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Bildband „ÉTÉ“

10.12.2020

Hotelbauten in den Alpen: Ferienglück aus der Retorte

Wie Raumschiffe, die in der Bergwelt der Alpen gelandet sind, wirken die Hotelbauten französischer Wintersportorte. Hier ein Hotel in Puy-Saint-Vincent..
Bild: Olaf Unverzart/Sebastian Schels

Zwei Sommer lang haben Sebastian Schels und Oliver Unverzart Wintersportorte der französischen Alpen dokumentiert. Es sind erstaunliche Aufnahmen fern der Postkartenidylle.

Es gibt in diesem Bildband zwei, drei Aufnahmen, da könnte man auf den Gedanken kommen, Werner Herzogs Filmabenteurer Fitzcarraldo startet einen neuen Versuch. Diesmal nicht am Amazonas, wo der von Klaus Kinski gespielte Exzentriker einen alten Flussdampfer von Ureinwohnern über einen Bergrücken ziehen ließ, sondern in den französischen Alpen. Das Schiff aber sitzt bombenfest, und es kommt auch niemand auf die Idee, die Verankerung zu lösen. Es bringt dort oben ja Geld ein, zumindest im Winter, wenn hier in Puy-Saint-Vincent tausende von Skiurlaubern unterkommen.

Der Bauboom der 1950er bis 1970er Jahre prägte die französischen Winterorte

Der imposante Hoteltanker zählt zu den besonderen Hinguckern unter den Ferienresidenzen, die Olaf Unverzart (47) und Sebastian Schels (39) aufgenommen haben. Zwei Jahre lange waren die Münchner Fotografen in Wintersportorten zwischen dem Genfer See und Nizza unterwegs. Also da, wo es von den 1950er bis weit in die 1970er Jahre hinein einen unfassbaren Bauboom gab, angetrieben von steigendem Wohlstand, mehr Freizeit und gezielter staatlicher Förderung. Konkret heißt das, Sebastian Schels und Olaf Unverzart haben 32 Skiresorts in den Départements Haute-Savoie, Isère, Grenoble bis hinunter zu den meernahen Alpes-Maritimes besucht und noch Abstecher ins italienische Piemont oder ins Aostatal sowie ins schweizerische Wallis unternommen.

„Die Kilometer zählt man besser nicht“, sagt Unverzart, „und schon gar nicht die Zeit.“ Vor allem aber hatten die beiden immer ihre 4-x- 5-Großbildkameras dabei, Schels eine Linhof Technika, Unverzart eine Sinar. Man möchte ihre Ausrüstungen nicht schleppen, schon gar keine steilen Hänge hinauf. Aber Qualität hat ihren Preis und verlangt bis heute körperlichen Einsatz. Und Geduld. Dafür überzeugen die Fotografien durch die Konzentration aufs Wesentliche, durch eine unaufdringliche Schärfe, und sie geben das wieder, was man tatsächlich sieht – ohne extremes Weitwinkelobjektiv und sonstiges optisches Tuning. Old School sozusagen.

Hypermoderne Ferienkolonien in den den französischen Alpen

Das mag aufs Erste nicht so recht zu diesen einst hypermodernen Ferienkolonien passen, die den euphorischen Aufbruch in die Zukunft markieren und wie gigantische Raumschiffe mitten in der Natur gelandet sind. Manche ragen so weit über den Abhang, dass man gar nicht wissen will, wie viele Stahlträger in den Berg gerammt wurden, um den alten Architektentraum von der Auflösung jeder Schwerkraft zu erfüllen. Andere wieder wirken wie vergrößerte Spielplatz-Ritterburgen (Aime-La-Plagne) oder umfunktionierte Skischanzen (Les Arcs).

Aller Schwerkraft trotzen Bauten wie Les Arcs , das einer Skischanze gleicht.
Bild: Olaf Unverzart/Sebastian Schels

Im ganz großen Stil durften sich die Planer hier ausleben, vom Betonbrutalismus bis zur heimeligen Schindelverkleidung für ausladende Wohnanlagen ist alles dabei. Das Retortendorf Flaine in der Haute-Savoie hat Marcel Breuer, neben Charlotte Perriand der prominenteste unter den Architekten, Ende der 60er Jahre absolut urban mit Hochhauskomplexen, Kino und Ladenpassagen entworfen. An Öko dachte keiner, die Regeneration der bei Peugeot, Michelin oder sonst wo schuftenden Bevölkerung heiligte jede Sprengung. Und wer schön Urlaub macht, streikt nicht.

Mittlerweile sind viele der Bauten in die Jahre gekommen. Das fällt umso mehr auf, als nirgends Schnee liegt. Denn fotografiert wurde im Sommer – „ÉTÉ“ lautet der Buchtitel – da muss man die Menschen mit der Lupe suchen. Schnee hätte die Sicht aufs Wesentliche genommen, erklärt Unverzart. Schnee hätte sich aber auch freundlich um die Architektur geschmiegt. Schnee ist Zucker für die Augen.

Der Bildband „ÉTÉ“ bietet reichlich Stoff zum Grübeln

Heute mag man eher die Umweltsünden sehen, genauso die Vorboten des Klimawandels, doch beide Fotografen pflegen eine bewusst objektive Herangehensweise. „Wir wollten diese Orte mit ihren Ferienbauten möglichst genau festhalten“, betont Sebastian Schels, der auch sonst vornehmlich Architektur aufnimmt. Olaf Unverzart, der durch seine subtilen, vielfach ausgezeichneten Langzeitstudien bekannt wurde und viel in den Alpen fotografiert hat, kann freilich sein Faible für die Landschaft nicht verbergen. Dass man dennoch kaum zu unterscheiden vermag, welcher der beiden Fotografen auf den Auslöser gedrückt hat, gehört zum dokumentarischen Anspruch des Projekts.

Doch bei aller Neutralität liefert der Bildband von Schels und Unverzart natürlich guten Stoff zum Grübeln, auch über das Phänomen des Massentourismus, dessen französische Wintervariante der Architekturhistoriker Dietrich Erben im Essay zum Buch fabelhaft erläutert: von der Sehnsucht nach dem Schnee bis zum kreativen Übermut der neuen Alpenpioniere.

Schade nur, dass Erben kein einziges Wort über die visionäre Charlotte Perriand verliert. Im Skigebiet Les Arcs hat sie die Architektur sensibel in die Berglandschaft integriert und sich zugleich immer an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Von der offenen Küche bis zur Skischuhablage.

Sebastian Schels und Olaf Unverzart: „ÉTÉ“. Kettler Verlag, 184 Seiten, 49 Euro; zu beziehen über ete-book.com

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