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Miles Davis und Co.

30.08.2019

Irdischer Jazz von den Helden im Jenseits

Jazz-Trompeter Miles Davis im Jahr 1986
Bild: Foto: Jean-Francois Rault/Sygma

Plattenfirmen kramen in ihren Archiven und fördern Unerhörtes ganz Großer zu Tage. Nicht immer muss danach die Musikgeschichte umgeschrieben werden.

Schlagzeilenalarm! Immer, wenn dergleichen im Jazz passiert, dann grüßen mal wieder dessen Superhelden aus dem Jenseits: Seit geraumer Zeit haben die Plattenfirmen wieder den Weg in ihre Archive entdeckt. Dabei fördern sie nicht selten grottenschlechte Ausschussware, manchmal Skurriles oder Fragwürdiges, häufig Überflüssiges und hin und wieder auch Einzigartiges zutage. Durch jene posthum veröffentlichten Aufnahmen längst verblichener Säulenheiliger, die nie zuvor ein Außenstehender zu Gehör bekam, erfährt der Jazz erstaunlicherweise wieder die Aufmerksamkeit, um die Protagonisten der Gegenwart in vielen Fällen vergeblich ringen.

Ein klarer Fall von Störung der Totenruhe

Was aber muss man vom Zustand einer Musik halten, wenn jeder posthume Ton einer Legende als Rettungsaktion für das gesamte Genre wahrgenommen wird? Möglicherweise sind dies Symptome einer unheilbaren Krankheit. Ein Verkaufserfolg sind die „verschollenen“ Alben allemal. Was freilich den Verdacht nahelegt, dass es nur darum gehen könnte, aus einer sterbenden Kuh jedes noch verbliebene Tröpfchen Milch herauszuholen – egal, ob ranzig oder nicht. Dass der Sommer 2019 eine beinahe inflationäre Häufung solcher „Sensationen“ im Jazz bereithält, dürfte kein Zufall sein. Dabei lohnt es sich jedoch, die jeweiligen Objekte der Begierde genauer unter die Lupe zu nehmen. Fake Jazz oder Fame Jazz?

Bei Miles Davis liegt der Fall relativ klar auf der Hand. Das Vermächtnis des genial-größenwahnsinnigen Trompeters beschränkte sich bislang auf das unmittelbar nach seinem Dahinscheiden 1991 eilfertig auf den Markt geworfene Werk „Doo-Bop“ mit dem Rapper Easy Mo Bee. Dafür schreckten raffgierige Produzenten nicht davor zurück, Miles’ Trompetensound aus anderen Aufnahmen herauszufiltern, um dann trendige HipHop-Songs zu basteln. Keiner weiß bis heute, ob das der Meister überhaupt wollte. Ein klarer Fall von Störung der Totenruhe.

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Bei dem in der kommenden Woche erscheinenden Album „Rubberband“ (Rhino/Warner) trifft dies jedoch nicht zu. Dank der Hilfe von Vince Wilburn jr., Neffe und Nachlassverwalter von Miles, sowie des damaligen Produzenten Randy Hall erblickt mit 34 Jahren Verspätung ein Werk das Licht der Öffentlichkeit, das Miles exakt nach seinen Vorstellungen umsetzte, in das er seine besten Ideen und Soli steckte und das als Wendemarke seiner Karriere gedacht war: Dem exzentrischen Maestro stand nach Jahrzehnten beim Branchenriesen CBS, nach der Erfindung des Bebop, des Cooljazz und des Jazzrock, nun bei Warner der Sinn nach Erfolg. Dass dessen Chef Tommy LiPuma allerdings für sein neues Zugpferd andere Pläne hatte, führte zu einer der fragwürdigsten Entscheidungen der Musikgeschichte.

Miles Davis bewundertePrince und James Brown

Man schrieb das Jahr 1985, das Zeitalter von MTV, elektronischen Drums und schillernden Popstars wie Cameo, Scritti Politti, Toto oder Mr. Mister. Miles bewunderte und beneidete sie um das mediale Interesse. Seine erklärten Helden hießen Prince und James Brown. Er, der große Jazzstar, wollte so sein wie sie und dem Habitus des lässigen, schwarzen Pop-Womanizers eine intellektuellere Note verleihen. Nach seinem fulminanten Comeback-Hitalbum „The Man With The Horn“ von 1980 schien die Stoßrichtung für ihn klar. Unter solchen Vorzeichen entstand im Oktober des gleichen Jahres in Los Angeles „Rubberband“ – mit einem Miles Davis in Höchstform. Die Ausrichtung der Session markierte einen radikalen Richtungswechsel in der Vita des damals 59-Jährigen. In jedem der elf Titel dominieren brodelnd-eingängige Funk- und Soulgrooves; als Gastsänger waren Al Jarreau und Chaka Khan vorgesehen. Es sei eine kreative Explosion gewesen, schwärmt Randy Hall, die sich vor allem im Trompetenspiel des „Real Chiefs“ (Wilburn) niederschlug. Doch alle hatten die Rechnung ohne LiPuma gemacht.

Der bekennende Jazzfan wollte unter allen Umständen vermeiden, dass sich Miles zum MTV-Clown degradieren ließ. Dafür hatte ihn LiPuma nicht zu Warner geholt. Außerdem gefiel ihm „Rubberband“ ganz und gar nicht. Also setzte er alle Hebel in Bewegung, um den Trompeter aus seiner Sicht wieder auf die richtige Spur zu bringen. Er engagierte hippe, aber durchaus angesehene Jazzmusiker wie George Duke und Marcus Miller und drängte diesen dazu, „Tutu“ aufzunehmen – was im Nachhinein mitnichten ein Malus für Miles’ Karriere darstellte. Die Funk- und Soul-Palastrevolution des „Schwarzen Prinzen“ verschwand in der Asservatenkammer des Weltkonzerns.

Als Tommy LiPuma 2017 starb, löste sich der jahrzehntelange Bannfluch in Luft auf. Warner bat Vince Wilburn jr. und Randy Hall, das unvollendete Werk endlich abzuschließen. Dazu engagierten sie aktuelle Popstars wie Lalah Hathaway, Ledisi und Medina Johnson. So entstand ein Album auf zwei Zeitebenen: starker Achtziger-Einschlag der Originalaufnahmen plus moderne perkussion-, gitarren- und keyboadlastige Bearbeitungen. Ein pfiffiges Spannungsfeld. „Inzwischen gibt es ein neues Publikum, das Miles entdecken will“, glaubt Randy Hall. „Es kennt die alten Sachen nicht mehr, also können wir sie mit neuen Songs begeistern.“ Und Wilburn glaubt: „Onkel Miles wäre stolz gewesen!“ Dennoch bleibt die Frage offen: Miles Davis als Popstar – hätte das wirklich funktioniert?

Ein weiterer Fund aus dem Erbe des Saxofon-Gottes John Coltrane will an den 2018-Erfolg von „Both Directions At Once“ anknüpfen. Ob das gelingt? Das Album, das ebenfalls dieser Tage auf den Markt kommt, trägt den Titel „Blue World“ (Impulse!/Universal) und entstand am 24. Juni 1964 mit Coltranes regulärem Quartett um McCoy Tyner, Elvin Jones und Jimmy Garrison. So weit, so schick. Dass es zwischen den Sessions der legendären Alben „Crescent“ und „A Love Supreme“ entstand, vergrößert die Erwartungshaltung sogar. Den Anstoß dazu gab der kanadische Filmemacher Gilles Groulx, ein glühender Coltrane-Fan, der sein Idol unbedingt in seiner kühl stilisierten, politisch aufgeladenen Dokumentation „Le chat dans le sac“ (Die Katze in der Tasche) dabeihaben wollte.

Nicht jede Bagatelle ist eineJahrhundert-Entdeckung

Der als schwierig geltende Saxofonist stimmte erstaunlicherweise zu. Groulx wünschte sich von „Trane“ eine Reihe bekannter Songs wie „Naima“, „Village Blues“ und „Like Sonny“, die Band begann zu jammen und nahm über Stunden Material für das Filmprojekt auf. Tatsächlich fanden dann rund zehn Minuten davon Verwendung in „Le chat dans le sac“, aber keines der Stücke erschien auf regulären Coltrane-Alben. Nach der Fertigstellung des Films landeten die Bänder im Archiv des National Film Board of Canada, um 55 Jahre danach wieder ausgegraben zu werden. Sammler dürfte dies freuen, und auch die frische, souveräne Direktheit der vier Könner, die so heute kaum mehr möglich scheint, verblüfft einmal mehr. Die Geschichte des Jazz muss aber deswegen nicht gleich neu geschrieben werden.

Wie viel Bill Evans braucht der geneigte Jazzfan? Schon zum dritten Mal überrascht das Archäologen-Label Resonance mit einer unveröffentlichten Studio-Session des Piano-Innovators, der mit seinem Trio um Scott LaFaro und Paul Motian Jazzgeschichte schrieb. Hier probierte er in England mit seinem neuen Drummer Marty Morell sowie Bassist Eddie Gomez bekannte und weniger bekannte Standards aus – relaxt, gewohnt lyrisch, aber ohne größere Bedeutung.

Fazit: Nicht jede Bagatelle der Jazz-Analen muss automatisch eine Jahrhundert-Entdeckung sein.Weitere werden (leider) folgen.

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