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Kunst-Biennale

10.05.2019

In Venedig erreicht die Katastrophe die Kunst

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4 Bilder
Christoph Büchels Schiffswrack, auf dem sich eine Flüchtlingskatastrophe ereignet hatte.
Bild: Tiziana Fabi, afp

Was sich bei der 58. Weltkunstausstellung in der Lagunenstadt anzuschauen lohnt.

Ein Schiffswrack steht in den venezianischen Arsenale, aufgebockt. Der rostige Rumpf ist aufgerissen. Es sank nach einer Kollision 2015 zwischen Libyen und Lampedusa, Hunderte von afrikanischen Flüchtlingen in die Tiefe reißend. Das Unglück war das schwerste im Mittelmeer seit Menschengedenken. Doch jetzt ist das Wrack ein Teil der Biennale 2019, dieser bedeutenden Ausstellung zeitgenössischer Kunst neben der Documenta in Kassel.

Ein Dokument, ein Denk- und Mahnmal? Ja. Gar „Kunst“? Nein. Auch wenn ein Künstler an der Überführung des 2016 gehobenen Wracks nach Venedig beteiligt war: Christoph Büchel, geborener Schweizer, der 2017 in Venedig eine aufgegebene katholische Kirche in eine funktionstüchtige Moschee umoperiert hatte.

Mit dem Wrack sind wir ins Herz dieser heute startenden 58. Ausgabe der Biennale Venedig gestoßen, die an ihren entscheidenden Stellen nahtlos weiterführt, was ihre Vorgängerin 2017 und im selben Jahr die Documenta auch in Folge von weltweit Asylsuchenden in Spannung versetzt hatte. Denken wir nur an den ungeliebten Obelisken in Kassel mit seiner Bibelmahnung; oder an das Arsenale-Häusschen, wo sich jeder einen neuen, zusätzlichen Pass eines eben neugegründeten Staats zulegen konnte.

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Der Zustand der Welt ist bedenklich

Warum sollte auch alles anders sein als 2017? Der CO2-Ausstoß steigt international weiter an; die Migrationszahlen werden es aufgrund des Klimawandels ebenso tun; neue Mauern sind geplant; die Verwüstungen durch Müll, Bauruinen, Verslumung schreiten fort. Und das spiegelt sich nun eben maßstäblich in der Kunst. Nicht nur in der von Ralph Rugoff kuratierten Hauptausstellung der Biennale, sondern auch in den 90 Länderpavillons, vor allem im deutschen, wo Natascha Sadr Hagighian einen Schutzwall errichten ließ. Davon später.

Rugoff, Direktor der Londoner Hayward Gallery, hat 79 junge, mehrheitlich weniger bekannte Künstler eingeladen, darunter viele Asiaten und Afrikaner und mehr Frauen als Männer (nur um mal in die Statistik zu schauen). Sie alle sind doppelt vertreten, indem sich ihre jeweiligen Arbeiten aufteilen auf zwei Stationen der Schau: Ausstellungspalast und Giardini. Unter dem Titel „Mögest du in interessanten Zeiten leben“ sind diese 79 Künstler also zweimal zu studieren, und kein geringer Reiz besteht darin, nach dem Besuch einer Station dann in der zweiten „Handschriften“, Prinzipien, künstlerische Konzepte wiederzuerkennen – wenn nicht gerade große, eingeführte Namen der Szene schnell identifizierbar sind: etwa George Condo, Rosemarie Trockel, Dan Vo, Ed Atkins, Jimmie Durham, Julie Mehretu. Condo und Mehretu sind hervorstechend in ihren neuen Malereien, die menschliche Desorientierung zum Thema haben. Bejahendes und Genießerisches der Kunst ließ Rugoff kaum zu, und so kann seine Schau in die – nicht selten unterbrochene – Reihe von ernsthaft provozierenden Biennalen einsortiert werden. Mit mehr Skulptur und Malerei statt Video beruhigt sie weder inhaltlich noch ästhetisch.

  • Beispiel 1. Ein Maschinenroboter, klar Marke Kuka, steht im Ausstellungspalast, gut abgeschirmt hinter Panzerglas. Man sollte ihm auch nicht zu nahe kommen; er gebärdet sich wie ein unberechenbar- aggressives Urtier. Seine Aufgabe: eine blutrote Flüssigkeit zusammenzuwischen, die sich aber immer wieder neu verströmt und durch die maschinelle Hektik neu verspritzt. Sun Yuan und Peng Yu aus China haben das Monstrum programmiert; es arbeitet so faszinierend schnell wie erschreckend bei sinnfreier Aufgabe.
  • Beispiel 2. Die Deutsche Alexandra Bircken choreographiert in den Arsenale unter dem Titel „Eskalation“ eine apokalyptische Situation: 40 schwarze Latex-Figuren sind offenbar bei ihrem Versuch, über Leitern nach oben ins Dachgebälk zu steigen, vom Tod ereilt worden. Und nun hängen sie schlaff herab. Menschlicher Kraft, menschlichem Willen sind Grenzen gesetzt.
  • Beispiel 3. Die Japanerin Mari Katayan, die mit einer schweren Körperdeformation auf die Welt kam und der im Kindheitsalter schon die Unterschenkel amputiert wurden, begibt sich als Frau, leicht bekleidet, in angedeutet erotische Foto-Positionen. Das verstört, weil wir intus haben, dies sei ein Widerspruch.
  • Beispiel 4. Michael Armitage malt in Öl laute Straßenszenen voller Unsicherheit, Chaos, demonstrativer politischer Gewalt aus seinem Geburtsland Kenia.
  • Beispiel 5. Teresa Margolles aus Mexiko ließ in ihrer Heimat eine Mauer mit Stacheldraht zum Schüler-Schutz vor Gewalt und Drogen abtragen und auf der Berlinale wieder errichten. Sie zeigt vielfach Einschusslöcher. Da sind wir wieder – wie in Sachen Schiffswrack – beim Mahnmal.

Was aber lohnt bei den Länderpavillons? Frankreich dürfte dieses Jahr durchmarschieren in den engsten Kreis der „Löwen“-Kandidaten. Laure Prouvost beginnt ihre Rauminstallation mit angespültem Strand-Unrat: Plastik, Spraydosen, Handys zwischen Tang, glasiges Meeresgetier, Augäpfel. Und in einem 20-minütigem Film voller harter, schneller, blendender Schnitte inszeniert sie einen surrealen Road- und Seatrip von Paris nach Venedig – inklusive Ekel und Horror. Das sitzt und hat als Initiation auch scharfen Humor. Prouvost ist mit ihrem Publikum in der Lagune angekommen.

Liebe, Sexualität, Abwehr und Gewalt

Empfehlung auch für den österreichischen Pavillon mit Renate Bertlmann, einer Seelenverwandten von Elfriede Jelinek, Valie Export und Rebecca Horn. Liebe und Sexualität stehen bei ihr stets im Kontext mit Abwehr und Gewalt – was unter anderem Hunderte von Rosen mit aufgestellten Messerklingen in der Blüte illustrieren.

Und der deutsche Pavillon? Am Mittwochvormittag trat er zu einer deutschen Pressekonferenz im Rahmen der Biennale 2019 wieder auf, dieser Pappmaché-Kopf, der wie aus Stein ausschaut und unter dem sich mutmaßlich Natascha Süder-Happelmann verbirgt. Beziehungsweise – da dies ja ein Kunstname ist – Natascha Sadr-Haghighian, die irgendwann zwischen 1953 und 1987 irgendwo zwischen Australien und Großbritannien geboren wurde. Sadr-Haghighian pflegt als Bremer Hochschulprofessorin für Skulptur das Verwirr- und Versteckspiel, weil ja in der Kunst das Werk zählen sollte und nicht der Künstlername samt dazugehöriger Biographie. Da hat sie recht.

Und seit Mittwoch ist nun auch ’raus, was sie als bestellte Künstlerin für den Deutschen Pavillon auf der Biennale ersonnen hat: Erstens den Titel „Ankersentrum“ statt Ankerzentrum (weil Haghighian gerne auch mit Worten und Klängen spielt). Und zweitens die Skulptur einer enorm hohen gewölbten Staumauer wie aus Beton, bei der aus einem kleinen Ablass eine dunkle Brühe zu sickern scheint, die sich dann zwischen Felsbrocken im Pavillon verliert.

Ankerzentrum – Staumauer: Da liegt die Assoziation zum Unwort „Flüchtlingsflut“ nicht weit. Und Sadr-Haghighian, die obendrein auch noch die Uneindeutigkeit liebt, würde dem genauso wenig widersprechen wie dem Gedanken an eine Großansammlung von flüssigem Kapital.

Aber wie sieht es hinter der Mauer aus? Stahlstangen stützen sie eher provisorisch. Untertitel der Arbeit: „Überleben in ruinösem Ruin“. Und es ertönt aus zig Lautsprechern ein auf Trillerpfeifenklang basierender Sound. In Trillerpfeifen aber wird von Flüchtlingen dann geblasen, wenn sie andere Flüchtlinge in Ankerzentren vor Polizeirazzien warnen wollen.

Vielleicht ist diese Staumauerklangskulptur denn doch eine zu deutliche Metapher für weltweit gerade noch haltende Dämme, die jederzeit brechen können, als dass das Biennale-Publikum vor und hinter ihr genauso gepackt verweilen und gebannt ausharren würde wie vor zwei Jahren bei der ausgezeichneten Performance „Faust“ von Anne Imhof.

  • Die Ausstellung läuft bis zum 24. November. Sie ist außer Montag täglich zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet.
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