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Interview
22.09.2021

Die Ärzte: "Die Menschheit kommt nicht aus Brandenburg"

Die Ärzte 2021 von links: Jan Vetter alias Farin Urlaub (57), Dirk Felsenheimer alias Bela B (58), Rod alias Rodrigo González (53). Ihr neues Album „Dunkel“ erscheint am Freitag.
Foto: Jörg Steinmetz

Nicht mal ein Jahr nach "Hell" veröffentlichen die Ärzte schon wieder ein Album: "Dunkel". Das Gespräch ist wie immer launig – aber dann auch ziemlich politisch.

„Dunkel“ ist das zweite Ärzte-Album innerhalb von elf Monaten. Hat sich Ihre wiedergewonnene Kreativität auf die Chemie in der Band ausgewirkt?

Farin Urlaub: Es ist heute für uns einfacher als früher, als noch mehr Ego mit drin war. Das einzelne Lied war wichtiger, und man musste viel mehr kämpfen. Jetzt ist es so: Wenn euch diese Fünf nicht gefallen, habe ich hier noch acht andere!

Bela B: Mit acht Mediatoren und acht Anwälten läuft alles wie geschmiert. Das war ein Witz! Mir sind aber inzwischen wirklich viele Bands bekannt, die mit Mediatoren arbeiten.

Ist der Erfolg daran schuld?

Bela: Irgendwann fängt die Außenwahrnehmung an, das Schicksal einer Band zu beeinflussen. Dann stellt sich heraus, dass einer in der Gruppe vielleicht talentierter ist als die anderen. Ein anderer ist vielleicht schöner, beliebter oder schlauer. Es gibt Unterschiede, die nicht als Stärke, sondern als konträr wahrgenommen werden. Es gab auch bei uns Ups und Downs, nach dem Album „auch“ war die Situation schon einmal schwer. Aber wir sind da immer wieder rausgekommen und haben großartige Platten gemacht.

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Rod: Im Gegensatz zu anderen Bands haben wir voneinander Pausen gemacht. Viele Gruppen hängen in einem Kreislauf drin, bei dem sie alle zwei Jahre ein Album rausbringen und auf Tour gehen müssen.

Farin: Wir haben jetzt zwei Alben ziemlich aus dem Ärmel geschüttelt. Ein gutes Gefühl. Auch beim Zweiten konnten wir aus dem Vollen schöpfen.

Hilft Kreativität gegen den Corona-Blues?

Farin: Total!

Sie singen, Menschen seien für Menschen nicht gemacht – klingt ziemlich sarkastisch. Sind Sie desillusioniert?

Bela: Die größte Gefahr geht tatsächlich von uns Menschen aus.

Farin: Ich mache manchmal richtig wilde Reisen, zum Beispiel nach Afrika. Wenn ich dann gefragt werde, ob ich keine Angst vor den Tieren hätte, sage ich immer: „Vor den Tieren muss ich keine Angst haben. Der Löwe will nichts von mir. Vor den Menschen habe ich Angst!“

Bela: Ein Wolf greift von alleine nicht an. Menschen sind die schlimmsten Feinde der Menschen und der Tiere.

Farin: Wir drei sind natürlich anders! Diese Altersweisheit zieht sich wie ein roter Faden durch die Bandgeschichte. Unser Comeback haben wir eingeleitet mit den Worten: Los komm, wir sterben endlich aus!

Hoffen Sie mit Frotzeleien wie „Nazis sind doof, da helfen keine Pillen“ dazu beitragen zu können, dass rechtsradikales Gedankengut ausstirbt?

Bela: Das ist mein Versuch, über Jugendsprache an die Kids ranzukommen. Ich vermute, es wird nicht funktionieren, denn ich bin etwas spät dran.

Farin: Also, wir wussten sofort, was er meint.

Bela: Die Grundidee einer Herrenrasse ist hirnverbrannt und dumm. Entwicklung findet immer durch Vermischung statt. In den 1980er Jahren kannte ich zwei schwarze Nazi-Skinheads. Auch in Israel gibt es Nazis. Das ist wie bei einem Heroinsüchtigen: Er wird nur von dem Stoff runtergehen, wenn es freiwillig ist.

Farin: Der große Genforscher Cavalli-Sforza hat zweifelsfrei bewiesen, dass die gesamte Menschheit einen afrikanischen Ursprung hat. Sie kommt nicht aus Brandenburg!

Das Bundesland Brandenburg hat 226 Abiturient:innen mit der Bestnote 1,0 speziell geehrt. Auf der Urkunde ein Zitat von Farin Urlaub: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist. Es wäre nur deine Schuld, wenn sie so bleibt“. Haben Sie also alles richtig gemacht?

Farin: Die haben sich wahrscheinlich gefragt: Was soll denn das? Ist doch schön, wenn der kategorische Imperativ auf den Zeugnissen landet. Auch wenn er von mir vereinfacht und umformuliert wurde. Alles richtig gemacht, ja.

Bela: Wir leben im Land von Goethe, Schiller, den Ärzten und Farin Urlaub!

Wie sahen Ihre Abi-Noten denn aus?

Bela: Ich habe als Einziger in der Band kein Abitur. Ich war in einem Versuchsding namens Gesamtschule. Unsere Stufe ging nur bis zur zehnten Klasse. Das Projekt war so ausgedacht, dass die schwächeren Schüler von den besseren mitgezogen werden. Erwartungsgemäß war es umgekehrt! Du musstest dich gut stellen mit den Schlägern. Auf der Schule habe ich meinen ersten Neonazi kennengelernt.

Und den haben Sie dann vermöbelt?

Bela: Nee, der war nicht besonders stark. Ich habe mit ihm eher diskutieren wollen. Er hat mir mit „Rotfront verrecke!“ geantwortet. Meine Worte waren verschenkt.

Können Sie sich mit 18-Jährigen von heute identifizieren?

Farin: Modisch gibt es da viele Berührungspunkte!

Bela: Ich sehe Parallelen, wenn Kids auf einer Parkbank sitzen, Musik über ihr Handy hören und mit geballter Faust Zeilen mitsingen. Deren Musik tangiert mich zwar relativ selten, aber wie gesagt: Autotune ist eine Erfindung im Sinne des Punk. Damals hat man aus drei Akkorden seinen eigenen Sound gemacht. Autotune ist ja noch einfacher, da musst du nicht mal einen Ton treffen.

Das Album klingt aus mit einem Loblied auf die Demokratie. Haben Sie das Gefühl, die Herrschaft des Volkes verteidigen zu müssen?

Farin: Der Titel dieses Stücks – „Our Bassplayer hates this Song“ – ist kein Witz. Rod, erklär doch mal, warum du ihn nicht willst!

Rod: Für mich entzaubert der Text die Ärzte. Ton Steine Scherben hätten es anders gemacht. Da wir demokratisch abgestimmt haben, habe ich dem Lied leider einen halben Punkt zu viel gegeben. Die Musik ist aber super.

Farin: Ob die Demokratie es braucht, dass wir versuchen, sie zu erklären, weiß ich nicht. Zugegeben, der Text ist nicht sehr Punk-kompatibel, er war mir allerdings ein Anliegen. In Weißrussland riskieren Menschen ihre Gesundheit und Freiheit, indem sie einen Diktator abzusetzen versuchen, der behauptet, die letzte Wahl gewonnen zu haben. Unter anderem äußern sie sich mit Demonstrationen gegen ihn. Und bei uns gehen Leute unter Polizeischutz auf die Straße und skandieren: „Wir leben in der Merkel-Diktatur!“ Die wissen gar nicht, was sie als Deutsche geschenkt kriegen.

Bela: Vor 15 Jahren hätte ich dir für solch einen Text eins in die Fresse gehauen! Ich dachte aber, dieser unerwartete Ausreißer wird der letzte Song auf dem neuen Album. Schon „Hell“ klingt aus mit einem Lied, in dem Farin singt, dass er schwul wird, um die AfD zu bekämpfen. Ein No-Go für eine Band, die sich immer gegen Homophobie ausgesprochen hat. Nur Schülerbands texten so.

Farin: Damit hätten wir den Kreis geschlossen: Das ist meine Verbindung zur Jugend – ich habe mich also nicht einen Meter weiterentwickelt!

Altmeister Bob Dylan hat seine Songrechte für 300 Millionen Dollar an den Universal-Konzern verkauft. Was würden Sie für Ihren größten Hit „Westerland“ verlangen?

Rod: Einige Milliarden wahrscheinlich. Das sind ja Hedgefonds, die diese Rechte kaufen, und keine Musikliebhaber. Die spekulieren darauf, dass sie die Songrechte wahrscheinlich in zehn Jahren für richtig viel Knete weiterverkaufen können.

Farin: Und zwar für doppelt so viel Geld an den Künstler selber.

Eigentlich sollte nächsten Monat Ihre „In The Ä Tonight“-Hallentour starten. Warum wird da nichts draus?

Farin: Seit Monaten haben unser Tourveranstalter KKT und unser Management gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Veranstalterbranche hinter den Kulissen versucht, eine bundesweit einheitliche Regelung für Konzerte zu verhandeln. Das hat – so kurz vor den Wahlen – nicht funktioniert; ein paar Bundesländer würden uns Stand heute Konzerte ohne Abstand mit der 2G-Regel erlauben, andere nicht, oder noch nicht, aber eventuell später… Leider ist eine so große Tour wie die von uns geplante mit derart viel Unsicherheit der Genehmigungslage nicht durchführbar.

Was bedeutet das für die Berlin-Gastspiele in 2022 und die „Buffalo Bill in Rom“-Tour ?

Bela: Wir denken, dass sich bis dahin die 2G-Regel bundesweit einheitlich und flächendeckend durchsetzen wird, wie es im benachbarten europäischen Ausland schon seit längerer Zeit der Fall ist. Außerdem sind die größeren Shows im nächsten Jahr Open-Air-Konzerte, bei denen an der frischen Luft getanzt wird – nochmal etwas ganz anderes als eine Halle im Winter.

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