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Nationalsozialismus

03.12.2020

Fälle aus Schwaben zeigen, wie "brave Bürger" Juden ausgeplündert haben

Eine alte Zeichnung zeigt, wie die Chemische Fabrik Pfersee früher einmal ausgesehen hat. Die Nationalsozialisten wollten den Betrieb schon 1933 arisieren.
Bild: Repro Ulrich Wagner

Plus Forschungen zeigen, wie nicht nur Nazis, sondern auch normale Bürger und Amtsträger Juden ausgeplündert haben - und nach 1945 kaum Unrechtsbewusstsein zeigten.

In Laupheim und Memmingen waren es Betriebe wie der Steinersche Hopfenhandel oder die Strumpfwarenfabrik Gutmann, die die Begehrlichkeit weckten; in Augsburg waren es die Chemische Fabrik Pfersee oder das Bauunternehmen Kleofaas & Knapp, Wohnhäuser in der Innenstadt und vielerlei Kunstgegenstände; in Buttenwiesen waren es Töpfe und Teller, Tischwäsche und Möbel. Während bei Immobilien und Betrieben verfolgter jüdischer Besitzer die Kommunalpolitiker und Finanzämter zugriffen, taten es bei Hausrat und Möbeln die Nachbarn und Mitbürger. Die Autorin Lieselotte Denk schildert, wie sich in Buttenwiesen nach der Deportation jüdischer Bürger die Nachricht verbreitete, „dass in den Judenhäusern etwas zu holen sei“, und wie die Leute scharenweise kamen, um sich bei einer Versteigerung Kleidung, Möbel, Spielzeug und anderes mehr zu sichern.

Sobald nach 1933 die Gesetze und Verordnungen des nationalsozialistischen Staats jüdischen Bürgern ihre Rechte nahmen, sobald jüdische Bürger versuchten, aus dem Unrechtsstaat auszuwandern, und spätestens, als die, die nicht weggekommen waren, in die Vernichtungslager verschleppt wurden, nutzen nichtjüdische Bürger – von Amts wegen oder als Privatpersonen – die Gelegenheit, sich deren Besitztümer anzueignen.

„Arisierung“ wurde das politische Programm genannt, ein großer nach NS-Gesetz legitimer Raubzug; kaum jemand hatte ein schlechtes Gewissen. Bürgermeister, Finanzbeamte, Museumsdirektoren, gute Bürger bedienten sich skrupellos. Auch nach 1945, als die Alliierten eine Rückgabe des geraubten Besitzes angeordnet hatten, war wenig Bereitschaft da, den wenigen, die den Holocaust überlebt hatten, oder deren Nachkommen ihr Eigentum zurückzugeben, vielmehr versuchten Bürgermeister und andere Amtsträger mit Tricks und Lügen, ihren Betrug nachträglich zu legitimieren und das Geraubte zu behalten.

Ein Buch über die Ausplünderung der Juden in Schwaben

Wie die „Arisierung“ in der Region ablief, das haben in den vergangenen Jahren auf den wichtigen Irseer Tagungen zur Geschichte der Juden in Schwaben mehrere Forscher nach mühevoller Recherche nachgezeichnet. Nun hat der scheidende Bezirksheimatpfleger Peter Fassl die Ergebnisse als Buch herausgegeben. Es schreibt fort, was Götz Aly über die privaten Profiteure des Nazi-Regimes oder Bernhard Gotto über die aktive Rolle der Finanzämter erforscht hat. In den Berichten werden Orte, Täter und Opfer beim Namen genannt, Abläufe geschildert, das Ganze als das bezeichnet, was es war: eine „Ausplünderung der Juden in Schwaben“. Die Berichte zu lesen, löst auch heute Empörung und Scham aus – und Fassungslosigkeit darüber, wie ein offensichtliches Unrecht als Recht deklariert wurde und wie willfährig die Menschen das umgesetzt haben.

Doch im Einzelnen: In Laupheim, wo die stärkste Wirtschaftskraft bei jüdischen Unternehmern lag, setzte sich der NS-Bürgermeister Ludwig Marxer 1935 zum Ziel, der jüdischen Bevölkerung ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage zu zerstören. Schon 1939 hatte er es geschafft; Betriebe wie das Kaufhaus Einstein, eine Werkzeugfabrik oder der oben genannte Hopfenhandel waren in nichtjüdischer Hand – zu Schnäppchenpreisen erworben.

Die Städte Augsburg und Memmingen kauften nach 1933 zahlreiche Häuser von jüdischen Bürgern – in der Memminger Herrenstraße 22, Kalchstraße 47, Krautstraße 8 und anderen Plätzen sowie in der Augsburger Mozartstraße 5½, Bahnhofstraße 7, Heilig-Grab-Gasse 2. Die jüdischen Besitzer bekamen in der Regel sehr wenig Geld, oft nur den Einheitswert, Verhandlungsspielräume hatten sie kaum, über den auf ein Sperrkonto eingezahlten Erlös konnten sie nicht verfügen, sie wurden unter Druck gesetzt oder sogar verhaftet und im Konzentrationslager zum Verkauf gezwungen wie Max Knapp und Fritz Sänger, die Besitzer des Augsburger Bauunternehmens Kleofass & Knapp.

Für die überlebenden NS-Opfer war es auch nach 1945 eine Zumutung

In Memmingen war es, wie Katrin Holly erforschte, Bürgermeister Heinrich Berndl, der die Notsituation der jüdischen Bürger ausnutzte. Ausgerechnet Berndl, den die Stadt nach erfolgter „Entlastung“ im Entnazifizierungsverfahren 1948 wieder einstellte, war ab 1950 als Stadtsyndikus zuständig für die Restitution. Er verharmloste seine Rolle in der NS-Zeit und versuchte die Rückgabe mit formaljuristischen Argumenten abzuwehren. Für die Opfer muss es eine Zumutung gewesen sein, schreibt Holly, dem Mann ihre Rückgabeforderungen erklären zu müssen. Diese personelle Kontinuität aus der NS- in die Nachkriegszeit gab es in vielen anderen Fällen auch. In Augsburg hielt die Stadt, die während der NS-Zeit aktiv versucht hatte, „sich der Grundstücke der Deportierten zu bemächtigen“ nach 1945 an ihrer „rücksichtlosen Interessenpolitik“ fest, so werten Tim Benedikt Heßling und Peter Fassl.

Ein nicht minder unappetitliches Kapitel, ebenfalls von Holly erarbeitet, berichtet von der Rolle Augsburger Kunsthistoriker bei der Ausraubung der Juden. Der Leiter der städtischen Kunstsammlungen, Hans Robert Weihrauch, sein Vorgänger (und Nachfolger) Norbert Lieb und Kulturreferent Ferdinand Josef Kleindinst erwarben zu erpressten Preisen zahlreiche Kunstgegenstände aus jüdischem Besitz, etwa die Augustana-Sammlung von Paul Landauer oder Grafikmappen von Artur Arnold. Jüdische Kultgegenstände – Thoraschilder, Chanukkaleuchter und mehr – waren 1939 von der Gestapo beschlagnahmt worden, das Museum kaufte sie zum Metallwert. Auch Silberwerke, die Juden 1939 nach einer Verordnung abgeben mussten, übernahm das Maximilianmuseum. Die Grafiksammlung von Otto Landauer schenkte die Gestapo der Stadt, im Gegenzug wollte sie freien Eintritt für ihre Mitarbeiter.

Auch Augsburger Kunsthistoriker spielten eine unrühmliche Rolle

Kleindinst, Lieb und Weihrauch waren eigenem Bekunden nach keine bekennenden Nationalsozialisten. Weihrauch, der 1939 Chef der Kunstsammlungen wurde, sagte nach dem Krieg vor der Spruchkammer, er sei erst 1938 „zwangsweise“ in die NSDAP eingetreten. Kleindinst konnte sich der Partei entziehen, war 1945 Mitbegründer der CSU in Augsburg, wurde 1946 sogar als Ankläger in der Spruchkammer ernannt. Norbert Lieb, ein bis zu seinem Tod 1994 geachteter Experte für bayerische und schwäbische Kunstgeschichte, trat zwar 1937 in die NSDAP ein, kündigte aber ein Jahr später seine Stelle als Leiter der Kunstsammlungen, um sich politischem Druck zu entziehen. (1947 wurde Lieb wieder Kunstsammlungschef.)

Nach seiner Kündigung arbeitete er freiberuflich auch als Gutachter für die Stadt, wenn es um den Erwerb von Kunst „aus nicht-arischem Besitz“ ging. So wurde es ideologiekonform formuliert, als der Stadt etwa ein Porträt von Adriaen de Vries angeboten wurde. Dieses Bild ist eines der vielen Objekte, deren Herkunft die heutigen Kunstsammlungen Augsburg, an denen Horst Kessler seit 2001 Provenienzforschung betreibt, zu klären versuchen.

Nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes sagten die drei Augsburger Akteure aus, sie hätten vor allem die Kunstwerke retten wollen. Weihrauch, der 1941 gefordert hatte, die Stadt solle jüdische Bürger mit Polizeigewalt zwingen, ihren Kunstbesitz dem Augsburger Museum anzubieten, rühmte sich nach 1945 einer „antifaschistischen Tat“ der Kunstrettung, Lieb verschwieg seine Gutachtertätigkeit für solche Aktionen. Dabei hatten sie unzweifelhaft zum Funktionieren eines Unrechtssystems beigetragen. Dem Resümee von Holly und Fassl ist zuzustimmen, dass sie sich durch ihre Erwerbspolitik des Kunstraubs und der Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung schuldig gemacht haben und dass von ihrem Handeln vor und nach 1945 ein „trüber Eindruck von Opportunismus, Unredlichkeit und mangelndem Schuldbewusstsein“ bleibt.

Peter Fassl (Hg.): Ausplünderung der Juden in Schwaben während des Nationalsozialismus und der Kampf um Entschädigung, UVK Verlagsgesellschaft, 391 Seiten, 49 Euro.

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03.12.2020

Gelegenheit macht Diebe. Geld kann man immer brauchen. Das dürfte es wohl treffen. Ich würde mich nicht wundern, wenn viele Menschen auch im 21. Jahrhundert so bei Gelegenheit handeln würden.

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03.12.2020

Auch die katholische Kirche hat dabei munter mitgemacht. So gibt es z.B. die Geschichte einer aus der Augsburger Synagoge verschwundenen Orgel, die später in einer Kirche am Ammersee wieder aufgetaucht ist. Die Kirche hat die Rückgabe verweigert und einen "Kaufvertrag" mit lächerlich geringer Summe vorgezeigt. Auf das Vorhalten, dieser Kaufpreis könne ja wohl nur unter Zwang entstanden sei, kam vom Ordinariat die Auskunft "Vertrag ist Vertrag". Die Orgel wurde nicht zurückgegeben.

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