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Interview

23.02.2021

Horst Rieck: "Ich habe immer versucht, Christiane F. zu helfen"

Die Schauspielerinnen Jana McKinnon (von links, als Christiane), Lea Drinda (Babsi) und Lena Urzendowsky (Stella) in einer Szene aus der neuen Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo".
Bild: Mike Kraus, dpa

Ohne Horst Rieck gäbe es das Phänomen Christiane F. nicht – weder das Buch noch den Film oder die aktuelle Serie. Hier erzählt Rieck, wie es zur Reportage kam.

Wie verlief Ihre erste Begegnung mit Christiane Felscherinow?

Horst Rieck: Das war im Amtsgericht Moabit. Damals hatte ich eine Geschichte über Kinderprostitution geschrieben, die bereits beim Stern vorlag und schon so gut wie gedruckt war. Ein Prozess gegen einen Geschäftsmann hatte begonnen, der in solche Fälle verstrickt war, und dabei trat Christiane als Zeugin auf. Sie saß im Flur mit ihrem Vater. Ich fragte, ob sie etwas über Kinderprostitution zu sagen hätte. Sie meinte: „Und ob“. Sie fuhr dann zurück nach Westdeutschland, wo ihre Mutter sie bei Verwandten untergebracht hatte, und ein, zwei Tage später telefonierten wir. Da sprudelte es nur so aus ihr heraus. Es war unglaublich, was sie zu erzählen hatte.

Hatten Sie ein Vorgefühl, welches Potenzial in ihrer Geschichte steckte?

Rieck: Ich hatte nie darüber nachgedacht, ob das so einen Sprengstoff in sich bergen konnte. Aber man muss sich vorstellen, dass man damals nichts wusste. Ab und zu gab es Meldungen von den Herointoten auf der Toilette, das war es. Ich hatte ja, wie gesagt, diese Geschichte über Kinderprostitution geschrieben, und die damalige Familiensenatorin Ilse Reichel-Koß wandte sich sofort an die Chefredaktion und meinte: „Kinderprostitution in der Kurfürstenstraße gibt es nicht.“ Die Behörden versuchten, das kleinzuhalten.

Doch wenn die Erzählungen von Christiane Felscherinow so unglaublich klangen – hatten Sie da keine Zweifel?

Rieck: Ich habe keinen Moment daran gezweifelt. Das hat sich auch im weiteren Verlauf der Gespräche bestätigt, als Kai Hermann und ich sie über Wochen interviewten. Ich habe auch mit Freunden aus ihrer Clique gesprochen. Von ihrer Freundin Stella habe ich mir eine normale Pension zeigen lassen, in die die Mädchen mit ihren Freiern gingen. Ich bin da mit ihr hinein, das war völlig problemlos.

Wieso hat sie sich so sehr Ihnen gegenüber geöffnet?

Rieck: Ich denke, sie hat gespürt, dass sie unverfänglich reden kann. Dass da niemand sitzt, der ihr Böses will. Das war von sehr großem Vertrauen gekennzeichnet. Es war schon ein besonderes Mädchen. Sie konnte sich an jedes Detail erinnern und es beschreiben. Ab und zu musste man nachfragen, um etwas zeitlich einordnen zu können. Aber ansonsten hat sie teilweise fast druckreif erzählt.

Und der Stern wusste, auf welchem Schatz er da saß?

Rieck: Die Chefredaktion wollte das gar nicht haben. Die fragten, ob wir das Blatt mit diesem Elend ruinieren wollten.

Wie erschien die Geschichte?

Rieck: Kai Hermann, der im Gegensatz zu mir fest angestellt war, hat das Manuskript Henri Nannen gegeben, der zwar nicht mehr aktiver Chefredakteur, aber als Herausgeber immer noch Gottvater war. Und Nannen sagte „Drucken!“

Zum Welterfolg wurde „Christiane F.“ aber erst durch die Buchveröffentlichung …

Rieck: Wobei das von großen Verlagen abgelehnt wurde. Manche meinten, man müsse ein Sachbuch mit wissenschaftlichen Statements daraus machen. Andere nannten es Kolportage. So kam es dazu, dass es im Stern-Buchverlag erschien, den es zu dem Zeitpunkt erst ein paar Jahre gab.

Sind Sie dadurch reich geworden?

Rieck: Das hängt von der Definition von ,Reichtum’ ab. Wir sind nicht schlecht bezahlt worden. Seinerzeit haben wir einen Verlagsvertrag zu den üblichen Konditionen abgeschlossen. Unser Honorar und die Tantiemen wurden und werden durch drei geteilt. Christiane hat als Co-Autorin und Mitinhaberin der Rechte den gleichen Anteil wie Kai Hermann und ich. Wobei sie sich nie für Geld interessiert hat.

Wie hat sie damals den Hype um ihre Person verkraftet?

Rieck: Wir haben Wert darauf gelegt, sie anonym zu halten. Das ist uns auch in den ersten Jahren gelungen. Sie hat nach dem Schulabschluss eine Buchhändlerlehre begonnen, die sie abgebrochen hat. Ein paar Jahre später hatte sie Kontakte zu einer Band. Sie hat sich dann geoutet, um denen mit ihrer Prominenz zu helfen. Bis dahin ist sie gut damit zurechtgekommen.

2013 erschien ja die Fortsetzung „Christiane F. – mein zweites Leben“. Warum waren Sie da nicht involviert?

Rieck: Es gab von Verlagen Interesse. Aber damals war sie wieder drogenabhängig. So wollte ich nicht mit ihr arbeiten. Insofern schied das für mich aus. Die Autorin, die das geschrieben hat, sah das offenbar anders. Wobei der Verlag Christiane Felscherinow Jahre lang nicht die vereinbarten Tantiemen gezahlt hat. Da musste erst ein Rechtsanwalt eingeschaltet werden.

Haben Sie zu Christiane Felscherinow noch Kontakt?

Rieck: Ja. Sporadisch, aber immer mal wieder. Das letzte Telefonat war Mitte Februar.

Wie geht es ihr?

Rieck: Ich bin nicht ihr Pressesprecher. Auf irgendeine Art und Weise hat sie es geschafft zu überleben, auch wenn es im Lauf der vielen Jahre sicher den ein oder anderen Rückfall gab.

Spüren Sie ihr gegenüber ein Fürsorgebedürfnis?

Rieck: Bedürfnis ist das falsche Wort. Ich fühle mich in irgendeiner Form zuständig. Ich kann das nicht abhaken. Und wollte es auch nicht abhaken. Das gilt bis heute.

Wenn Sie bei Ihnen vor der Tür stehen würde, dann würden Sie also helfen?

Rieck: Ich habe immer versucht, ihr zu helfen, was aber auch nicht immer gelungen ist. Was auch teils an ihrem Widerstand scheiterte.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Sie trotz allem überlebt hat?

Rieck: Ich denke, da muss Glück im Spiel gewesen sein. Natürlich spielt die Persönlichkeit eine gewisse Rolle. Sie ist eine unerschrockene, intelligente Frau. Aber eine plausible Erklärung habe ich nicht.

Gab es in Ihrer Karriere noch eine Reportage, die eine ähnlich intensive Wirkung auf Sie selbst hatte?

Rieck: In den 70ern kam ein Dokumentarregisseur auf mich zu, der etwas über russische Spätaussiedler machen wollte. So habe ich mich mit einer solchen Familie beschäftigt. Das hat mich sehr berührt. Denn die waren voller Hoffnungen, die sich alle zerschlagen haben, als sie hier waren. Das war eine düstere Geschichte. Aber mit Christiane lässt sich das nicht vergleichen. Wobei ich ihre Geschichte auch nicht als so düster empfunden habe. Wir haben viel zusammen gelacht.

Sie haben inzwischen fast die 80 erreicht. Arbeiten Sie noch an Reportagen?

Rieck: Ich kannte nie Ruhestand, aber mich juckt es nicht mehr so in den Fingern. Ich habe etwas im Auge, doch darüber rede ich jetzt nicht.

Verfolgen Sie, was im deutschen Journalismus passiert?

Rieck: Das kriegt man zwangsläufig mit. Ich lese Spiegel, FAZ und was online geschieht. Wenn man zum Beispiel hört, dass die Redaktionen von Gruner und Jahr zusammengelegt werden, und sich das immer dünner werdende Heft des Stern anschaut, ist das kein gutes Zeichen.

Wäre eine Reportage wie Christiane F. heute überhaupt noch möglich?

Rieck: Ich denke ja. Wenn man sich die dafür nötige Zeit nimmt, beziehungsweise nehmen kann.

Zur Person: Der Reporter Horst Rieck, 79, schrieb 1978 gemeinsam mit seinem Kollegen Kai Herrmann eine mehrteilige Reportage im Stern über Christiane F., die im Jahr darauf als Buch ein Welterfolg wurde. 1981 verfilmte Regisseur Uli Edel diesen Stoff.

Jetzt gibt es auf Amazon eine neue Adaption – als achtteilige Serie. Gleichzeitig ist die Audio-Dokumentation „Das Berlin der Kinder vom Bahnhof Zoo“ erschienen, knapp zehn Stunden lang und von Bibiana Beglau eingesprochen.

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