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Interview

31.01.2020

Herlinde Koelbl: "Die Macht stellt jeden vor eine Anforderung"

Herlinde Koelbl gehört zu den bedeutendsten Fotokünstlern.
Bild: Johannes Rodach

Plus Die Fotokünstlerin Herlinde Koelbl ist berühmt für ihre Serien. Sie hat Gerhard Schröder und Angela Merkel dazu gebracht, sich zu öffnen wie sonst nie.

Frau Koelbl, sind Sie Fotografin geworden, um das Vergängliche festzuhalten, Augenblicke zu bewahren?

Herlinde Koelbl: Das Vergängliche ist immer ein Thema bei mir. Doch mein erstes Buch handelt von dem deutschen Wohnzimmer – und das ist etwas sehr Beständiges.

Wie würden Sie Ihr Arbeiten beschreiben?

Koelbl: Meine Arbeit ist sehr unterschiedlich, vom deutschen Wohnzimmer bis zu Spuren der Macht oder Haare. Und: Jedes dieser verschiedenen Themen habe ich mit einem eigenen Stil zu fassen versucht, einem Stil, mit dem ich am besten herausarbeiten konnte, worum es mir geht, mit dem das Thema sichtbar wird.

Ihre großen Projekte sind also Auseinandersetzungen auf mehreren Ebenen?

Koelbl: Absolut. Sie sind fast immer einem großen gesellschaftlichen Thema gewidmet. Und das fängt bei mir mit dem Nachdenken darüber an. Ich will es ergründen, muss mein Thema verstehen, lese mich da auch richtig ein. Und dann mache ich mir Gedanken über den Stil, wie ich es zeigen kann – Schwarz-Weiß oder in Farbe, mit Texten, nur Zitaten oder einem zusätzlichen Video oder Filmen. Es ist eine große Palette, über die ich verfüge, die dann zum Einsatz kommen kann.

Wie kommen Sie zu Ihren Themen, zum Beispiel „Das deutsche Wohnzimmer“?

Koelbl: Die Themen sind in mir, ich suche nie nach Themen.

Diese Fragen treiben Sie als Mensch um?

Koelbl: Es sind erst einmal Dinge, die ich sehe. Es ist ja so, dass viele Menschen die Dinge nicht sehen, obwohl sie eigentlich sichtbar sind. Aber für mich ist das Thema wichtig und spannend, zum Beispiel das Wohnzimmer. Das war mein Anfang in der Fotografie. Wenn mich damals jemand gefragt hat, woran ich arbeite, sagte ich: Ich fotografiere Menschen in ihren Wohnzimmern. Und bekam darauf zu hören: Ach, was soll das denn. Wohnzimmer sind doch langweilig. Für mich war das nicht langweilig. Und wie das Buch und die Ausstellung dann erschienen sind, haben die Menschen plötzlich gesehen, wie viel in diesen Bildern zu entdecken war. Ich habe alle Gesellschaftsebenen fotografiert, von den Armen bis zu den Reichen. Dann habe ich den Menschen keine Anweisungen gegeben, wie sie sich präsentieren sollen, sodass sie wirklich authentisch waren. Spannend war auch, was an der Wand hängt, was als Erinnerung bewahrt wird. Das war die nächste Ebene. Dann kamen noch die Zitate dazu. Mir war als Fotografin von Anfang an wichtig, was die Menschen denken, neben dem Physischen hat mich der Geist des Menschen interessiert.

Mir kommt es so vor, dass Sie wie eine Allround-Journalistin arbeiten.

Koelbl: Ich bin keine Journalistin, sondern Fotokünstlerin.

Sie sprechen mit den Menschen, Sie führen Interviews, Sie fotografieren. Wenn Sie auf ein Thema anspringen, interessiert Sie viel mehr als nur die Oberfläche.

Koelbl: Ja, es ist immer dieses Mehr. Wenn ich an diesen großen Themen arbeite und in so langen Zeiträumen, ist es wichtig, konzeptionell zu denken. Das ist ein völlig anderer Zugang.

Wann wissen Sie, wann eine lange Serie zu Ende geht?

Koelbl: Meistens weiß ich es genau. Bei den „Haaren“ hatte ich schon vier Jahre daran gearbeitet und das Gefühl, dass es reicht. Innerlich wusste ich aber, dass es noch nicht ganz fertig ist. Dann habe ich eine Analyse gemacht. Das ist immer wichtig, den eigenen kalten Blick auf seine Arbeit zu haben. Und ich habe mir noch einmal ein Jahr gegeben. Es kamen noch vier, fünf Bilder dazu – und dann wusste ich, jetzt stimmt es.

Anfang der 1990er Jahre hat Sie als Fotografin dann auch die Macht interessiert?

Koelbl: 1991 habe ich begonnen und die Politiker acht Jahre lang begleitet. Dann ist das Buch im Jahr 1999 erschienen und die Ausstellung hat Angela Merkel dann im Haus der Kunst in München eröffnet. Gerhard Schröder habe ich allerdings 15 Jahre fotografiert, bis er nicht mehr Kanzler war, und Angela Merkel begleite ich immer noch mit der Kamera. Das war eine große spannende Arbeit, zu sehen, wie die Menschen sich verändern, wenn sie in die höchsten öffentlichen Positionen kommen und sich dort bewähren müssen. Physisch und psychisch ist dieser Job dermaßen anstrengend und hart. Man hat das an Obama gesehen, wie er mit großer Vitalität auf die Bühne sprang bei seiner ersten Vereidigung, wie das schon anders war bei der zweiten Vereidigung und jetzt sind seine Haare grau – in der kurzen Zeit.

Das haben Sie auch in Ihrer Serie beobachten können?

Koelbl: Natürlich. Die Macht stellt jeden vor eine große Anforderung. Psychisch und auch physisch. Politiker haben bis nachts um vier oder fünf Uhr Sitzungen und müssen um acht Uhr wieder da sein. In Wahlkampfzeiten sind sie rund um die Uhr unterwegs. Es gibt große Erwartungen, einen enormen Druck, viele Intrigen und sie müssen große Entscheidungen treffen.

Sie hatten ein gutes Gespür bei der Auswahl: Joschka Fischer, Gerhard Schröder, Angela Merkel. Aus allen ist in diesen Jahren etwas geworden.

Koelbl: Ich hatte mir schon gehofft, dass sie eine Zukunft haben. Wobei ich von Anfang an entschieden habe, auch dabei zu bleiben, wenn jemand die Macht verliert. Auch so eine Krise verändert die Menschen.

Wie offen sind die Politiker mit Ihnen umgegangen?

Koelbl: In meinem Buch sind Texte, in denen sich Politiker so offen geben wie vorher und nachher nicht mehr. Das lag auch daran, dass ich mich nicht für den offiziellen Politiker, sondern für den Menschen dahinter interessiert habe. Während ihrer Arbeit kommen sie so gut wie nicht zum Nachdenken. Als ich einmal im Jahr zum Interview und Fotografieren kam, war das ein Moment der Reflexion. Als ich einmal Angela Merkel gefragt habe, was sie dieses Jahr gelernt habe, sagte sie: „Fragen Sie mich lieber: Was habe ich verlernt?“

Sie haben als Autodidaktin in der Fotografie begonnen?

Koelbl: Ich habe sehr spät begonnen. Denn ich habe zuerst vier Kinder großgezogen. Doch hatte ich dann sofort das Gefühl, die Fotografie hat mich gefunden.

War Ihnen von Anfang an klar, wie Sie arbeiten wollen?

Koelbl: Ja. Ich musste auf der einen Seite Aufträge annehmen, also Geld verdienen. Ich habe das aber immer so gesehen, dass ich damit meine Projekte finanziere. Ich habe immer auf zwei Ebenen gearbeitet.

Als Sie angefangen haben, war die Fotografie analog, jetzt ist das Digitalzeitalter angebrochen. Wenn heute ein junger Fotograf an Sie herantritt und Sie um einen Tipp bitten würde, was würden Sie sagen?

Koelbl: Ich würde nicht über die Technik reden. Ich würde sagen: Fotografieren Sie das, was Sie fasziniert und innerlich bewegt. Machen Sie nicht nur ein paar Bilder, sondern erfassen Sie das Thema, lassen Sie sich auf das Thema ein und ergründen es. Und geben Sie sich nicht mit den ersten schönen Bildern zufrieden, sondern gehen in die Tiefe. Dann bekommt das Thema eine andere Qualität.

Frau Koelbl, zum Abschluss: Wie haben Sie das alles geschafft? Mutter von vier Kindern, Fotografie als Brotberuf, Fotografie als Kunstform, Serien über viele Jahre hinweg?

Koelbl: Leidenschaftlich und diszipliniert arbeiten und viel arbeiten. Das ist das Geheimnis.

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