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Ausfall der Festspiele

26.07.2020

In Bayreuth gibt es jetzt Bratwurst statt Rheingold

Bild: Rüdiger Heinze

Plus Diesmal gibt es keine Kritik zu den Richard-Wagner-Festspielen, sondern einen Lagebericht aus einer oberfränkischen Stadt, die sich Mühe gibt zu retten, was zu retten ist.

Also in Bayreuth gibt man sich wirklich Mühe. Jetzt, da das Ereignis ausfällt: Nur nicht ins Abseits geraten. Jetzt retten, was zu retten ist.

Die Festspielmusiker geben sich im Becherbräu volkstümlich

Das Richard-Wagner-Museum nimmt neben anderem Merchandising auch eine Mund-Nasen-Bedeckung aus 100 Prozent knitterfreiem Polyester à acht Euro ins Programm. Schutz für die Wagner-Gralshüter. Die Festspielmusiker wiederum, die sonst hinter der Szene den Festwiesenaufzug für die „Meistersinger“ schmettern und auf der Szene zum „Tannhäuser“-Sängerkrieg blasen, sie spielen nun volkstümliche böhmische Blasmusik zur Brotzeit im Becherbräu. Unerschütterlich. Auch vom Turm der Stadtteilkirche St. Georgen ertönen zum Auftakt der „Turmfestspiele“ hehre Klänge: Bundesweit angekündigt wird das 8-Uhr-Abendläuten durch das Brautlied aus „Lohengrin“ eingeleitet. Kennt mancher vom eigenen Ja-Wort vorm Altar.

Die Kulturbühne Reichshof mitten in der Fußgängerzone gräbt mit digitalem Sound sogar die Oper „Sonnenflammen“ vom Richard-Wagner-Filius Siegfried aus – eine leicht krude Story um einen fränkischen Kreuzritter im Byzanz des 13. Jahrhunderts. Leitmotiv des Werks: etliche erwogene, etliche ausgeführte Suizide. Eine harte Nuss für ansonsten arbeitslos gewordene Musikrezensenten.

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Christian Thielemann auf der Leinwand im Garten

Und auch Christian Thielemann ist mit seinem Porsche – Kennzeichen CT 4591 – angesaust gekommen, um am 25. Juli punkt 16 Uhr, also genau zur Stunde, da die Bayreuther Festspiele am Samstag hätten eröffnet werden sollen, aus Richard Wagners einstigem Bibliotheks- und Musizier-Salon in der Villa Wahnfried ein besetzungstechnisch übersichtliches Konzert mit 14 Instrumentalisten zu dirigieren. Es wurde für 400 Zuhörer hinaus auf Leinwände in den Villen-Garten übertragen. Vor dem Haus also das Publikum, hinter dem Haus der efeuumrankte Grabhügel des Meisters mit der blanken, namenlos-stummen Marmorplatte – während ein paar Meter weiter die letzten Ruhestätten seiner zwei treuen Neufundländer tatsächlich namentlich gekennzeichnet sind: Russ und Mark. Sie weilen jetzt im Hundehimmel, während ihre Wiedergänger jetzt, kurz nach 16 Uhr, eigentlich im Festspielhaus ihren Auftritt genau im Salon der Villa Wahnfried gehabt hätten – bei der klugen, traurig-komischen „Meistersinger“-Homestory-Inszenierung von Barrie Kosky. Gehabt hätten ja, wenn nicht – Allmächd! – diese Seuche übers Land gekommen wäre.

Christian Thielemann aber hebt an und lässt wirklich schön, wirklich einfühlsam das „Siegfried-Idyll“ erklingen und zusammen mit der Sopranistin Camilla Nylund auch Wagners leicht schwüle Wesendonck-Lieder.

Allmächd! Die Seuche macht auch vor Richard Wagner nicht halt. An diesem Samstag wären die Bayreuther Festspiele eröffnet worden.
Bild: Rüdiger Heinze

Eine superbe Degustationsfolge – während ansonsten in der Stadt bei einem Hochamt der „Tag der fränkischen Bratwurst“ samt geschmacklicher Bewertung begangen wird. Der Franke lässt sich da nicht lumpen. Eine geht immer noch. Aus Bayreuth selbst nehmen am Brodwerscht-Wettstreit die Metzgereien Lindner, Schmauß und Parzen teil. 2020 also gilt im Grunde: böhmische Blasmusik statt Meistersinger, Bratwurst statt Rheingold. Während Thielemann peinlich darüber wacht, dass die Wesendonck-Lieder mehr erotisch reizen als sexuell anzüglich ertönen, wird anderswo die beigegebene Majoran-Prise prüfend auf der Zunge gewogen. So hat jeder seine verantwortungsvolle Aufgabe im fränkischen Paralleluniversum.

Kein Thomas Gottschalk mit neuer Flamme

Also in Bayreuth gibt man sich wirklich Mühe. Folglich: Heute mal keine Kritik, keine garstige, keine überschwängliche. Aber natürlich sorgt die Mühe dennoch nicht für den versammelten üblichen Festspiel-Glanz und für die übliche Festspiel-Gloria von Thurn und Taxis, nicht für die Physikerin Angela M. und den Chemiker Joachim S. aus Berlin-Mitte, nicht für den Gottschalk Thomas mit neuer Flamme. Kein roter Teppich, kein Polizei-Aufgebot zu Pferd und Hubschrauber, keine öffentliche Erregung hernach über gerade noch mal gut gegangene oder vermasselte künstlerische Leistungen, kein Staatsempfang von Söders Gnaden. Es platzt einfach nichts aus den Nähten auf dem Grünen Hügel. Aber auf jener Terrasse der Restauration Steigenberger, wo Angela M. so gerne in den einstündigen Pausen zwischen den Aufzügen speist, da sprießt tatsächlich das Unkraut in den Ritzen zwischen den Platten. Immerhin gibt es zur schwer erkrankten Intendantin Katharina Wagner gute Kunde: Ab Herbst will sie wieder ihres Amtes walten.

Ausfall der Festspiele, Ausfall beziehungsweise Verschiebung einer kompletten „Ring des Nibelungen“-Produktion: Das hat natürlich Konsequenzen, direkt und indirekt. Für die Festspiele bedeutet es einen Einnahmeverlust von 15 Millionen Euro, wie der eine Geschäftsführer Holger von Berg erklärt – dieses Jahr noch zu verschmerzen als Nullsummenspiel, weil bei öffentlicher Förderung auch weniger Kosten anfallen, für nächstes Jahr aber – bei Wiederholung – wäre dasselbe eine Katastrophe.

Für das Bayreuther Gastgewerbe aber wird es 2020 schon herb. 20 Prozent der 440.000 Übernachtungen eines Jahres, so rechnet es der Touristenbüro-Pressesprecher am Telefon vor, entfielen in Bayreuth auf Juli und August. Und allein 60.000 Übernachtungen fehlten in Privatunterkünften wegen der ausbleibenden Festspielkünstler. Vielleicht sieht man in Krisenzeiten am Besten, was bei Kulturveranstaltungen das Wörtchen Umwegrentabilität bedeutet.

Und 2021, wenn tatsächlich zum ersten Mal eine Dirigentin im Festspielhaus ans Pult gelassen werden soll – Name noch geheim –, wie wird das dann werden? Heinz-Dieter Sense, 81, der andere Festspiel-Geschäftsführer in Vertretung von Katharina Wagner, gibt sich höchstgradig optimistisch. „Ich rechne damit, dass wir im nächsten Jahr wieder normale Festspiele haben.“ Das Problem durch die eng aufeinander hockenden Orchestermusiker werde sich nicht mehr stellen.

Toll! Oder kühn? Oder beides? Sein Wort jedenfalls in Richies Ohr.

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