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Welterbe-Titel

08.07.2019

Historiker Bernd Roeck: Augsburg ist eine Stadt von europäischem Rang

Der Augustusbrunnen aus der Luft.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Der Historiker erklärt im Interview, weshalb die Stadt den Unesco-Titel vollauf verdient. Und verrät, welche der Welterbe-Stätten besonders herausragen.

Herr Roeck, auch wenn Sie jetzt in Zürich leben: Freuen Sie sich als gebürtiger Augsburger über den Welterbe-Titel?

Bernd Roeck: Natürlich, ich bin ja immer noch Augsburger und Lokalpatriot. Ich habe zwar einen Schweizer Pass, doch das ist Papier. Ich bin Papierli-Schwyzer, aber Herzens-Augsburger.

Was macht Augsburgs Beziehung zum Wasser denn so besonders? Es gibt ja nun auch andere Städte, große wie kleine, die wie Augsburg entlang von Flüssen entstanden sind.

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Roeck: Das Besondere besteht sicher darin, dass wir hier eine technische Kontinuität haben, die vom ausgehenden Mittelalter bis in die Gegenwart reicht. Die Stadt hat seit jeher mit beispielloser Konsequenz für sauberes Trinkwasser gesorgt. Mit ihrer Wasserkunst haben die Augsburger schon in Reiseberichten der Frühen Neuzeit gepunktet. Neben dem Alten Einlass in die Stadt, den es heute leider nicht mehr gibt, hat man diese Kunst immer besichtigt und gestaunt über die technische Brillanz, die dahintersteckt.

Augsburgs Brunnenkonstrukteure galten damals europaweit als Experten. Das Wasser musste aus den deutlich tiefer gelegenen Flüssen Lech und Wertach erst mal in die Stadt gehoben werden. Eben diese Hebeanlagen sind jetzt zentraler Bestandteil des Welterbe-Komplexes.

Roeck: In der Frühen Neuzeit war jemand, der ein Pumpenwerk bauen konnte, weit angesehener als ein Künstler. Ja, man kann behaupten: Vermutlich war ein Wolfgang Neidhardt als Bronzegießer sozial höher bewertet als ein Bronzebildhauer wie Hans Reichle. Die technische Kunst war damals hoch angesehen. Leute, die Röhren oder Pumpen herstellten für die Wasserkunst, mussten ein enormes technische Wissen auf allen möglichen Gebieten haben, von Legierungen des Metalls angefangen bis hin zu physikalischen Eigenschaften des Wassers. Die Herstellung von Pumpen ist ein ganz wichtiger Schritt gewesen. Ein früher Schritt, der dann später wieder wichtig wurde mit der einsetzenden Industrialisierung - bauen Sie mal eine Dampfmaschine ohne das Wissen um Pumpen und Ventile! Dieses Wissen wurde im 16. und 17. Jahrhundert gelegt und hat in Augsburg auch noch später Früchte getragen.

Schon in der Frühen Neuzeit war man in der Stadt findig bei der Nutzung des Wassers. In der neu erbauten Stadtmetzg, die jetzt zu den Welterbe-Stätten gehört, ließ man einen Kanal offen unter dem Gebäude durchfließen zum Zweck der Kühlung und der Abwasserableitung.

Roeck: Das war, nach allem, was wir wissen, die Idee von Elias Holl. Als man die Stadtmetzg verlegt hat vom oberen Perlachberg an dessen Fuß, da war das zunächst einmal ästhetisch begründet: Man wollte für den Augustusbrunnen eine schönere Kulisse haben als eine stinkende Metzg, in der Fleisch und Gedärme verarbeitet wurden. Am neuen Standort unten am Perlachberg gab es den Vorteil, dass da Kanäle flossen - schon die Handwerkerviertel dort unten profitierten enorm davon, dass man Wasser hatte zum Betrieb von Mühlen und Hammerwerken. In der neuen Metzg konnte man jetzt die Fäkalien entsorgen und hatte zugleich Kühlung. Holl war ein ungemein praktisch orientierter Architekt, der genau wusste, für welche Zwecke er baute. Und da hat er das Wasser eben mitgenutzt.

"Festigkeit, Schönheit, Nutzen" - das waren die Richtlinien für Baumeister

Bei vielen dieser Bauten am Wasser und für das Wasser beeindruckt aber nicht nur die Funktionalität, sondern auch die Architektur. Das gilt für die Wassertürme am Roten Tor ebenso wie für einige Bauten aus der Hochzeit der Industrialisierung.

Roeck: Die Baumeister der Frühen Neuzeit hatten noch keine Idee von „Kunst am Bau“, wie sie heutzutage für öffentliche Gebäude gilt. Elias Holl hat sich zwar schon mal dafür gerühmt, dass er Verzierungen und kunstreiche Gesimse mauern könne. Entscheidend aber war die technische Seite. Aus Holls Schilderungen wissen wir, wie schwierig es etwa war, die Michaelsgruppe am Augsburger Zeughaus hochzuwuchten oder die Glocke auf den Perlachturm zu hieven. Und so war das auch bei den Nutzbauten. Immer gab es da eine Verbindung von Festigkeit - so lautete das alte architekturtheoretische Erfordernis - und Schönheit: firmitas und venustas, und natürlich utilitas, der Nutzen. Drei Kriterien, nach denen damals gebaut wurde.

"Augsburg ist eine Stadt von europäischer Kultur": Historiker Bernd Roeck.
Bild: P. Roeck

Da wäre aus der Vergangenheit zu lernen, wenn man sich die Rendite-orientierte Ästhetik vieler heutiger Zweckbauten ansieht.

Roeck: In Augsburg haben die Architekten der Nachkriegszeit fast so viel zerstört wie die Bomber der Alliierten. Ich sehe in der Stadt heute gewiß keine Architektur von Weltrang. Da muss man schon in die Renaissancezeit zurückgehen.

Auf alten Ansichten lässt sich sehen, wie prägend die Wasserwirtschaft mit ihren Türmen für das Stadtbild war. Würden Sie sagen, dass das Wasser auch heute noch bestimmend ist für das Bild, das Augsburg von sich abgibt?

Roeck: Ich fürchte, dass die meisten das Wasser gar nicht mehr als etwas Besonderes wahrnehmen. Wasser haben wir einfach, wir schätzen es nicht mehr so, wie wir es vielleicht sollten. Andererseits, als Augsburger kennt man die Kahnfahrt. Da lässt sich das Wasser romantisch genießen. Das wissen die Augsburger, die Touristen aber meist nicht.

Apropos, insgesamt sind 22 Stätten in und um Augsburg für die Welterbe-Bewerbung ausgewählt worden. Welche davon halten Sie für die eindrucksvollste, wohin würden Sie einen Fremden bevorzugt führen?

Roeck: An zweiter Stelle an die Wassertürme am Roten Tor - an erster Stelle zu den Brunnen. Die Serie an Prachtbrunnen ist einzigartig, dieser Dreiklang aus Augustusbrunnen, Merkurbrunnen und Herkulesbrunnen. Nicht mal in Italien findet man eine solche Sinfonie von Brunnenkunstwerken, ausgenommen vielleicht in Rom, aber die dortigen Brunnen stammen aus späterer Zeit. In Augsburg aber haben wir aus dem späten 16., frühen 17. Jahrhundert, aus einem Guss sozusagen, Brunnen von Meistern ersten Ranges wie Adriaen de Vries und Hubert Gerhard. Zusammen mit Hans Reichle waren das erstklassige Bronzebildhauer, und mit Recht wird das in allen Reisebeschreibungen als etwas Besonderes erwähnt.

Unesco-Welterbe: "Stadtsoziologisch gibt es in Augsburg Probleme"

Der Titel ist natürlich auch Verpflichtung, mit diesem Erbe schonend umzugehen. Wie ist das zu gewährleisten?

Roeck: Eine wichtige Sache ist die konsequente Verkehrsausdünnung im Zentrum. Den Weg dahin hat man ja beschritten, allerdings ein wenig halbherzig mit der ungelösten Parkplatzfrage für das Zentrum, wo man doch unter der Fuggerstraße längst eine Tiefgarage hätte bauen sollen. Was ich aber noch wichtiger finde, ist das Problem der Verödung der Innenstadt – gewiss kein spezifisches Augsburger Problem und sicherlich für jede Stadtpolitik eine schwer lösbare Aufgabe. Aber sich damit auseinanderzusetzen finde ich viel wichtiger als zu sagen, wir müssen jetzt die Brunnenfiguren ins Museum tun, was man in Augsburg eh schon getan hat: Die Leute staunen vor Abgüssen, ohne zu wissen, dass es sich gar nicht um die Originale handelt, die jetzt im Maximilianmuseum zu sehen sind. In Augsburg jedenfalls gibt es bei der Stadtverwaltung genug denkmalpflegerische Sensibilität dafür, wie wertvoll das alles ist. Stadtsoziologisch ist das Problem viel größer. In der Maximilianstraße hat man abends nur noch Kneipenbetrieb, ansonsten veröden die Häuser, und das gilt nicht nur für Augsburgs Prachtstraße, sondern für weite Teile der Innenstadt. Es ist auch bezeichnend, dass die Augsburger als besondere Stärke ihrer Stadt deren Geschichte hervorheben. Das klingt nicht sehr nach Zukunft.

Vielleicht strahlt der Welterbe-Titel auch auf anderes in Augsburg ab. Mit welchen Denkmälern aus seiner langen Geschichte könnte Augsburg denn über die Wasserkunst hinaus noch punkten?

Roeck: Das fängt an mit dem Dom und seinem ältesten farbigen Glasfensterzyklus der Welt und geht über Altstadt, Fuggerei und Kaisermeile bis hin zu den hervorragenden Museen. Was mir aber aus meinem Zürcher Abstand immer merkwürdig erschien, ist, wie wenig Leute eigentlich Augsburg kennen. Ab und zu mache ich in einer Vorlesung Umfragen, wer denn eigentlich schon mal in Augsburg gewesen ist, und dann heben sich drei, vier Hände. Ich sage dann, Leute, diese großartige Stadt müsst ihr mal kennenlernen. Ich habe mehrfach Führungen nach Augsburg gemacht, mit begeisterten Reaktionen – man staunt darüber, was für ein Renaissancewunder sich da erhebt. Vielleicht sollte die Stadt mal darüber nachdenken, wie man die Wahrnehmung verbessern und Augsburg als das verkaufen könnte, was es ist: Eine Stadt von europäischer Kultur und europäischem Rang.

Zur Person: Prof. Bernd Roeck, 65, stammt aus Augsburg. Der Historiker, Spezialist für das Zeitalter der Renaissance, war Lehrstuhlinhaber mehrerer Unis, zuletzt in Zürich.

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