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Premiere

09.08.2017

In Salzburg wird „Wozzeck“ zum monumentalen Bild

Regie : WILLIAM KENTRIDGE ; CO-Regieb: Luc De Wit BÌhne : Sabine Theunissen ; KostÌme : Greta Goiris ; Video Compositor & Editor : Catherine Meyburgh Licht : Urs Schönebaum ; Video Operator : Kim Gunnings
Bild: stefan.dosch@augsburger-allgemei

Der international renommierte Künstler William Kentridge inszeniert Alban Bergs Oper eindrucksvoll als Muster-Katastrophe der Menschheit

Franz ist „hirnwütig“. Der Soldat hat Visionen, dass er medizinischen Beistand bräuchte. Er halluziniert, er hört Stimmen und er ahnt die böse Zukunft. Doch der Arzt, der versuchen sollte, ihm zu helfen, hält ihn gegen Billiglohn als ein Versuchskaninchen – was ja auch eine Metapher sein kann für das Verheizen von Mannschaftsrängen im Kriegsgefecht.

Auch Alban Berg war, bald nachdem er seine „Wozzeck“-Oper begonnen hatte, Soldat. Soldat des Ersten Weltkriegs, wenn auch in ministerieller Schreibstube. Glück gehabt. Und doch schrieb er 1918 über den Wozzeck an seine Frau: „Steckt doch auch ein Stück von mir in seiner Figur, seit ich ebenso abhängig von verhaßten Menschen, gebunden, kränklich, unfrei, resigniert, ja gedemütigt, diese Kriegsjahre verbringe. Ohne diesen Militärdienst wäre ich gesund wie früher.“

Dieses Bekenntnis ist ein Schlüssel für das, was sich am Dienstag bei den Salzburger Festspielen als Premiere (vor Übernahmen unter anderem an die Met New York und das Opernhaus Toronto) ereignete: William Kentridge, der international renommierte Bildende Künstler, mehrfacher Documenta-Teilnehmer, hochdekoriert beispielsweise mit dem Kaiserring Goslar und dem Kyoto-Preis, hatte Bergs „Wozzeck“ apokalyptisch inszeniert – als Individual-Katastrophe infolge der Menschheitskatastrophe des Ersten Weltkriegs.

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Wer das Œuvre des 1955 in Johannesburg geborenen Kentridge kennt, der weiß, dass Büchners frühes Sozialdrama „Wozzeck“ gerade ihm entgegenkommen muss – ihm, der ein Leben lang auf Kolonialismus, Apartheid, sprich Unterdrückung und Entrechtung, künstlerisch reagierte. Manches davon ist gerade auch im Salzburger Museum der Moderne auf dem Mönchsberg und im Rupertinum der Altstadt erhellend zu studieren: etwa Kentridges Documenta-Installation „The Refusal of Time“ (2012), eine Filmanimation über die Zeit als Mittel von Herrschaftsausübung; oder das tief beeindruckende Multi-Kanal-Video „Spiel süßer Tod“ (2016), quasi ein mitteleuropäischer Totentanz auf acht Leinwänden, doch so merkwürdig kintopp-fröhlich wie sarkastisch die schwarze Bevölkerung Südafrikas betreffend.

Regisseur Kentridge verknüpft die unterschiedlichsten Genres der Kunst

Und als Totentanz, Endzeitstück hat Kentridge nun auch den „Wozzeck“ bildmächtig in Szene gesetzt. Der Plot war ihm bekannt, hat er Büchner doch in Bearbeitung schon 1992 in Johannesburg als erste eigene Regiearbeit und als Puppenspiel herausgebracht. Später folgten für ihn große Musiktheaterproduktionen, Monteverdis „Il ritorno d’Ulisse“ in Wien, Schostakowitschs „Nase“ und Bergs „Lulu“ an der Met New York. Mit all dem scheint Kentridge noch im fortgeschrittenen Alter ein Mann der Zukunft zu sein, da sich in den Environments des gelernten Theatermanns und Bildenden Künstlers verbinden: Oper und Schauspiel, Literatur und Musik, Zeichnung und Bildhauerei, Film und Installation.

Auch der „Wozzeck“ nun ist ein solches Gesamtkunstwerk, in dem die Medien sich verbinden: Ein Kriegstrümmerfeld erhebt sich in Tiefenstaffelung und mehreren Etagen auf der Bühne, labyrinthhaft und vexierbildartig durchdringen sich Spielinseln und Projektionsflächen für Film, (Schattenriss-)Animation und Standbild. Wozzeck rasiert in der ersten Szene den Hauptmann nicht, sondern wirft verhetzt einen Filmprojektor für ihn an. Und damit geht der Abend in seinen entscheidenden Momenten weit über jede bloß angewandte Bühnenbild-Kunst hinaus. Kentridge erschafft sich aus Weltkriegsdokumenten, Untergangsmenetekeln und Kohlezeichnungen einen eigenen geballten Bild-Kosmos in Schwarz-Weiß. Kongenial stellt er der Hellhörigkeit Bergs und den Halluzinationen Wozzecks seine eigenen apokalyptischen Visionen zur Seite. Der pausenlose Abend mit seinen 15 schlaglichtartigen Szenen gerät zum Sog – und zu einem lakonisch-fatalistischen Muster in der Menschheitsgeschichte. Nach dem „Titus“ die zweite tief beeindruckende Produktion der Sommerfestspiele.

Und das auch in musikalischer Hinsicht, weil hier der komponierte Mitleidsappell Bergs hochexpressiv zugespitzt wurde – von den Wiener Philharmonikern unter Vladimir Jurowski ebenso wie von den Vokalsolisten, unter denen Matthias Goerne in der Titelrolle herausragte: Sein profunder Bariton vollzieht nach, wie ein an sich gutmütiger Mensch in die Verzweiflung getrieben wird. Als armes Mensch hat auch Marie, die Asmik Grigorian als Mädchen-Frau so beschützerinstinktweckend wie selbstbestimmt anlegte, keine wirkliche Chance im Leben. Und Gerhard Siegl aus Augsburg sang den Hauptmann mit großartig-fokussiertem metallischem Strahl. Auch er: so gefeiert wie William Kentridge.

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