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Interview

17.11.2020

Faszination Nacht: Augsburger Andreas Nohl gibt Buchreihe heraus

Das Nächtliche übt auf die Menschen eine besondere Faszination aus.
Bild: Anita Arneitz/dpa-tmn

Plus Der Augsburger Autor und Übersetzer Andreas Nohl, Herausgeber einer neuen Buch-Reihe mit Nachtstücken, spricht über die Faszination dieser Tageszeit.

Herr Nohl, Sie sind Herausgeber einer neuen Buchreihe, die „Nocturnes“, also Nachtstücke, überschrieben ist. Den Begriff kennt man auch aus der Musik und der Malerei. Was macht eigentlich die Faszination des Nächtlichen aus?

Andreas Nohl: Jedem kommt wohl mit dem Begriff „Nacht“ das Dunkle in den Sinn, auch etwas, was im Verborgenen ist. Aber was wir mit dem Nächtlichen verbinden, hat mehrere Seiten. Die eine ist das Unheimliche, das auch das Grauen streifen kann. Die andere ist die Ruhe, vielleicht auch eine Art von erfüllter Einsamkeit. Aber es kann natürlich auch das Erotische sein. Das Nächtliche ist im Grunde immer auch ein Stück Freiheit von der Moral des Tages, von der protestantischen Werkmoral. Und es ist das Faszinierende an der Nacht, dass sie die andere Seite des Lebens zeigt.

Jedes Jahr im Herbst werden in dieser Reihe nun drei Bücher erscheinen. Den Anfang machen „Der Fall Moosbrugger“ von Robert Musil, „Das Geisterschiff“ von Richard Middleton und Prosper Mérimées „Tamango“. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Texte aus?

Nohl: In erster Linie müssen die Texte faszinieren, sie müssen selbstevident sein, dass heißt, sie bedürfen keiner Erklärung, warum sie in dieser Reihe erscheinen. Außerdem müssen sie Teil der Weltliteratur sein. Jeder, der die Bücher liest, sollte sofort erkennen, wie großartig die Texte sind.

Der Autor, Übersetzer und Herausgeber Andreas Nohl
Bild: Mercan Fröhlich

Da stellt sich die Frage, was Weltliteratur für Sie ist?

Nohl: Den Begriff hat ja Goethe geprägt. Für mich spielt Literatur überhaupt nur eine Rolle, wenn sie europäischen Rang hat. Da beziehe ich mich auf Walter Benjamins Rezension zu Marie Luise Fleißers „Ingolstädter Geschichten“, in der er diesen Begriff verwendet. Das ist recht kühn von Benjamin gewesen, entlegene Geschichten, die in der bayerischen Provinz spielen, in einen europäischen Rang zu erheben. Das hat mich außerordentlich beeindruckt und mir sofort eingeleuchtet. Denn wenn man sagen würde, das ist bayerische Provinzliteratur, verfehlt man den Rang Fleißners. Das heißt, sie kann sich vergleichen mit namhaften Schriftstellerinnen in Frankreich, Spanien, England, ihr Werk hat die gleiche literarische Bedeutung. Dies lässt sich auf die Welt und deren gewichtigere Literatur übertragen. Der Kunstanspruch, den ich damit an literarische Texte stelle, definiert sich durch etwas Inkommensurables, das aber natürlich spürbar und auch erkennbar ist. Eine geheimnisvolle Durchdringung des Inhalts mit der Form und der Form mit dem Inhalt. Das ist in einem Werk der Weltliteratur auf eine überzeugende, wenn auch nicht leicht zu erklärende Weise gelungen. Man steht eigentlich nur staunend davor, und Staunen gehört für mich insofern zum Begriff der großen Literatur.

Das ist also einer der Zusammenhänge, die das Trio Mérimée, Musil und Middleton erklärt. Gibt es noch weitere Gründe für diese Auswahl?

Nohl: Ein weiteres Kriterium ist das Neue, das Überraschende. Das ist der Grund dafür, warum in dem Band mit Erzählungen von Mérimée seine bekannten Novellen „Carmen“ und „Colomba“ nicht berücksichtigt sind. Die Leser sollen hier etwas angeboten bekommen, das in keiner Weise abgegriffen ist: Also entweder stellen wir Autoren und Autorinnen vor, die noch niemand kennt – oder eben unbekannte Texte von berühmteren Autoren. Wie bei den vorliegenden drei Büchern.

Einen nahezu unbekannten Autor präsentieren Sie mit Richard Middleton.

Nohl: Ja, dieser Autor liegt mir sehr am Herzen. Es ist ein großes Glück für einen Herausgeber und Übersetzer, einen wirklich interessanten Autor erstmalig in Deutschland vorzustellen. Die Titelgeschichte „Das Geisterschiff“ war früher in England recht berühmt. Middleton wendet darin das Unheimliche ins Groteske und Komische, und das ist ihm wirklich fabelhaft gelungen.

Die Reihe enthält ausschließlich kurze literarische Formen wie Novellen und Erzählungen. Eignet sich ein Nachtstück nicht für einen Roman?

Nohl: Nun, Musils „Der Fall Moosbrugger“ ist ein zusammenhängender Text, den ich aus dem umfangreichen „Mann ohne Eigenschaften“ herausoperiert habe. Kaum jemand kennt dieses sensationelle Stück Literatur, denn viele Leser dringen gar nicht bis dahin vor, weil der ganze Roman von einer radikalen Langweiligkeit ist. Dies ist vielleicht das spannendste Stück des Romans – wer das liest, ist mindestens verblüfft und erkennt sofort, dass Robert Musil zu den bedeutendsten Prosaschriftstellern der deutschen Literatur gehört. Aber Sie haben Recht, in dieser Reihe werden immer Texte erscheinen, die sich im Bereich von 120 bis 180 Seiten abspielen.

Gibt es einen Grund dafür?

Nohl: Die Handlichkeit. Ich möchte die Leser und Leserinnen nicht überfordern. Sie sollen jedes Buch in wenigen Etappen, vielleicht sogar an einem Abend lesen können. Ich komme damit ein wenig der modernen Lesehaltung entgegen. Ich selbst lese ungern dicke Bücher, war schon immer von der kurzen Prosaform mehr fasziniert. Ich finde, man sollte den Menschen mit dicken Schwarten nicht so viel Lebenszeit rauben.

Mit dieser Länge sind es natürlich auch Bücher, die einen gut durch die Nacht bringen können ...

Nohl: Ja, aber da kann man vielleicht auch nicht mehr schlafen. Dann muss man halt noch einen zweiten Band lesen ...

Welche Texte und Autoren dürfen in den „Nocturnes“ auf keinen Fall fehlen?

Nohl: Der Prozess der Auswahl ist in sich kreativ. Ich habe außer dem Rang keine Festlegung. Die nächste Reihe steht schon, dabei wird es als deutsche Erstübersetzung den hinreißenden Text einer Autorin geben, von der man in Deutschland schon alles zu kennen glaubte.

Verlassen Sie sich eigentlich auf Ihre Leseerfahrung oder recherchieren Sie gezielt für Literatur zu diesem Thema? Wie finden Sie die Texte für die Reihe?

Nohl: Ich habe als junger Mensch wahnsinnig viel gelesen. Ich wusste ja schon mit dreizehn Jahren, dass ich Schriftsteller werden will. Später war ich viele Jahre Literaturgutachter für den Bayerischen Rundfunk. Da habe ich also einen gewissen Überblick gewonnen. Aber dann sind es natürlich auch persönliche Vorlieben, die ich berücksichtige. Es würde mich sehr schmerzen, einen Autor oder eine Autorin, die ich sehr liebe, in den „Nocturnes“ nicht unterzubringen, weil ich keinen geeigneten Text finde.

Zur Person: Andreas Nohl, Autor, Übersetzer und Herausgeber, wurde 1954 in Mühlheim a. d. Ruhr geboren und lebt in Augsburg. Zuletzt gab er Margaret Mitchells „Vom Wind verweht“ heraus, das er mit seiner Frau Liat Himmelheber neu übersetzte.

  • Richard Middleton: Das Geisterschiff, 122 S.;
  • Prosper Mérimée: Tamango. 112 S.
  • Robert Musil: Der Fall Moosbrugger, 128 S.; alle Steidl Verlag, 18 Euro

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