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Porträt

27.02.2018

Harry Meyer - der Maler, der in der Farbe wühlt

Harry Meyer in seiner Atelier-Galerie.
Bild: Marcus Merk

Der Künstler aus dem Landkreis Augsburg streitet in seinen Bildern mit der Natur. Seine Werke sind in Korea zu sehen und jetzt auch in seiner Vaterstadt

Dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt, ist eine beliebte – und oft zutreffende – Redewendung. Insofern bedeutet es viel, wenn der Maler und Bildhauer Harry Meyer, eine Instanz und Konstante des schwäbischen Kunstschaffens, in seiner oberpfälzischen Vaterstadt Neumarkt erst den Kunstpreis erhält (2015) und jetzt dort auch eine neue Ausstellungsreihe eröffnet – mit den Kunstpreisträgern der Stadt in Folge. Man zeigt sich also jetzt „zu Hause“ überzeugt von Harry Meyers Wert.

Die Haltung ist ja auch ausreichend lang gereift. Schon seit 30 Jahren ist Harry Meyer – ausgebildet als Elektromechaniker und Architekt – ein Maler und Bildhauer, der erst in Augsburg arbeitete und nun westlich davon, in Wollishausen, wo er ein altes Schulhaus zu Atelier und Galerie umbaute. Der Wirkungskreis seiner Gemälde und Plastiken hat sich in dieser Zeit stetig ausgedehnt: von Galerien, Kunstvereinen und Museen im süddeutschen Raum über Galerien, Kunstvereine und Museen im norddeutschen Raum bis hin zu Präsenzen im benachbarten Ausland ( Niederlande, Luxemburg, Österreich) und – seit 2007 – regelmäßig auch in Fernost, speziell Südkorea.

Dort, wo der energetische Pinsel- und Farbschwung in Form der Kalligrafie sowieso lange Tradition hat, dort wird Meyer, mittlerweile 57, besonders geschätzt: Vermittelt über seine Nürnberger Galerie nahm auch das Indang Museum der Millionenstadt Daegu/Korea ein ausgesuchtes Werk Meyers in seinen Bestand. Vielleicht ja auch, weil der Pinselschwung von Harry Meyer aus dem Zweidimensionalen in die schon reliefhafte Form übertritt.

Was der Maler an Farben benötigt, ist immens

Denn genau dies gehört zu seiner individuellen künstlerischen Handschrift: wie sich Farbe aufwirft zu Graten, Nasen und Überhängen, wie Meyer in ihr auch „wühlt“ und bohrt, sie pastos und plastisch häuft und formt, wie er sie nicht nur als Kolorierung begreift, sondern eben auch als zu knetendes Material. Entsprechend lang müssen seine „Material“-Bilder trocknen, entsprechend groß ist ihr Gewicht, entsprechend teuer ist ihre Herstellung. Das Farblager des Autodidakten Meyer, der seine Leinwände selbst aufspannt und grundiert: immens.

Zur Wucht des Materials kommt die Wucht der kräftigen, starken, den Betrachter anspringenden Kolorierung. Vorsichtig, tastend, scheu und harmonisierend war Meyer in dieser Beziehung nie; mittlerweile aber probt er dezidiert auch die Grenzüberschreitung hin zur „lauten“, giftigen, strotzend-exotischen Falschfarbigkeit. Insbesondere seine neueren Stillleben lassen jegliche Ton-in-Ton-Malerei weit hinter sich. Nicht jeder, der Meyers Kunst schätzt, kann ihm darin folgen. Das ist mindestens strotzend und kühn, wenn nicht gewagt; das ist mindestens extravagant, wenn nicht überreizt. Aber wäre der, der auf Nummer sicher geht und „Verbotenes“ nicht wagt, ein Künstler?

Unzweifelhaft überwältigend bleibt Harry Meyer in seiner malerischen Überhöhung sich entladender Naturkräfte. Ob Starkregen oder Lufttemperatur-Spannungen, ob Sturm oder leuchtende Himmelserscheinungen, ob Tektonik oder Wärmestrahlung – für all das ist Meyer besonders empfänglich. Und er überträgt es rauschend, blitzend, pfeifend, pulsierend, schiebend, ziehend, knirschend, explodierend auf Leinwand – beziehungsweise auf Holzplastiken, wie zuletzt bei seinen „Gipfel“-Skulpturen. In dieser Dynamik stecken sowohl schöpferische wie zerstörerische Kräfte. Genesis und Apokalypse. Meyer malt die Gesetze der Natur. Die Welt und ihre Elemente sind in Aufruhr. Und das All und die Sterne rücken bedrohlich nah. Meyer: „Kunst hat mehr mit Wissenschaft zu tun als mit Erbauung. Persönliche Vorlieben haben dabei nur begrenzt etwas zu suchen.“

Früh schon erkannte er die versteckten Energien in der Natur

Vielleicht war diesbezüglich ein frühes Schlüsselerlebnis für den jungen Harry Meyer, als sein Großvater in Neumarkt mit der Wünschelrute Wasseradern aufspürte. Da wohl sah der Halbwüchsige zum ersten Mal, dass es (versteckte) Energien gibt in der Natur – unsichtbar, doch wirksam. Und so legt Harry Meyer in seinen besten Bildern mit gestischem Elan scheinbar mystische Naturkräfte offen. Frei nach Leonardo da Vinci: „Der Maler streitet und wetteifert mit der Natur.“

Die Bilder aber arbeiten und arbeiten immer weiter vor sich hin – sei es in der Kollektion des Bundestags oder der bayerischen Staatsgemäldesammlung, sei es in der Kunsthalle Emden oder im Diözesanmuseum Eichstätt, sei es bei den Großsammlern Waldburg-Wolfegg oder Würth. In Einklang bringt der sich hineinsteigernde Meyer das Naturdramatische mit dem Kunstwahren. Und dafür hat er auch schon etliche Preise eingeheimst, unter anderem den Kunstpreis von Limburg, den Abbott-Förderpreis New York und den Cranach-Preis Wittenberg. Als freischaffender Maler und Bildhauer gehört er zu jenen wenigen seiner Zunft, die von ihrer eigenen künstlerischen Kraft leben können.

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