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Musik-Charts

24.06.2019

Hacker verrät: Eine goldene Schallplatte gibt's für 50.000 Euro

Spotify: Eine Pauschale zahlen und so viel hören, wie man will. Oder auf hunderten Profilen immer nur einen Song – und ihn dazu zum Hit machen?
Bild: Ole Spata, dpa

Die gute Nachricht: Inzwischen lässt sich mit Streamen viel Geld verdienen – zumindest in der Spitze. Die schlechte: Manipulationen scheinen möglich.

Die aktuellen deutschen Hitparaden zeigen folgendes Bild: Bei den Alben setzt sich der zeitlose Bruce Springsteen an die Spitze, er steht damit vor Rammstein und der Deutschrapperin Juju.

Bei den Singles regiert mal wieder der hiesige Hip-Hop. Von 0 auf 1 diesmal Chart-König Capital Bra gleich mit vier weiteren Kollegen von Kalazh44 bis Samra – und auch die anderen höchsten Neueinsteiger sind Deutsch-Rapper, auf Platz drei Summer Cem wieder mit Capital Bra, auf sechs Mero.

Nun ja, so klingt er eben, der Zeitgeist, der sich aus guten Gründen ja hauptsächlich in den Single-Charts manifestiert und da auch für gute Umsätze sorgt. Die Hitparaden jedenfalls bleiben ein verlässliches, quasi amtliches Zeugnis der aktuell erfolgreichsten Musik – oder?

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Was man wissen muss: Die Charts werden wöchentlich von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg veröffentlicht.

Und wenn es vor einigen Jahren noch Zweifel daran gab, wie verlässlich sie denn noch Hörverhalten und damit die wirklichen Hits abbilden, wenn die Album- und Single-Käufe doch immer weiter zurückgehen, weil die Musik inzwischen hauptsächlich gestreamt wird: Inzwischen wird ja auch das längst erfasst.

200 Premium-Streams zählen wie eine gekaufter Song

Die GfK erklärt: „Ja, auch Musik-Streams werden berücksichtigt. Für die Single-Charts werden alle Premium-Streams ab einer Länge von 31 Sekunden gezählt … Video-Streams werden derzeit nicht berücksichtigt.“ Über Youtube führt also kein Weg in die Charts. Aber ein Song, der 200 mal mindestens 31 Sekunden lang gehört wurde, gilt wie ein gekaufter Song.

Hinzu kommt: Nach der jahrelangen Verunsicherung, wie denn in Zeiten der Digitalisierung überhaupt noch Geld mit Musik verdient werden kann, scheint zumindest in Teilen eine Antwort gefunden. In der Spitze nämlich.

Streaming-Dienste schütten inzwischen etwas an Künstler aus, wirklich rentabel wird das aber erst bei hohen Zugriffszahlen. Und diese Zugriffszahlen steigen freilich, wenn diese Dienste Songs oder Alben in Empfehlungslisten führen, mit denen sie selbst wiederum die Kunden an sich binden wollen. Ein sich selbst verstärkendes System, das Pop-Geschäft eben.

Konzeptalben sind bei Streaming-Diensten kaum noch etwas Wert

Aber wenn man nun von Streaming-Diensten spricht, bei denen der Hörer für einen Pauschalpreis so viel hören kann, wie er will, muss im Grunde hauptsächlich von Spotify sprechen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung rief kürzlich gar in einer Überschrift im Wirtschaftsteil „Die Spotify-Diktatur“ aus – und analysierte nicht nur mal wieder, wie das Streamen die Musik selbst verändert: Songs zählen, Konzeptalben haben immer weniger Chancen, und die Lieder müssen immer schneller auf den Punkt kommen.

Es ging auch um die stetig zunehmende Marktmacht dieses einen Anbieters in einem „wettbewerbsintensiven“ Markt, wie es hieß. Das gilt international wie auch für Deutschland.

Und so kommt eben nach einem alten Popprinzip nun auch in der neuen Branche zusammen, was Erfolg hat. Spotify hat jedenfalls nicht von ungefähr kürzlich ein überlebensgroßes Bildnis des deutschen Rappers Capital Bra auf eine Berliner Hauswand pinseln lassen. Der nämlich ist mit insgesamt über 1,5 Milliarden Abrufen der absolute Spitzenreiter hierzulande, sein aktuelles Album schaffte es allein in der ersten Woche auf 35 Millionen, auch das ist Rekord.

Künstler bekommen 3500 Euro für über eine Million Klicks

In die mehreren Millionen geht darum auch, was der 24-jährige Berliner von Spotify an Tantiemen dafür überwiesen bekommen hat. Nach Branchenangaben, so die FAZ, sind 3500 Euro und mehr für eine Million Klicks üblich. Der österreichische Erfolgsrapper Raf Camorra soll in Zeiten seines Erfolgsalbums „Palmen aus Plastik 2“ von Spotify innerhalb von sechs Monaten vier Millionen Euro überwiesen bekommen haben.

Und die Platte war dann ja auch nicht von ungefähr in den deutschen Charts die zweiterfolgreichste des Jahres. Übertroffen wurde sie nur noch von Helene Fischer, die sich auch auf herkömmlichen Vertriebswegen noch sehr gut verkauft. Denn das Streaming schlägt ja inzwischen auch auf die Hitparaden voll durch.

Bestes Beispiel ist wiederum Capital Bra, der inzwischen die meisten Nummer-eins-Songs in der deutschen Chart-Geschichte aufzuweisen hat, noch vor den Beatles – und das innerhalb nur eines Jahres! Es sind die Rapper, die das große Geschäft auf den neuen Wegen machen, weil sie es sind, die den Sound den streamenden Kids liefern. Und so haben sie nach und nach die Charts übernommen und sorgen auch dafür, dass in Deutschland längst deutsche Musik wieder die erfolgreichste ist. Aber noch mal: So ist das Pop-Geschäft eben.

Hacker verrät: Eine goldene Schallplatte kostet 50.000 Euro

Wenn die neuen, digitalen Wege denn nicht die für sie typischen Probleme hätten. Denn wo es um Datenerfassung geht, ist die Gefahr des Hackings immer mit dabei. Und so erregt seit einiger Zeit nun ein Video Aufsehen, das auf dem Youtube-Kanal „Y-Kollektiv“ abrufbar ist, der aus dem Medienangebot von ARD und ZDF stammt, selbst schon über zwei Millionen mal angeklickt wurde, aber noch mit ganz anderen Zahlen aufwartet. Der Titel: „Der Rap-Hack – Kauf dich in die Charts“.

Und da erzählt ein in Gesichtsmaske Unkenntlicher, der sich Kai nennt, dass er für 50.000 Euro eine „Goldene Schallplatte“ servieren könne, die man in Deutschland ab 200.000 Verkäufen erhält. Und zwar dadurch, dass er bei Streaming-Diensten wie Spotify hunderte Nutzerprofile und Playlisten so manipuliert, dass sie den zu lancierenden Song in Endlosschleife spielen.

Deutsch-Rapper sollen Charts manipuliert haben

„Rap-Hack“ heißt das Ganze, weil Kai angibt, eben das auch schon für „die fünf größten Topkünstler“ dieses Genres in Deutschland angewandt zu haben.

Von Spotify gibt es dazu keinen Kommentar. Bei der für die Charts verantwortlichen GfK verweist man laut Süddeutsche Zeitung darauf, dass es eine Qualitätssicherung gebe und ein „Prüfprozess“, der bei solchen Versuchen bereits gegriffen habe. Man gibt sich sicher, die Manipulationen „im wesentlichsten“ erkannt und also verhindert zu haben, dass in den Charts Songs zu Hits gehackt wurden.

Aber davon, wie schwierig es ist, den Hackern auch technisch auf den Fersen zu bleiben, können ja sogar Regierungen und Geheimdienste längst ein Lied singen  … Und auch bei diesen tatsächlichen Liedern geht es inzwischen ja um sehr viel Geld und um die wohl noch wertvollere Währung in der Popwelt: Aufmerksamkeit.

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