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Literatur

18.11.2017

In der Gedankenspirale

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Wie ist es, wenn man mit Angstzuständen und Panikattacken lebt? Der amerikanische Jugendbuchautor John Green erzählt davon in seinem neuen Buch „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“. Er weiß, wovon er schreibt

Dieses Gefühl der Fremdbestimmung, diese Unsicherheit darüber, wer man eigentlich ist – nichts Ungewöhnliches bei 16-jährigen Jugendlichen, die auf der Suche nach der eigenen Persönlichkeit sind. Bei Aza Holmes liegt der Fall ein wenig komplizierter. Das Mädchen leidet unter einer psychischen Zwangsstörung, macht sich ständig Gedanken um all die Bakterien und Bazillen, die ihren Körper besiedeln, und denkt sogar, wenn sie einen Jungen küsst, daran, dass gerade etwa 80 Millionen Mikroben Besitz von ihrem Körper ergreifen. Wer ist man eigentlich, wenn man zur Hälfte aus fremden Organismen besteht oder das eigene Handeln durch die Einnahme von Medikamenten gesteuert wird, fragt sich das Mädchen. Und schon ist sie in einer Gedankenspirale, aus der sie nicht mehr herausfindet und deren äußeres Zeichen eine Wunde am Finger ist, die sie immer wieder aufkratzt.

Aza ist die Hauptfigur in John Greens neuem Jugendbuch „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“. Nicht erst seit dem phänomenalen Erfolg des Krebsdramas „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ zählt der Amerikaner zu den Top-Autoren der Jugendliteratur. Das Time Magazine wählte ihn zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten – seiner Bücher wegen, aber auch wegen seiner digitalen Präsenz. Zusammen mit seinem Bruder Hank betreibt Green einen Videoblog auf You–tube, in dem sich die beiden austauschen. Auf Twitter folgen dem Autor mittlerweile über fünf Millionen Menschen, die Verkaufszahlen seiner Bücher befinden sich im zweistelligen Millionenbereich. Kaum einer schreibt so intensiv und ernsthaft über Heranwachsende; darüber, wie sie lieben, leben und fühlen und wie sie ihren Platz suchen in dieser Welt, auch wenn es ihnen nicht leicht gemacht wird. So wie die beiden krebskranken Teenager in „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, die den Tod vor Augen ihre erste und einzige Liebe erleben. Die Mischung aus lockerem, humorvollem und lakonischem Ton und tief berührender Sprache, die große Gefühle in selbstverständliche Worte fasst, begeisterte auch erwachsene Leser. Monatelang war das Buch in den internationalen Bestsellerlisten und wurde dann nahezu ebenso erfolgreich verfilmt.

Die Erwartungshaltung an den „neuen Green“ war also gewaltig, und man kann sich vorstellen, dass auch der Schatten des Bestsellers dafür verantwortlich war, dass in den vergangenen fünf Jahren nichts anderes von dem Schriftsteller zu lesen war als viele Empfehlungssätze für die Bücher anderer Autoren, die werbewirksam auf Cover gedruckt wurden.

Im neuen Buch ist nun im Nachwort zu erfahren, dass Green allerdings auch mit einem ganz anderen Druck fertigwerden muss. Wie seine Romanheldin Aza hat er psychische Probleme, kennt er diesen Strudel negativer Gedanken, der einen mit sich reißt. Und so gelingt es ihm, authentisch und einfühlsam zu beschreiben, wie sich ein Leben mit Angstzuständen anfühlt, ohne seine Heldin dabei zu romantisieren. „Du hast keine Sinne und keine Gestalt – du hast das Gefühl, du kannst nur beschreiben, was du bist, indem du beschreibst, was du nicht bist, und du schwebst unkontrolliert in einem Körper herum. Du kannst nicht entscheiden, wen du magst oder wo du lebst oder wann du isst oder wovor du Angst hast. Du bist vollkommen allein in dieser Dunkelheit.“

Daneben erzählt Green eine aberwitzige Geschichte um das Verschwinden eines spleenigen Milliardärs, der sein ganzes Vermögen einer seltenen Echse vermacht hat. Zur Aufklärung des Falls wird eine hohe Belohnung ausgesetzt und Aza und ihre beste Freundin Daisy versuchen, das Mysterium aufzuklären. Daisy ist eine dieser typischen Green-Figuren, verschroben, schlagfertig und aufgekratzt, dabei aber ein fester Anker für Azas haltlose Seele. Sie schreibt „Star Wars“-Fanfiction und braucht die Belohnung dringend, um die Universität zu besuchen. Da ist es ihr nur zu recht, dass Aza Davis den Sohn des verschwundenen Milliardärs kennt und Ermittlungen im unmittelbaren Umfeld anstellen kann. Die beiden Jugendlichen verlieben sich ineinander und damit gerät Aza in eine tiefe Krise, weil sie Nähe und Berührung nicht zulassen kann. Wirklich gut kann diese Geschichte nicht ausgehen, aber bemerkenswert ist, wie Green daraus zu einem Ende voll Zuversicht und Hoffnung findet.

John Green: Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken. Hanser, 285 Seiten, 20 Euro – ab 14

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