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01.07.2010

Finale Fischgräten - Berliner Kunsthalle schließt

Finale Fischgräten - Berliner Kunsthalle schließt
Bild: DPA

Berlin (dpa) - Viel wurde gemeckert. Jetzt scheint es für die provisorische Berliner Kunsthalle kurz vor ihrer Schließung ein Happy End zu geben. Die letzte Ausstellung auf dem Schlossplatz, die am Freitag öffnet, ist spektakulär. Der Künstler John Bock hat auf vier Ebenen eine begehbare Installation entwickelt, die fast so groß ist wie ein Mietshaus.

Es ist sein Universum der Gegenwartskunst: Rund 160 Werke von 63 Architekten, Designern, Komponisten und Künstlern finden ihren Platz - darunter Franz West, Martin Kippenberger, Christoph Schlingensief, Paul McCarthy und Ingrid Wiener.

Die Temporäre Kunsthalle schließt nach zwei Jahren und schätzungsweise 200 000 Besuchern am 31. August. Einen Aufschub gibt es nicht, auch wenn die Bundesregierung das dort geplante Schloss erst einmal gestoppt hat. Eine neue U-Bahn soll kommen. "Wir haben immer gesagt, dass das Projekt begrenzt ist", sagt Benjamin Anders, Geschäftsführer der Kunsthalle. Derzeit wird ein Käufer gesucht. Die Halle könnte in eine andere Stadt wandern.

Als die Kunstbox gebaut wurde, stand daneben noch die Ruine des DDR-Palastes der Republik, die mittlerweile einem Rasen gewichen ist. Die vom Stifter Dieter Rosenkranz finanzierte Halle, die der Wiener Architekt Adolf Krischanitz entwarf, sollte ein Ort für die vielen international erfolgreichen Kreativen sein, die in Berlin leben und arbeiten. "Die Erwartungen waren mit Sicherheit groß", so Anders.

Finale Fischgräten - Berliner Kunsthalle schließt

Die Tücke des Kunstbetriebes: Haben Namen erst einmal Blockbuster-Format, ziehen sie an Spielwiesen wie auf dem Schlossplatz vorbei. So wie Olafur Eliasson und Thomas Demand, die mittlerweile große Schauen in Berlin bekommen haben. Die Nationalgalerie hat mit Udo Kittelmann einen Leiter, der ein sicheres Händchen für Gegenwartskunst zeigt. Berlin hat also einiges aufgeholt. Aber ob und wann die Stadt eine feste Kunsthalle bezahlen kann, ist offen.

Mit dem provisorischen Haus, dessen erste Fassade in Blau-Weiß an Legosteine erinnerte, fremdelte das Feuilleton. "Kunstvoll verkorkst", lautete eine Überschrift. Der Beirat trat zurück, die Leitung wechselte, der Eintritt wurde gestrichen. Nach einer Denkpause kam im zweiten Jahr ein neues Konzept - weg von den Einzelausstellungen, die nicht so gut ankamen wie erhofft. Stattdessen kuratierten Künstler Gruppenschauen. Derzeit dürfen Besucher die Außenwände mit Aufklebern verzieren, eine Aktion des Künstlers Carsten Nicolai.

Nun also zum Finale die Ausstellung "FischGrätenMelkStand", benannt nach einer Formation, in der Kühe gemolken werden. John Bock (44), der bereits auf der Biennale und auf der documenta vertreten war, kommt vom Land, aus Schleswig-Holstein. Er interessiert sich nicht nur für Kunst im klassischen Sinne, sondern auch für Architektur, Mode, Musik, Parapsychologie und Popkultur. Auf einer Wand läuft das Ende des Westerns "Spiel mir das Lied vom Tod". Bock schaut fasziniert zu.

Die Stahlkonstruktion in der Halle ist elf Meter hoch. Auf den ersten Blick sieht es aus, als wäre eine gigantische Kulisse aus der Berliner Volksbühne explodiert. Es gibt viel zu entdecken, auch von jungen Künstlern wie Kara Uzelman, die eine Radio-Installation verlegt hat. Bock findet es schade, dass die Kunsthalle bald verschwunden ist. "Berlin schmückt sich als Kulturstadt, aber für die junge Kunst ist nix drin."

Auf dem Gerüst stromert der Besucher an Wellblech, Wohnwagen, Autoreifen, Moorwasser und Betonkeilen vorbei. Die Kunstwerke sind integriert. Schlingensief zum Beispiel baut eine Hütte passend zu seinem Afrika-Projekt auf. Ein anderer Raum heißt "Sexy Socks" - eine Matrix aus 1700 zusammengenähten ausgestopften Socken. Ein Zimmer hat Bock dem Film gewidmet: Bilder von "Seewolf"-Darsteller Raimund Harmstorf hängen darin. In einer Vitrine liegt ein Zigarettenstummel von Hollywoodstar Jane Russell.

Unter dem Dach steht eine Skulptur aus Holzpaletten ("Grüße vom Müttergenesungswerk Massaker"), die der früh verstorbene Martin Kippenberger (1953-1997) seiner Mutter gewidmet hat, die bei einem Unfall von einer Palette erschlagen wurde. An die Wände rings herum hat Bock verbrannte Pizzen gehängt. Ein Lieferservice hat sie extra für die Ausstellung verkohlen lassen. Eine paar Schritte weiter kann man über eine Leiter aus dem Dach über Berlins Mitte schauen. Dorthin, wo das Schloss (noch) nicht gebaut wird.

"FischGrätenMelkStand", 2. Juli bis 31. August. Täglich 11.00 bis 18.00 Uhr, montags bis 21.00 Uhr. Eintritt frei.

www.kunsthalle-berlin.com

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