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Rollenbilder

12.04.2018

Ist der „Alpha-Softie“ der viel gesuchte neue Mann?

Wie soll der Mann in Zukunft beschaffen sein?
Bild: Fotolia

Bedroht der neue Feminismus die Männlichkeit oder ist es höchste Zeit ist für den emanzipierten Mann? Wie das männliche Rollenbild ins Wanken kommt.

Auf der einen Seite steht ein Wutausbruch, der auf Selbstbehauptung zielt – auf der anderen selbstkritische Einsicht, die ein neues Verständnis und Verständigung sucht. Willkommen in den Widersprüchen des Manns im 21. Jahrhundert.

Das eine war vor einer Woche unter dem Titel „Der bedrohte Mann“ eine viel beachtete und kontrovers diskutierte Abrechnung des Feuilletonchefs der Zeit, Jens Jessen. Er sah in der Folge der #MeToo-Debatte eine Tendenz zum „totalitären Feminismus“: „Heute ist alles, was Männer tun, sagen, fühlen oder denken, falsch – weil sie dem falschen Geschlecht angehören.“

Das männliche Rollenbild wankt

Das andere ist in der aktuellen Ausgabe nun die Entgegnung von Bernd Ulrich unter dem Titel „Man irrt“, der eine schuldbewusste Emanzipation des Mannes fordert: „Macht es Männer nicht freier, freiwillig in die Verantwortung für das Patriarchat einzutreten…?“ Und meint, es gehe mit den gerechtfertigten Herausforderungen durch den neuen Feminismus ohnehin darum, ein neues Verständnis von Männlichkeit zu gewinnen, statt das alte zu verteidigen.

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Es sind gegensätzliche Reaktionen auf den gleichen Befund: Das männliche Rollenbild wankt. Der Europarat in Straßburg hat tatsächlich einen Gutachter für Männerfragen, es ist der Schweizer Soziologe Walter Hollstein, und der beschreibt das grundsätzlich so: Die männliche Identität habe „sich seit Jahrhunderten primär aus Arbeitsleistung bestimmt“ und daraus, „für die eigene Familie verantwortlich zu sein. Bricht dieses Verständnis von Männlichkeit zusammen, brechen auch die Grundfesten von Männlichkeit weg.“ Das ist die Basis.

Wer das ergänzt durch eine Wertung der Folgen haben will, liest im Buch „Unsagbare Dinge“ (Nautilus, 288 S., 18 ¤) der britischen Feministin Laurie Penny: „Jungen Männern wird beigebracht, sie lebten in einer Welt der ökonomischen und sexuellen Möglichkeiten, und wenn sie wütend sind oder sich fürchten, wenn sie sich von widersprüchlichen Erwartungen bedrängt oder bedroht fühlen, unter dem Druck, männlich zu handeln, Geld zu machen, Dominanz zu demonstrieren, viele hübsche Frauen zu ficken und dabei ein anständiges menschliches Wesen zu bleiben, dann sei ihre Pein der Fehler von Frauen oder Minderheiten.“ Das ist die Eskalation.

Bei Buben wird viermal so häufig ADHS diagnostiziert

Zwischen Basis und Eskalation aber gibt es nüchterne Statistiken, die zeigen, dass der gesellschaftliche Platz des Mannes tatsächlich grundlegend zum Problem geworden ist. Etwa, dass etwa viermal so häufig bei Buben wie bei Mädchen ADHS diagnostiziert wird; dass bei Männern die Suizidrate dreimal so hoch ist wie bei Frauen (während diese häufiger einen Burn-out erleiden).

Auch ohne Statistik lässt sich zudem konstatieren, dass es unter den Heranwachsenden vor allem die männlichen sind, die die ungeheuren Klickraten der völlig schrankenlos zugänglichen Pornografie im Internet verursachen. Zu welchem Frauenbild und zu was für einer Erwartung an die eigene Erotik und Sexualität das wohl führt? Und es zeigt sich, welche Auswirkungen es für die Väter selbst, aber auch für ihre Töchter und vor allem Söhne hat, dass Männer heute in der Familie und bei Erziehungsaufgaben im Durchschnitt präsenter sind als je zuvor – selbst getrennt lebend kümmern sie sich heute zumeist mehr und intensiver um den Nachwuchs. Die Folgen: Partnerschaften auf Augenhöhe, präsentere Väter, emotional geprägte Beziehungen, ein Wandel der Rollenbilder.

Für den Moment ergibt das ein diffuses Bild der Männlichkeit, changierend zwischen alten und neuen Zügen. Wer von Krisen lesen will, in die diese Unsicherheit in jedem Mannesalter führen kann, dem sei der Roman des Briten David Szalay empfohlen: „Was ein Mann ist“ (Hanser, 512 S., 24 ¤). Zur Kreation eines neuen Idealtypen aber hat das auch bereits geführt: Der „Alpha-Softie“ soll das Gute vom alten mit dem Guten des neuen Mannes vereinen: ein Kerl, aber sensibel und kommunikativ, kinderlieb und cool dabei. Das richtige Gegenüber für die emanzipierte Frau. So war es gedacht.

Eines soll der neue Mann aber auf keinen Fall sein: langweilig

Wer aber inzwischen die Abgesänge auf all die feingliedrigen Vollbärtigen hört, sieht eine plötzliche Allianz zwischen der Wut Jens Jessens und dem Spott des Frauenmagazins Edition F. Wer den Mann von der emanzipierten Partnerin her beschreibt und ihn hauptsächlich durch möglichst große Ferne vom Patriarchen definiert, macht ihn zwar weniger problematisch, aber vor allem auch: langweilig.

Wer die Emanzipation von Mann und Frau andererseits nicht aufeinander bezieht und als reines Projekt der Selbstverwirklichung beschreibt, landet dort, wovon der Autor Michael Nast bereits in seinem Buch „Generation Beziehungsunfähig“ und nun auch in seinem ersten Roman „#Egoland“ (Edel, 432 S., 17,95 Euro) berichtet: dem Tod der Liebe.

Der Mann in den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: Er braucht wohl die leidenschaftliche Selbstbehauptung eines Jens Jessen – und die Verbindlichkeit im Denken eines Bernd Ulrich. Die Frauen könnten ihn für das Zweite schätzen und im Ersten begehren – und ihn somit insgesamt lieben.

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