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11.10.2018

Frankfurter Buchmesse: Wo geht’s denn hier zum Leser?

Die Frankfurter Buchmesse ist in diesem Jahr voll wie immer.
Bild: Arne Dedert, dpa

Mehr als sechs Millionen Buchkäufer sind in den letzten paar Jahren verschwunden. Wie man sie zurückholt? Die Buchmesse ist voll - nur nicht voller Antworten.

Vom Schriftsteller Wolf Haas kann man eine Menge lernen. Wie man zum Beispiel mit Skiern über eine Schanze springt. Tief in die Hocke gehen, sich unter dem Luftwiderstand hinwegducken, der dann über einem ins Leere fährt wie beim Boxen der schlecht platzierte Haken des Gegners. Am besten behält man den Kopf so lange wie möglich zwischen den Knien. Wichtig aber vor allem: Man darf auf keinen Fall ins Loch schauen. Also in das, aus dem der aufgeschaufelte Schnee kam. Denn wenn man ins Loch schaut, den abgründigen Schatten der Schanze, dann greift eine unsichtbare Hand nach den Skispitzen und zieht einen hinein.

Auch hier schauen die meisten in ihr Smartphone und nicht in ein Buch

Das nur als kleine Vorrede. Und damit Sprung! Hinein in den Spätsommer nach Frankfurt, wo sich an diesem Tag auf dem Messegelände die Menschen in jeder freien Minute nach Draußen stehlen, die Bücher drinnen Bücher sein lassen, um ihre Gesichter der Sonne entgegenzustrecken. Wer weiß, was dieses verrückte Wetter schließlich bringt, morgen kann schon Winter sein. Wie fast alle Menschen, die irgendwo draußen sitzen, vielleicht einen Kaffee in der Hand, haben die meisten zumindest in der anderen ein Smartphone. Telefonieren, Mails checken, bisschen rumstöbern in der digitalen Welt. Manche schauen auch in ihr Laptop. Sehr viele natürlich unterhalten sich auch. Sehr wenige Menschen auf der Frankfurter Buchmesse aber sitzen da draußen und lesen ein Buch. Es hat ja auch keiner Zeit für ein ganzes Buch. Aber irgendwie ist das Bild dann schon ganz passend: Drinnen nämlich wird ständig genau über dieses Thema geredet. Über die Menschen, ihre Handys, ihre Computer und wie die Geräte die ganze Zeit der Menschen fressen so wie früher die grauen Männer in Michael Endes Roman „Momo“ diese einfach weggepafft haben. Geredet wird also im Grunde ständig über ein Loch! In das mitsamt der Zeit auch weit über sechs Millionen Buchkäufer in den letzten Jahren verschwunden sind. Jedenfalls starrt die gesamte Buchbranche da im Moment hinein!

Manche Gäste auf der Buchmesse lesen auch draußen. Viele schauen aber auch einfach ins Handy.
Bild: Frank Rumpenhorst, dpa

Es ist tatsächlich, und da ist man wieder bei Wolf Haas und seinem neuen Roman, ein wenig auch wie die Sache mit dem Winter und dem Schnee. Wenn man da auf einer schön präparierten Piste unterwegs ist, keine braunen Flecken sieht, ein bisschen den Schnee stauben lassen kann und mittags in der Hütte eine gute Leberknödel-Suppe bekommt, denkt man sich gerne, passt schon! Klimawandel, eh nicht so schlimm. Auch wenn man natürlich weiß, dass das mit dem Schnee sicher nicht so weitergehen wird. Auf der Buchmesse gibt es trotz aller besorgniserregenden Befunde über die verschwundene Buchkäufer und sinkende Absatzzahlen in diesem Jahr auch keine braunen Flecken, nur eine klitzekleine Ecke, aber das ist wieder ein anderes Thema. Es ist alles wunderbar voll, voller Bücher und voller Verlagsmenschen und voller Buchhändler. Und natürlich auch voller Schriftsteller wie eben Wolf Haas, bekannt vor allem für seine Brenner-Krimis, der an diesem Tag die Grand Tour macht: Vom Podium im Lesezelt zum Podium des Spiegel-Standes aufs blaue Sofa des ZDF und so weiter und so weiter. Die Buchmesse ist jedenfalls auch voller Podien.

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Wolf Haas kommt aus einem wunderbaren Dorf im Salzburger Land, man hört es ihm an. Wenn er spricht, denkt man daher irgendwie immer an Ferien. Haas hat mal wieder eines dieser Bücher geschrieben, die eigentlich total verrückt klingen, sich aber dann doch wie irre verkaufen, weil: Lässt sich halt wieder super lesen. Er schreibt in „Junger Mann“ über die erste Liebe eines 13-Jährigen und wie der sich im Taumel vom ordentlichen Moppel zum Schmalhans hungert. „Wahnsinnig unattraktives Thema“, sagt Wolf Haas jetzt gerade auf dem Podium: „Aber ich wollte schon seit Jahren ein Buch über meine Abmagerungskur schreiben, weil das so gar nicht literaturgeeignet ist.“ So ist er der Haas. Einer, der vermutlich auch keine präparierte Piste mag.

Irgendwo ist immer Krise auf der Frankfurter Buchmesse

Wenn man sich einen schönen Tag auf der Messe machen will, muss man also nur Wolf Haas folgen, wie er sich liebenswürdig von Podium zu Podium plaudert, dauerverschmitztlächelnd. Wenn man aber ins Loch schauen will, in den abgründigen Schatten, reicht es meist, einfach mal durch den nächsten Gang des Labyrinths aus Ständen zu schlendern: Irgendwo ist gerade immer Krise! Diskutieren Literaturkritiker am Stand J 37 über das veränderte Leseverhalten, ringen Verleger und Buchhändler in H 85 um Antwort auf die Frage: „Mehr Events oder Literatur pur - wie gewinnen wir Buchkäufer zurück?“ Oder dröselt ein Wirtschaftsjournalist in K11 bei den Selfpublishern unter dem markigen Titel „Der Kampf um den Leser“ gerade noch einmal die Zahlen der letzten Studien auf. Wer, wann aufgehört hat Bücher zu kaufen. Die Abwanderer. Und warum. „Alltagsstress“, sagt der Journalist, und dass sich immer mehr Menschen abends eben lieber die nächste Netflix-Serie reinziehen als den nächsten dicken Schmöker. Wofür er durchaus viel Verständnis hat: „Das Personal von Games of Thrones ist genauso vielschichtig wie das in einem Roman von Thomas Mann.“ Kawumm. Das muss man sich auf einer Buchmesse auch erst einmal sagen trauen!

Wobei es einem nach einem Tag Messegeschlendere auch zunehmend ziemlich mutig erscheint, was Heinrich Riethmüller gleich zu Eröffnung der Messe gesagt hat. Von „Aufbruchsstimmung“ in der Branche hat der Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels gesprochen. Es klang dann aber eben doch eher nach Durchhalteparole. Und ein bisschen nach dem Pfeifen im Walde. Man muss jedenfalls das Buchlabyrinth der Messe schon ordentlich absuchen, um Beispiele für Riethmüllers These zu finden. H 85 vielleicht. Da stellt Natalja Schmidt gerade ein Projekt des Verlages Droemer-Knaur vor, „Doors“, eine Romanreihe des Bestsellerautoren Markus Heitz. Wobei Reihe eigentlich nicht ganz stimmt. Und Roman fast zu altmodisch klingt. „Ein neues, actiongeladenes Mystery-Abenteuer“, so bewirbt der Verlag das Konzept. Es geht um ein reiches Mädchen, das in einem Höhlenlabyrinth verschwunden ist. Im Verlag, erzählt Schmidt, habe man sich überlegt, was am Erzählstil des Seriellen so attraktiv sei, siehe Netflix. Das Ergebnis: Es gab einen sogenannten Piloten, 10.000 Exemplare wurden umsonst verteilt, sozusagen als Köder. Und als Nachfolge gab es dann nicht einen, sondern gleich drei Romane. Jeder davon führt durch eine Tür in eine andere Welt und eine andere Geschichte. Die zweite Folge ist schon in Planung. Da überlegt man sich, die Leser abstimmen zu lassen, welche Art von Welt ihnen am liebsten wäre...

Ein Buch ist kein Joghurt, sagen sie hier...

Die Welt, wie sie also dem Leser gefällt? Damit er nicht ins Loch zu all den anderen fällt? Oder wie wäre es mit einer App, die einem das Buch passend zur Stimmung empfiehlt? Buchhandlungen mit Beach-Dachterrassen? Buchevents in der Justizvollzugsanstalt. Das waren übrigens einige Vorschläge, die die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in ihrer Studie zum Kaufverhalten der Branche Mitte des Jahres unterbreitet hat. Es gab dann auch einigen Spott. Und vielleicht wegen dieser Vorschläge hat Inger-Maria Mahlke bei der Verleihung des Buchpreises dann auch diesen Satz gesagt, der nun ständig zitiert wie ein Echo durch die Gänge hallt. Ein Buch ist kein Joghurt, ein Buch ist kein Joghurt, ein Buch ist kein Joghurt... Weil, so Mahlke, die für ihren kunstvoll im Rückwärtslauf erzählten Roman „Archipel“ den deutschen Buchpreis erhielt, die Literatur im Gegensatz zum Joghurt „existenzielle Erfahrungen“ biete - auch wenn inzwischen jeder zweite Joghurt so beworben werde.

Wenn an diesem Tag nicht gerade Wolf Haas auf dem Podium sitzt, dann im Zweifelsfall übrigens gerne Inger-Maria Mahlke. Schmal, aufrecht, aber schon ein bisschen müde am späten Nachmittag nun im Pavillon auf dem Hauptplatz. Neben ihr die Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters. Der Moderator fragt, was sie von den Buch-Apps, siehe oben, halten würde. Da bläst Mahlke ein wenig die Backen auf und sagt: „Das Buch, das zu meiner Befindlichkeit passt, führt dazu, dass ich nichts lese, was gegen meine Befindlichkeit spricht …“ Da sei ihr Lesen nach dem Zufallsprinzip lieber. Grütters wiederum lässt ein Plädoyer für den Besuch einer Buchhandlung folgen: „Die geistigen Tankstellen des Landes.“

Der Moderator fragt dann aber auch, wie man die abgewanderten Leser wieder zurückholen könne, diejenigen, die in diesem Loch verschwunden sind? Mahlke sagt, das sei eine unglaublich schwierige Frage. Und spontan würde sie so antworten: „Mit einer geladenen Waffe, aber das geht natürlich nicht.“ Zum Glück steuert Grütters dann noch etwas Aufmunterndes bei: Man werde einen deutschen Verlagspreis ins Leben rufen, dotiert mit einer Million Euro, um damit ein Zeichen für die literarische Vielfalt zu setzen!

Und damit, Sprung zurück in den Schnee, zu Wolf Haas und seinem Roman, in dem ein kleiner Junge zu Beginn im Loch landet, sich das Bein bricht und von der Mutter nach Hause getragen wird. Dann so viel Trostschokolade isst, dass er dick wird. Haas wird jetzt auf dem nächsten Podium gefragt, ob er eigentlich noch einen Brenner-Krimi schreiben würde, weil sich viele darüber freuen würden. Er sagt, es sei sehr schön, das zu hören. „Weil man kämpft immer so mit dem Buch, dass man fast in Gefahr ist zu vergessen, dass es jemanden gibt, der sich aufs Lesen freut.“ Noch aber gibt es davon ja viele. Und im Winter hoffentlich auch wieder ordentlichen Schnee.

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