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Dokumentarfilm

06.04.2011

Finanzkrise: Ein System der Gier setzt sich durch

Vor der Kamera in Charles Fergusons Dokumentation „Inside Job“ zeigten sich viele Spitzenbanker verschlossen. Trotzdem verfehlt der Film seine Wirkung nicht.
Bild: Filmbüro

Die Oscar-prämierte Dokumentation „Inside Job“ rollt die Finanzkrise auf. Und zeigt, warum diese längst noch nicht beendet ist.

Was für ein Rätsel! Charles Ferguson dreht einen Film über die Finanzkrise, er gewinnt damit den Oscar in der Kategorie „Beste Dokumentation“, in Deutschland aber findet sich kein Verleih fürs Werk – als ob dies kein Thema mehr wäre hierzulande. Beendet ist diese Krise aber keinesfalls, wenn man Fergusons Argumentation glaubt.

Im Rahmen der Augsburger Filmtage konnte man nun in der Sektion „Lust auf Wirklichkeit“ die völlig zu Recht mit Preisen hochdekorierte Dokumentation sehen. Ferguson versucht darin, der Finanzkrise ein Gesicht zu geben, die Protagonisten hinter der gigantischen Geldvernichtung zu zeigen. Sein Augenmerk richtet er vor allem auf die großen Investmentbanken der Wall Street.

Die Geschichte, die Ferguson erzählt, hört sich wie folgt an: Die Finanzkrise begann, als in den frühen 1980er Jahren unter US-Präsident Ronald Reagan die strenge Regulierung der Finanzwirtschaft in den USA aufgegeben wurde. Banken konnten daraufhin mit ihren Einlagen immer größere Risiken für saftigere und noch saftigere Gewinne eingehen. Der Haken am System war aber, dass ein Typ Mensch diese neuen Finanzprodukte verkaufte, der nur auf den eigenen Gewinn achtete und sich um die Auswirkungen des eigenen Tuns auf die gesamte Wirtschaft nicht scherte.

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Der Film zeigt US-Spitzenbanker vor laufender Kamera

„Inside Job“ ist vor allem deshalb eindrucksvoll, weil er die Spitzenbanker der großen US-Institute vor laufender Kamera zeigt (wiewohl sich nicht jeder interviewen lassen wollte). Plastisch wird die Krise an einer Figur wie Hank Paulson: Dieser war von 1999 bis 2006 Chef der Investmentbank Goldman Sachs. In dieser Zeit trieb die Bank das Geschäft mit den faulen Immobilienkrediten auf die Spitze. Paulson gab den Job rechtzeitig vor der Krise auf. Seine Aktienoptionen brachten ihm mehr als 400 Millionen Dollar ein, als er unter George W. Bush Finanzminister wurde.

Die Krönung dieser Karriere allerdings war, dass er als Finanzminister plötzlich für die Bewältigung der Krise zuständig war. Selbstverständlich reagierte er im Sinne der Rieseninstitute: Der Staat sprach Garantien im Wert von Hunderten von Milliarden Dollar aus, um die Banken vor dem Kollaps zu bewahren. Paulson verallgemeinerte die Verluste dieses Systems der Gier, ein unglaublicher Vorgang!

Die führenden Wissenschaftler sind direkt am Geschäft beteiligt

Der Atem stockt einem endgültig, wenn Ferguson die Unabhängigkeit der Wirtschaftswissenschaften in den USA infrage stellt. Von dort ist also kein Einspruch zu erwarten, weil die führenden Wissenschaftler der großen Universitäten direkt am Geschäft beteiligt sind. Sie sitzen in den Vorständen von Finanzunternehmen und sind immer noch davon überzeugt, dass der Markt keine Regulierung brauche.

Und als Barack Obama als frisch gewählter Präsident ankündigte, den Markt zu bändigen, war das ein großes Versprechen. Eingelöst hat er es nicht. Denn seinen Finanzberaterstab rekrutierte er aus dem Personal der Großbanken, die maßgeblich für die Krise verantwortlich waren. In den USA wird sich also wenig bis gar nichts ändern.

Bleibt noch zu erwähnen, dass bis zum Abschluss der Dreharbeiten kein Spitzenbanker wegen der Finanzkrise verurteilt wurde. Die Vermögen, die in dieser Zeit über die Boni-Zahlungen gemacht wurden, sind nicht angetastet worden. Die Gier hat sich also ausgezahlt, während anderswo jahrzehntelang die Zeche für die Krise gezahlt wird.

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