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"Die Verführten"

30.06.2017

Film-Kritik zu "Die Verführten" von Sofia Coppola

HANDOUT - Die Schauspieler Elle Fanning als Alicia l-r, Nicole Kidman als Miss Martha, Kirsten Dunst als Edwina, Angourie Rice als Jane, Oona Laurence als Amy, Emma Howard als Emily und Addison Riecke als Marie beten - eine Szene des Films "Die Verführten" undatierte Aufnahme. Der Film startet am 29.06.2017 in den deutschen Kinos. zu dpa-Kinostarts vom 22.06.2017 ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den Film und nur bei Urhebernennung Foto: Ben Rothstein/Focus Features/Universal Pictures/dpa +++c dpa - Bildfunk+++
Bild: Ben Rothstein

Die Geschichte vom verwundeten Bürgerkriegssoldaten kam schon einmal mit Starbesetzung ins Kino. Jetzt hat Sofia Coppola den Stoff in "Die Verführten" verfilmt.

Das Mädchen wird in den Wald geschickt, um Pilze zu sammeln, bringt stattdessen aber einen schwer verletzten Soldaten mit nach Hause. Im Virginia des Jahres 1864 tobt der amerikanische Bürgerkrieg und es ist kein Ende in Sicht. Abgelegen umgeben von einem hohen Gitter und einem verwilderten Garten steht die Südstaatenvilla, in der das Mädcheninternat untergebracht ist. Mit gebührender Strenge leitet Martha Farnsworth (Nicole Kidman) das Haus.

Aber durch den gegnerischen Soldaten, der im Musikzimmer einquartiert wird, gerät das weibliche Gemeinschaftsgefüge aus der Balance. Wenn Martha den Bewusstlosen wäscht, wird deutlich, dass hier nicht nur krankenschwesterliche Pflichten erfüllt werden, sondern auch sexuelles Begehren erwacht. Das gilt nicht nur für die Direktorin, sondern auch für die zugeknöpfte Lehrerin Edwina (Kirsten Dunst) und die Schülerinnen verschiedenen Alters, für die der Verletzte auf ganz unterschiedliche Weise zur Projektionsfläche eigener Liebesbedürftigkeit wird. Als Corporal John McBurney (Colin Farrell) wieder zu Bewusstsein kommt, kann er sein Glück kaum fassen. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als dem Krieg zu entkommen und sieht hier seine Chance gekommen. Mit romantisch-strategischem Geschick baut er die eigene Stellung als Hahn im Korb aus.

Sofia Coppola: Geschichte aus amerikanischem Bürgerkrieg in "Die Verführten"

In der ihr eigenen entspannten Intensität erzählt Sofia Coppola („Lost in Translation“) diese Geschichte aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, in der es nicht um große Historie, sondern um die Wechselverhältnisse zwischen Begehren und Macht geht. „Die Verführten“ beruht auf einem Roman von Thomas Cullinan aus dem Jahre 1966 und wurde bereits 1971 von Don Siegel mit dem jungen Clint Eastwood in der Rolle des verletzten Soldaten verfilmt. War in der alten Adaption Eastwoods Figur schnell als manipulativer Bösewicht identifiziert, sind in Coppolas Version die Karten weniger klar verteilt.

Colin Farrells Corporal McBurney strahlt eine braunäugige Vertrauensseligkeit und warmherzige Sexyness aus, die ihre Wirkung weder bei den Damen im Hause noch beim Publikum im Saal verfehlen dürfte. Wenn Martha den Verletzten mit einem sehr kleinen Waschlappen abschrubbt und dabei nicht nur wegen der körperlichen Anstrengung ins Schwitzen gerät, zeigt auch die Kamera den nur mit einem Lendentuch bekleideten Körper des bewusstlosen Mannes als sinnliches Objekt der Begierde.

Sofia Coppola blättert in "Die Verführten" die verschiedenen Facetten von Frauen auf.
Bild: Vittorio Zunino Celotto/Archiv (dpa)

Filmkritik: "Die Verführten" von Sofia Coppola

Dem gegenüber steht die sittenstrenge Moral im Mädcheninternat, dessen Regeln die aufkommenden Sehnsüchte mit zunehmender Vergeblichkeit in Zaum zu halten versuchen. Aber nicht nur das weibliche Begehren, sondern auch die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern bleiben in Coppolas Film in Bewegung. Als Verletzter ist der feindliche Soldat den Frauen zunächst wehrlos ausgesetzt und erarbeitet sich nur langsam seine männliche Machtposition zurück, die dann aber in den sich überstürzenden Ereignissen wieder kollabiert und nur mit Gewalt erneut besetzt werden kann. Sind die ersten beiden Drittel des Filmes von einer schwelenden Spannung durchzogen, wird die Handlung im letzten Teil wie durch ein unkontrollierbares Erdbeben vorangetrieben. Aber auch hier verliert sich Coppola nicht in hektischer Plotmechanik, sondern bleibt in ihrer unnachahmlichen Weise stets fokussiert, erzählt vieles gewissermaßen über Bande, mit einer traumsicheren Bildgestaltung, die das Geschehen immer wieder in Beziehung zur umgebenden Natur setzt.

Elle Fanning (l-r), Nicole Kidman, Colin Farrell, die Regisseurin Sofia Coppola und Schauspielerin Kirsten Dunst in Cannes.
Bild: Thibault Camus (dpa)
  • Die Verführten
  • 1 Std. 33 Min.
  • USA 2017
  • Wertung: Vier von fünf Sternen
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