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Interview
08.09.2021

Julia von Heinz zum Thema Homosexualität: "Mein Vater hat sich geschämt dafür"

Die Regisseurin Julia von Heinz auf der Beerdigung ihres Vaters – eine Szene aus der Dokumentation „Isolation“.
Foto: Notorious Pictures, Maze Picture

Exklusiv Die deutsche Regisseurin Julia von Heinz hat bei den Filmfestspielen Venedig in "Isolation" einen äußerst persönlichen Beitrag präsentiert. Warum das öffentlich machen?

Frau von Heinz, letztes Jahr waren Sie bei den Filmfestspielen Venedig mit Ihrem Film „Und morgen die ganze Welt“ im Wettbewerb um den goldenen Löwen, dieses Jahr sind Sie hier bei den „Giornate degli autori“, den „Autoren-Tagen“, mit dem Dokumentarfilm „Isolation“, der am Montagabend seine Weltpremiere gefeiert hat. Was ist das für ein Film?

Julia von Heinz: Dieser Film ist ein Experiment. Fünf Filmemacher aus unterschiedlichen europäischen Ländern setzen sich jeweils in einer Episode mit der Pandemie-Situation auseinander. Ganz subjektiv. Der italienische Schauspieler und Regisseur Michele Placido, der schwedisch-französische Regisseur Olivier Guerpillon, der belgische Regisseur Jaco Van Dormael, der Brite Michael Winterbottom und ich.

Sie haben sich in Ihrem Beitrag „Meine Väter“ für eine sehr persönliche Geschichte entschieden. Hatten Sie diese Idee von Anfang an?

Von Heinz: Ich hatte im Frühjahr 2020, als Corona über uns hereinbrach, wie viele das Gefühl von einem einschneidenden Erlebnis, das ich irgendwie festhalten musste. Mein Vater starb am ersten Tag des Lockdowns. Da ich in der Beziehung zu meinem Vater immer einmal wieder etwas filmisch festgehalten hatte, hat mein Mann John gesagt: Lass uns beim Auflösen der Wohnung Fotos machen, lass uns das dokumentieren, auch, um die Situation besser zu bewältigen. Wir fuhren dann zurück von Dresden, es war Lockdown, und in dieser Zeit habe ich angefangen, alle Materialien zu meinem Vater zu sortieren. Ich kenne einige Kolleginnen und Kollegen, die in dieser Zeit begonnen haben, alte VHS-Bänder zu digitalisieren und ihr Archiv ein bisschen aufzuräumen. Und so ging es mir auch. Dann kam die Anfrage für diesen Film, und ich sah, dass sich das Thema sehr gut mit der Corona-Situation verbinden ließ. Zum einen, weil Corona mir diese ganze Zeit geschenkt hat, zum anderen weil diese Isolation, die wir alle verspürt haben, sich ganz extrem im Schicksal meines Vaters spiegelt.

"Der größte Verlust, den man sich für einen Menschen vorstellen kann"

In allen fünf Beiträgen von „Isolation“ geht es um Verlust. Bei Michele Placido geht es um den Verlust der Kultur. Olivier Guerpillon thematisiert den Vertrauensverlust in die schwedische Politik, bei Jaco Van Dormael geht es um den Verlust eines geliebten Menschen und die Unmöglichkeit, sich zu verabschieden, bei Michael Winterbottom geht es um eine asylsuchende, alleinerziehende Mutter und ihren Sohn und den Verlust jeglichen sozialen Umfeldes. In Ihrem Beitrag geht es um den Verlust Ihres Vaters und seine Homosexualität, die er nie offen ausgelebt hat.

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Von Heinz: Im Fall meines Vaters sprechen wir tatsächlich von dem Verlust eines ganzen Lebens, was mich sehr traurig macht, weil es ein großes Wort ist. Mein Vater hat fast sechzig Jahre lang gegen sich gelebt und das empfinde ich als den größten Verlust für einen Menschen, den ich mir vorstellen kann.

Ihr Film heißt auf Englisch „Two Fathers“, auf Deutsch „Meine Väter“. Wer ist Ihr anderer Vater?

Von Heinz: Der andere ist der Filmemacher Rosa von Praunheim. Der Titel ist angelehnt an seinen Film „Meine Mütter“ „Two Mothers“. Rosa von Praunheim ist etwas wie mein Ersatzvater und das seit vielen, vielen Jahren. Er ist Vater, Freund, Bruder, Familienmitglied und mein wichtigster Kollege. Mein Vater und Rosa sind fast derselbe Jahrgang. Das war wirklich ein fast schon wahnsinniger Zufall, dass ich mir Rosa gesucht habe [Julia von Heinz war Rosa von Praunheims Assistentin, Anm. der Redaktion]. Rosa, der ganz emanzipativ, offen und kämpferisch mit seiner Sexualität umgeht und demgegenüber mein Vater, von dem ich nicht wusste, dass er schwul war, der sich dafür geschämt hat.

Sie haben erst nach dem Tod ihres Vaters, der aus einer Adelsfamilie stammt, von seiner Homosexualität erfahren. Hat sich das wirklich so zugetragen?

Von Heinz: Ja. Wir kamen in seine Wohnung, – er ist ja überraschend an einem Herzinfarkt gestorben – da stand sein Laptop offen und wir haben gesehen: Aha, auf diesen Internetseiten ist er gewesen, in diesem „Gay“-Forum war er. Ich habe dann unter dem Profil meines Vaters, mit dem er dort gemeldet war, einen Bekannten von ihm angeschrieben, der mir von den letzten Lebensjahren meines Vaters erzählt hat. So habe ich erfahren, dass mein Vater zu „Gay“-Meetings gefahren ist, schwule Männer getroffen hat und Freundschaften mit ihnen geschlossen hat. Eine Beziehung vermute ich nicht, aber zumindest gute Bekanntschaften. Und das alles habe ich nur erfahren, weil ich einfach, praktisch übergriffig, in seinen Computer eingebrochen bin.

Prägend für Julia von Heinz: der Regisseur Rosa von Praunheim

Sie haben ihren Vater schon zu seinen Lebzeiten gefilmt. Gab es die Idee, einen Film über ihn zu machen, schon vor diesem Projekt?

Von Heinz: Nein, das war eher eine Schutzmaßnahme. Ich erzähle das im Film ja auch sehr offen, dass mein Vater ein sehr schwieriges Verhältnis zu uns hatte und jetzt wissen wir auch, warum es so schwierig war. Ich habe ihn oft als aggressiv empfunden. Ich erinnere mich, dass mein Mann damals gesagt hat: Komm, wir nehmen die Kamera mit oder wir zeichnen das auf, wenn du mit ihm telefonierst oder wenn er anruft. Dann können wir das nochmal zusammen anhören und durchsprechen, um zu verstehen, was das mit dir macht und warum dich das ängstigt. Das war der Hintergrund. Dass ich mal wirklich einen Film daraus machen würde, hätte ich nicht gedacht. Aber ich bin so froh, dass es die ganzen Materialien gab.

Der Film ist 20 Minuten, der Stoff reicht locker für mehr. Gibt es die Idee, einen längeren Film daraus zu machen?

Von Heinz: Das will ich nicht ausschließen.

Das Thema des „ungelebten Lebens“, des „nicht ausleben Könnens“ wer man ist, ist sehr universell. Es gibt bestimmt viele Menschen in ähnlichen Situationen, oder?

Von Heinz: Ja, vermutlich. Was mich sehr gefreut hat, ist Folgendes: Rosas Partner Oliver Sechting arbeitet in der schwulen Altenhilfe. Auch dort gibt es sehr viel Einsamkeit. Er möchte den Film in seiner Arbeit einsetzen und seinen Klienten zeigen. Das hat mich glücklich gemacht. Der Film zeigt, dass es beide Wege gibt. Meinen Vater und Rosa als Extrempole so nebeneinander zu stellen, hilft vielleicht wirklich vielen Menschen, die ihre Sexualität immer noch versteckt leben oder auch sehr einsam sind.

Sie sind eine preisgekrönte und erfahrene Filmemacherin, aber in diesem Film erzählen Sie doch sehr viel über sich und Ihre Familie, was, wie ich mir vorstelle, auch nicht so einfach ist. Hatten Sie keine Bedenken? Wie sind Sie damit umgegangen? Auch im Hinblick auf die anderen Familienmitglieder?

Von Heinz: Rosa von Praunheim ist für mich prägend als Filmemacher. Er wirft sich immer ganz und gar als Persönlichkeit in seine Filme hinein. Er ist unheimlich offen mit allem, und ich sehe, wie wohltuend das ist, zu zeigen: Man darf sein, wer man ist! Das hat mich sicherlich ganz stark beeinflusst. Ich hätte dennoch diesen Film nie gemacht, wenn meine Schwester, meine Mutter in allererster Linie oder mein Onkel, der Bruder meines Vaters, Bedenken gehabt hätten. Deshalb habe ich sie alle sehr früh mit einbezogen und war sehr dankbar dafür, dass es bei ihnen keinerlei Bedenken gab. Im Gegenteil! Im Grunde genommen war dieser Film für uns alle ein heilender und versöhnlicher Prozess.

Zur Person Julia von Heinz, 1976 in Berlin geboren, realisierte erste Filme während ihres Studiums „Audiovisuelle Medien“ in Berlin. Von 2005 bis 2006 war sie Mitarbeiterin von Rosa von Praunheim. Ihr Langfilmdebüt gab sie 2007 mit „Was am Ende zählt“. Zuletzt erschien „Und morgen die ganze Welt“.

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