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Interview

21.07.2019

Geigerin Julia Fischer: "Es gibt den Unterschied zwischen Fleiß und Drill"

Violinsolistin, Kammermusikerin, Hochschulprofessorin, Organisatorin, Mutter: Julia Fischer.
Bild: Uwe Arens

Exklusiv Die Geigerin Julia Fischer ist begehrt. Als erste Klassik-Musikerin hat sie einen radikalen Schritt getan: Sie vermarktet ihre Aufnahmen im Internet selbst.

Als wohl erste Musikerin im Bereich Klassik besitzen Sie ein eigenes Label im Internet, den so genannten JF-Club, benannt nach Ihren Initialen. Dafür produzieren Sie Ihre Aufnahmen selbst und vermarkten diese auch. Was war Ihr Grund, diesen Schritt zu machen? Erzählen Sie doch mal, wie alles kam!

Julia Fischer: Wenn man solch einen radikalen Schritt geht, gibt es mehrere Auslöser. Das kommt auch nicht über Nacht, dazu braucht es Mut und Willen. Es entspricht zudem nicht meinem Charakter, sich zum Beispiel über die Plattenindustrie zu beschweren, die sicher ihre Probleme hat. Es gibt drei Gründe für meinen Schritt: Wie das Internet unser Leben verändert, bestimmen wir selbst. Ich benutze weder Instagram noch Twitter – als Künstlerin sehe ich darin Oberflächlichkeit. Nicht nur in der Kunst geht es darum, etwas zu produzieren, was bleibenden Wert hat. Gute Kunst aber braucht Zeit. Genauso ist es mit Gedanken: Nicht jeder Gedanke ist ein Gewinn für die Menschheit und muss veröffentlicht werden. Zweitens sind CD-Aufnahmen mit einer Spieldauer von 60 bis 70 Minuten nicht unbedingt sinnvoll, wenn dabei Werke gekoppelt werden, die nicht zwingend zusammen gehören. Drittens will ich jungen Menschen die Scheu nehmen: Scheu vor dem Repertoire, Scheu vor einem Konzert. Sie wissen manchmal nicht, was sie erwartet, wie sie sich benehmen sollen.

Nun haben Sie also selbst das Heft in der Hand?

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Fischer: Nun bin ich Produzentin und kann selbst bestimmen, was ich aufnehme und wie lange ich aufnehme und welche Erklärungen ich zur Musik schreibe – und all dies geschieht nicht auf der Basis, jetzt sitze ich an der Bushaltestelle, habe fünf Minuten Zeit und twittere ein bisschen... Das Internet ist ein Prozess, den wir lernen müssen. Denken ist etwas anderes als Reden. Und Wissen noch mal was anderes. Das alles braucht Zeit.

Jetzt sind Sie nicht nur Produzentin, sondern auch Vermarkterin Ihrer Aufnahmen. Wie viele JF-Club-Mitglieder haben Sie denn, was kostet die Mitgliedschaft, und seit wann existiert der Club?

Fischer: Den Club gibt es seit eineinhalb Jahren; die Mitgliedschaft kostet im Monat fünf Euro beziehungsweise im Jahr 50 Euro, und Mitglieder gibt es viele – eine Zahl im vierstelligen Bereich.

Und was bekommen die Mitglieder nun dafür geboten?

Fischer: Im Zentrum stehen natürlich die Aufnahmen von und mit mir – Kammermusik etwa von Eugène Isaÿe, César Franck, Schostakowitsch, Karol Szymanowski, demnächst auch von Beethoven und Prokofjew. Insgesamt bisher rund 200 Minuten Musik. Daneben gibt es im Club die Abteilungen „Sehen“, „Lesen“ und „Treffen“. Dort sind professionell gedrehte Videos etwa von Proben zu betrachten, dazu Interviews und Werkerläuterungen zu lesen, und es können – nach Anmeldung – in begrenzter Auswahl auch Treffen mit mir bei Proben weltweit vereinbart werden. Zuletzt bot ich solch ein Treffen in Seoul an, da lud ich dann sechs/sieben Club-Mitglieder zu einem Gespräch nach dem Konzert ein.

Wird es neben der Kammermusik im JF-Club künftig auch Solo-Konzerte mit Orchester geben – und wie werden überhaupt die Rechte an den Aufnahmen gegenüber den Mitmusikern behandelt?

Fischer: Es gibt bereits Verhandlungen mit Orchestern. Die Rechte an den Aufnahmen werden vermutlich genauso behandelt werden wie jetzt die Rechte mit den Musikern bei den Kammermusikaufnahmen: Ich veröffentliche die Aufnahmen auf meinem Internet-Label und die Partner-Musiker veröffentlichen die Aufnahmen auf ihrem Label – was auch ein CD-Label sein könnte.

Nun hat aber ein dem JF-Club vergleichbares Modell sogar der Pop-Musiker Prince erfolglos beendet. Was lässt Sie dennoch hoffen?

Fischer: Ich habe den Club nicht gegründet, um reich zu werden. Ich denke nicht darüber nach, ob das in fünf Jahren noch funktioniert. Ich probiere es einfach aus – und die Rückmeldungen befeuern mich bei meiner Arbeit. Wenn es in fünf Jahren nicht mehr funktionieren sollte, höre ich halt wieder auf. Mit CD-Produktionen ist ja im Moment auch kein Geld zu verdienen. Das Schöne an dem Projekt sind meine künstlerische Unabhängigkeit und die Flexibilität.

Ihr Kollege Frank Peter Zimmermann, der ziemlich unzufrieden war mit dem Geschäftsgebaren der großen Platten-Labels, arbeitet jetzt mit kleinen Labels zusammen. Wäre das nicht auch für Sie eine Option gewesen?

Fischer: Es gab keinen Grund für mich, dies zu tun. Was soll mir ein kleines Label geben können, das ich nicht auch auf anderem Weg, eben den Club, erhalten kann? Das kleine Label braucht doch auch die 70 Minuten Musik für eine CD, die dann eventuell nicht zusammen passen. Und: Ich war seit zwölf Jahren nicht mehr in einem Plattengeschäft, um eine CD zu kaufen. Allerdings liegt bei mir der Fall auch so: Ich höre Musik nicht als Erinnerung an einen Künstler oder an ein Konzert, sondern professionell als reinen Informationsgehalt – um es mal so ganz trocken auszudrücken.

Und ein etwaiges Crowdfounding für die Produktion einer CD wäre auch nicht in Frage gekommen?

Fischer: Nein. Ich bin einfach gerne unabhängig. Damit kommt ja auch Verantwortungsgefühl. Unabhängigkeit und Verantwortungsgefühl sind zwei Dinge, die mir liegen.

Themenwechsel. Beim Leopold-Mozart-Violinwettbewerb in Augsburg, wo am ehemaligen Konservatorium Ihre professionelle Ausbildung ja begann, schaffte es 2019 nur ein deutscher Kandidat, besser gesagt: Kandidatin, unter die gut zwei Dutzend Teilnehmer zu kommen. Und auf europäischer Ebene sieht es nicht viel besser aus. Statt dessen dominierten Asiaten und Amerikaner mit asiatischem Background des Kandidaten-Feld. Wobei der Augsburger Wettbewerb diesbezüglich keine Ausnahme ist. Woran liegt es Ihrer Meinung nach?

Fischer: Es ist sicherlich so, dass es in Asien – auch staatlicherseits – den Willen gibt, möglichst gut ausgebildete Instrumentalisten heranzuziehen. Dagegen existiert in Deutschland ein Loch, weil es keine staatlichen Institutionen gibt, die eine professionelle Ausbildung gewährleisten, bis jemand reif für die Musikhochschule ist. Die Konservatorien in München und Augsburg wurden abgeschafft. Und örtliche Musikschulen können diese Arbeit in aller Regel auch nicht leisten. So bleibt Eltern mit hochbegabten Kindern nur, einen Privatlehrer zu nehmen, was – nebenbei bemerkt – eine hohe finanzielle Belastung ist. Professionelle Ausbildung müsste bei Achtjährigen beginnen, nicht bei 18-Jährigen, in diesem Alter ist schon alles gelaufen. Bei den Wettbewerben ist es ja auch so: Für die Nominierung sind technische Kriterien entscheidend.

Spielt auch das Ausmaß an Fleiß eine Rolle?

Fischer: Das ist ja gar keine Frage! Natürlich spielt Fleiß eine Rolle. Aber es gibt den Unterschied zwischen Fleiß und Drill und zwischen Fleiß und Verzweiflung. Es ist nicht der richtige Weg, kleine Kinder von ihren Eltern zu trennen und in Internate zu stecken – wie beispielsweise oft in China. Das führt nur zu Familienzerstörung, zu Druck und Last. Es kommt doch auch auf das Wie an und nicht nur auf das Wie viel. In meiner Münchner Musikhochschulklasse mit acht Studenten, darunter fünf deutsche Staatsbürger, ist der Fleißigste ein Deutscher. Und noch etwas: Primär ist Mitdenken gefragt.

Wer unter Ihren ehemaligen oder gegenwärtigen Studenten an der Münchner Musikhochschule gibt denn Anlass zu größten Hoffnungen? Auf wen sollte man achten und hören?

Fischer: Auf meine ganze Klasse! Man sieht ja seine eigenen Studenten nicht immer objektiv. Letztlich wird das auch andernorts entschieden. Ich bin fast jede Woche begeistert über meine Studenten, aber ob sie dann das Publikum mitreißen, ist etwas anderes.

Hat der Umstand, dass Sie zur Zeit ein Kinderorchester gründen, auch damit zu tun, eine breite Basis an Musikern zu bilden?

Fischer: Ja, wobei ich aber nicht den Anspruch habe, dass die Kinder Musiker werden. – Wir ausführenden Musiker sind selbst ja nicht unbedingt die ersten, die sich um eine bessere Musikausbildung kümmern. Es reicht nicht, einmal in den Schulunterricht zu gehen und Musik und Instrumente vorzustellen. In Korea gibt es an den Grundschulen jede Woche vier Stunden Musikunterricht! Und ganze Familien gehen mit kleinen Kindern schon ins Konzert. Ich kann nicht unser Schulsystem verändern, aber ich kann wenigstens dafür sorgen, dass in Gauting bei München, wo ich wohne, Kinder mit Musik in Kontakt kommen. Ich möchte ja auch etwas zurückgeben. Vielleicht wird das andernorts dann von Kollegen nachgeahmt. Das würde mich freuen.

Wie sieht Ihr Projekt „Kindersinfoniker“, für das gerade Vorspiele stattfanden, konkret aus? Und wie finanziert es sich?

Fischer: Zunächst fangen wir mit einem Streichorchester an – und mit Kindern zwischen sechs und 14 Jahren. Später sollen andere Instrumente dazu kommen. Es gab jetzt 50 Bewerbungen, wovon um die 30 angenommen werden. Das Streichorchester wird größer als zunächst gedacht. Zweimal die Woche wird geprobt und zweimal im Jahr gibt es zwei bis drei Konzerte. Die Finanzierung erfolgt über Mitgliedsbeiträge, das sind 40 Euro pro Monat, und über Spenden. Außerdem arbeiten unsere Vereinsmitglieder ehrenamtlich und helfen so enorm, das ganze Projekt ins Rollen zu bringen.

Zur Person: Julia Fischer wurde 1983 in München geboren, lernte Geige sowie Klavier und studierte – nach Vorbereitungen am ehemaligen Augsburger Konservatorium – bereits als Neunjährige an der Musikhochschule München. 2006 war sie in Frankfurt am Main die jüngste Professorin einer deutschen Hochschule, heute lehrt sie an der Musikhochschule München. Als Geigen-Solistin ist Julia Fischer weltweit von großen Orchestern und Dirigenten gefragt; als Kammermusikerin spielt sie regelmäßig unter anderem mit dem Cellisten Daniel Müller-Schott zusammen.

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