "Huberbuam". 2007 erschien der Dokumentarfilm "Am Limit" der sich den beiden Brüdern beschäftigte.

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